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Leben & Glauben

Die Agenten Gottes mit den blauen Plakaten

Die Agentur C mit Sitz in Lyss hängt in allen Schweizer Landesteilen auffallende blaue Plakate mit Bibelversen aus – seit mehr als 30 Jahren. Möglich macht es ein mehrtausendköpfiger, überkonfessioneller Gönnerkreis.

Man sitzt im Zug und fährt in die Stadt, um sich vom Spezialisten einen schwierigen Weisheitszahn herausoperieren zu lassen. Allerlei Befürchtungen und Ängste geistern einem durch den Kopf. Da fällt der Blick plötzlich auf ein grosses blaues Plakat an der Wand eines alten Güterschopfs. «Fürchte dich nicht – die Bibel», steht hier in grossen gelben Lettern unübersehbar geschrieben. Weiter nichts. Eine beruhigende Botschaft zur rechten Zeit? Ein allgemeiner Denkanstoss? Ein Ärgernis? Oder gar ein lebensverändernder Impuls?

So oder so: Es dürfte nur wenige Leute in der Schweiz geben, denen nicht irgendwo eines dieser Plakate mit einem Bibelvers schon aufgefallen wäre, in Deutsch, Französisch oder Italienisch, an offiziellen Aushängestellen am Bahnhof, an der Strasse, in Unterführungen, an Häuserzeilen, aber auch auf privaten Grundstücken.

Erweckter Unternehmer
Hinter diesen minimalistisch gestalteten und daher umso wirkungsvolleren Plakaten steckt die Agentur C – mit C wie Christus. Gegründet wurde sie 1985 von Heinrich Rohrer, dem einstigen Inhaber der Sipuro AG in Münsingen. Der Drogist und Unternehmer, der während des Besuchs eines landeskirchlichen Gottesdienstes ein Erweckungserlebnis hatte, gründete daraufhin mit zwei Mitstreitern die Agentur für Christus, heute Agentur C genannt. Sie machte es sich zur Aufgabe, biblische Inhalte zu propagieren – mit Mitteln, mit denen üblicherweise für weltliche Produkte und Dienstleistungen geworben wird. Ursprünglich waren es hauptsächlich Zeitungsinserate, später kamen Gross- und Kleinplakate hinzu, Postkarten, Broschüren, bedruckte Zuckerbriefchen und Gratisbibeln.

Diese Aktivitäten finanzieren sich zu hundert Prozent aus Spendengeldern, die dem Verein aus einem wachsenden, heute mehrere tausend Personen umfassenden Gönnerkreis zufliessen. Der sechsköpfige Vorstand arbeitet ehrenamtlich, hinzu kommen 130 bezahlte Stellenprozente. «Das Wort Gottes wurde uns geschenkt; es wäre verfehlt, wenn wir damit ein Geschäft machen wollten», sagt Vereinspräsident Peter Stucki aus Lyss. Vielmehr hat es sich der Verein auf die Fahne geschrieben, dieses Geschenk mittels Werbung weiterzuschenken, an all jene, die Augen haben zu sehen beziehungsweise zu lesen.

Grundsätzlich an alle also, denn mit Exklusivität hat Peter Stucki nichts am Hut. Entsprechend sind Verein und Gönnerschaft überkonfessionell; sie setzen sich aus reformierten und katholischen Menschen wie auch aus Mitgliedern von Freikirchen zusammen. «Wir Christen denken leider zu institutionell; lieber sollten wir einig sein in Christus», hält der Präsident fest. Er selber gehört der reformierten Berner Landeskirche an, dazu einer Gemeinschaft, die sich als christliche Bewegung versteht, aber nicht als Freikirche organisiert ist.

Jeder soll es selber wissen
Peter Stucki, der nächstes Jahr 70 wird, verströmt Energie wie ein Junger. «Sie merken sicher, dass ich Feuer im Bauch habe», sagt er. Und: «Ich bin ein Fan von Jesus.» Das Wort Gottes unter die Leute zu bringen sei das Ausbringen der Saat; ob und bei wem sie aufgehe, liege jedoch in anderer Hand. «Wir können Gott nicht verkaufen, er verkauft sich selbst.» Entsprechend betreibe die Agentur C auch keine Mission im Sinne von Überredung; jene Leute, die sich angesprochen fühlten, müssten selber wissen, was sie damit anfangen wollten.

Die Agentur lanciert jedes Jahr eine neue Kampagne mit einer Auswahl von sechs bis acht Versen und insgesamt 5000 bis 7000 Plakaten. Bestimmt werden die Verse von einer Findungsgruppe in einem längeren Prozess. «Ein Vers kommt nur aufs Plakat, wenn jedes Gruppenmitglied auch wirklich dazu stehen kann», betont Stucki.

Zwei wichtige Kriterien seien allgemeine Verständlichkeit und Knappheit; zu diesem Zweck werde schon mal ein längerer Vers um die Hälfte gekürzt. Wichtig sei auch, nicht das Bild eines strafenden Gottes zu vermitteln, der den Ungläubigen mit höllischer Strafe drohe. «Der Herr gebe dir Frieden», heisst es heuer zum Beispiel. Oder auch: «Vertraue auf Gott.» Und: «Vergebt einander.» Absender ist immer: «Die Bibel».

Umkehr auf der Dachterrasse
Ob die Kampagne wirkt, die Saat also aufgeht? «Das kontrollieren wir nicht», sagt Peter Stucki. «Kann sein, dass es auch Leute gibt, die sich ärgern.» Und doch ist er überzeugt, dass es Hunderte, ja Tausende gibt, sie sich in der einen und anderen Form angesprochen fühlen. Denn jede dankbare Rückmeldung lasse auf positive Erfahrungen weiterer Leute schliessen. Wie etwa jener Frau, die sich vom Dach eines Einkaufszentrums in den Tod stürzen wollte. Kurz vor dem Sprung fiel ihr Blick auf ein blaues Plakat tief unten an der Strasse mit der grossen gelben Aufschrift «Ich bin der Herr, dein Arzt». Die Frau las den Vers, besann sich anders und stieg vom Dach.

Hans Herrmann, reformiert.info, 12. April 2018

«Direkt und anspruchsvoll»
«Plakataktionen sind für christliche und speziell für biblische Botschaften sehr sinnvoll», sagt Frank Worbs, stellvertretender Leiter Kommunikation des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes. So bedienten sich auch der Kirchenbund und die Schweizer reformierten Kirchen etwa alle drei Jahre dieses «sehr direkten, aber auch anspruchsvollen Mediums», um den Glauben zu thematisieren. Wie zum Beispiel bei der Botschaft zum Reformationsjubiläum «quer denken – frei handeln – neu glauben». Die besondere Herausforderung für die Kirchen sei es, eine wertvolle Botschaft in höchstens zwölf Worten einfach und verständlich zu formulieren, ohne ihre Tiefe und Bedeutung preiszugeben.
Das Vorgehen der Agentur C, einfach die Bibel auf Plakaten zu Wort kommen zu lassen und damit auf das Fundament des christlichen Glaubens hinzuweisen, findet Worbs «sehr gut, auch wenn es vielleicht manche irritiert». Bei alledem sei es bei der Findung geeigneter Verse wichtig zu beachten, dass es durchaus problematische Aussagen in der Bibel gebe, die man niemals, ohne den historischen Kontext zu berücksichtigen, kommentarlos auf ein Plakat drucken dürfte.