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Kultur

Perfektion ist nicht das Ziel

Der Musiker Martin von Rütte begeistert die Leute mit seinem Chorprojekt seit acht Jahren für das Singen und die Musik von Bach. Das emotionale Erlebnis ist ihm wichtiger als der glatte Auftritt.

«Jeder kann singen», meinte schon der Lehrer in der Schule. Aber kann auch jeder Bach singen? Martin von Rütte ist überzeugt davon. Zum achten Mal führt der Musiker in der Karwoche mit einem Laienchor ein Werk von Johann Sebastian Bach auf. Manche haben nie zuvor in einem Chor gesungen. «Breitensingen», nennt von Rütte das, analog zum Breitensport.
Schon Martin von Rüttes Eltern liebten die Musik von Bach. Von Rütte, der in Liestal die Singschule MartinVoice leitet, wird nie müde, die Werke des Barockkomponisten zu hören, zu singen, zu dirigieren und aufzuführen. «Obwohl Bach mich durch mein ganzes Leben begleitet, kenne ich noch nicht alle seiner Kantaten.» Dieses Jahr führt der gebürtige Berner Oberländer mit seinem SingBach-Projekt-Chor zum zweiten Mal die Matthäuspassion auf.

Worte mit starker Wirkung
Weil die Matthäuspassion eine in sich abgeschlossene Geschichte ist, eigne sie sich als «geistliche Fast-Oper» auch besonders gut für unerfahrene Sängerinnen und Sänger, sagt Martin von Rütte. Die Aufgabe der zwei Chöre sei es über weite Strecken, das Geschehen der Passionsgeschichte aus der Sicht des Volkes, der Jünger und anderen zu kommentieren. «Worte wie ‹Er ist des Todes schuldig› entfalten durch das achtstimmige Rufen eine unglaublich starke Wirkung.»
Man spürt die Leidenschaft, wenn der Musikpädagoge über sein Bach-Projekt spricht. Sein Körper ist in Bewegung, die Hände fliegen, die langen Haare wehen. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, dass er jeden zum Singen bringt und mit seiner Begeisterung ansteckt. «Bach für alle», möchte man rufen, befreit von den Zwängen gehobener Konzertkultur.
In die Aufführungen kämen Angehörige und Freunde der Chormitglieder, die sonst wohl kein Bach-Konzert besuchen würden. Da erlebe man rührende Augenblicke, sagt Martin von Rütte.
Dem 53-Jährigen geht es nicht um Perfektion. Er liebt die Herausforderung, die Ecken und Kanten, die ein solches Projekt mit sich bringt. Die «Bach-Polizei» sehe das nicht so gerne, lacht von Rütte. «Wir leben Bach und tauchen in die Musik ein.»

Mit Vertrauen gelingt es
Die Proben dauern von November bis April. Das ist nicht lange für einen Chor, dem man sich ohne Vorsingen anschliessen kann und der sich jedes Jahr in neuer Zusammensetzung finden muss. «Es ist ein Vabanque-Spiel. Doch das grosse Vertrauen in unser Wirken macht das Gelingen möglich», meint von Rütte. In den letzten Jahren sei das Einstudieren einfacher geworden, denn viele Sängerinnen und Sänger lassen sich vom Bach-Fieber anstecken und bleiben dem Chor treu.
Von Rütte führt mittlerweile zwei Chöre, einen in Basel und einen in Liestal. Dieses Jahr machen insgesamt 62 Frauen und Männer mit. «Der Klang des Chors ist packend, die Musik ‹tobt› und tröstet äusserst berührend. Das Singen setzt Emotionen und Energie frei.» Der Musiker hat die Erfahrung gemacht, dass viele das Singen der Choräle als Trost und Erlösung erleben. «Wir erarbeiten etwas zusammen. Bach gibt Vertrauen in das, was wir tun.»

22.3.2018 / Karin Müller, Kirchenbote