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Gesellschaft

Megatrends machen den Kirchen zu schaffen

Die Synodalen beschäftigten sich am Einführungstag mit der Zukunft ihrer Kirche. Trotz Mitgliederschwund sieht die nicht schlecht aus, meinte Unternehmensberater Markus Fricker.

Die Statistik spricht gegen die Volkskirchen: Seit Jahren hält der Mitgliederschwund an und die Finanzen ­nehmen ab. Grund genug für die Verantwortlichen, sich mit der Zukunft ihrer Kirche auseinanderzusetzen. In Balsthal tat dies die Synode am Einführungstag der neu gewählten Mitglieder. Nach dem Gottesdienst, in dem die Parlamentarier feierlich in die Pflicht genommen wurden, besuchten sie den eintägigen Workshop, den der Unternehmensberater und Pfarrer Markus Fricker gestaltete. Fricker wollte nichts beschönigen. Die sinkenden Mitgliederzahlen und Finanzen, der gesellschaftliche Wandel, der Traditionsabbruch und der Bedeutungsverlust mache den Volkskirchen zu schaffen.

Megatrends arbeiten gegen die Kirchen
Die Zahlen sind deutlich: 1994 waren noch 79 Prozent der Schweizer Mitglieder einer christlichen Kirche. 2010 noch 66 Prozent. Und für 70 Prozent der 16- bis 24-Jährigen habe die Kirche wenig Bedeutung. Prognosen sagen voraus, dass 2040 nur noch 20 Prozent der Bevölkerung reformiert sei. Markus Fricker ortet die Gründe dieser Entwicklung weniger in der Quali
tät der kirchlichen Arbeit als in den gesellschaftlichen Megatrends. Die Landeskirchen stünden vor ganz anderen Herausforderungen als vor 50 Jahren, erklärte Markus Fricker.
Heute bastle sich jeder seine Patchwork-Religion zusammen etwa aus Buddhismus, Christentum und einer Prise Aufklärung. Hinzu käme der Abbruch der Tradition, der sich daran zeige, dass weniger Paare ihre Kinder zur Taufe brächten. «Selbst in der Christnacht bleiben Bankreihen leer und viele verbinden Ostern vor allem mit Eiern und Schoggihasen», sagt Markus Fricker.

Karl Barth auf dem Cover des «Time Magazins»
Die zunehmende Mobilität und Arbeitsbelastung führten dazu, dass der Bezug zum Wohnort fehle und man sich nur punktuell engagiere. Zudem könne die Kirche mit ihren schlichten Gottesdiensten mit den Grossevents nicht mithalten.
Eindrücklich demonstrierte Markus Fricker den Bedeutungsverlust der Kirchen mit der Titelseite des «Time Magazins» von 1962, das Karl Barth zeigte. Der Basler Theologe galt damals als wichtigste moralische Instanz in der Welt, auf die man hörte. Heute gebe es da allenfalls noch den Obdachlosenpfarrer Ernst Sieber.
All diese Schwierigkeiten sind für den Unternehmensberater jedoch kein Grund zu resignieren oder die Augen vor den Fakten zu verschliessen. Im Gegenteil, Fricker rief die Synodalen auf, die gesellschaftliche Veränderung als Chance zu sehen, auf die ­eigene Substanz und Botschaft zu vertrauen und Visionen und Ziele zu entwickeln. «Wer den Zielhafen nicht kennt, für den ist kein Wind günstig», zitierte Fricker Marc Twain. Die Synodalen diskutierten engagiert Frickers Thesen.

Und was rät der Unternehmensberater der Kirche? Sich der Entwicklung nicht verschliessen und akzeptieren, dass die Volkskirchen zu «Kirchen bei Gelegenheit» werden, aus deren Angeboten man in bestimmten Lebensphasen oder aufgrund des Interesses etwas Passendes auswählt. «Wichtig ist, dass sich die Kirchgemeinden ein klares Profil geben und es dann verschiedene Stile zulassen - beispielsweise mit traditioneller, sozialer, evangelikaler oder unkonventioneller Ausprägung.
Statt nur abzubauen, sollte sich die Kirche überlegen, auf was sie sich beschränken, wo sie investieren und wo sie ihr Profil schärfen will. Hier sieht Markus Fricker drei Bereiche: rituelle Lebensübergänge wie Taufe, Hochzeiten Beerdigungen, die sie freier gestaltet, Gottdienste, an ­denen sich viele aktiv beteiligen und diakonische Projekte, die andere nicht anbieten.

22.3.18 / Tilmann Zuber, Kirchenbote