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Religionen

40 Wissenschaftler forschen zu Religion in Konflikten

Seit Jahrtausenden spielt Religion in Konflikten eine Rolle. Aber welche? Forschende der Uni Bern wollen Antworten finden. Die Studienleiterin Katharina Heyden im Interview.

Geht es um Religion und Konflikte, füllen sich in Medien rasch die Kommentar- und Leserbriefspalten. Dabei werden Religionen nicht selten gar als Hauptgrund für Kriege genannt. Das stellt auch Katharina Heyden fest. Sie ist Professorin für Ältere Geschichte des Christentums und interreligiöser Begegnungen an der Uni Bern.

Die Theologin und Pfarrerin leitet eine interfakultäre Forschungskooperation mit dem Titel «Religious Conflicts and Coping Strategies», religiöse Konflikte und Bewältigungsstrategien, die am 23. April mit einem Workshop startet. Zusammen mit insgesamt etwa 40 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern will sie während vier Jahren untersuchen, wie in der Vergangenheit mit religiösen Konflikten umgegangen wurde und warum bestimmte Lösungsstrategien erfolgreich waren – oder warum nicht.

Frau Heyden, was sind überhaupt «religiöse Konflikte»?
Das ist eine sehr gute Frage – und die verschiedenen Antworten darauf sind häufig schon Teil eines Konflikts. Manche halten Religion nämlich für ein Grundübel, das Konflikte verursacht; andere meinen dagegen, Religion werde zu Unrecht für Konflikte instrumentalisiert; und wieder andere meinen, manche Religionen seien per se gewalttätiger als andere.

Stimmt denn die zuletzt erwähnte Ansicht?
Die Wahrheit ist wohl, dass jede Religion ambivalent ist und sowohl konfliktträchtige als auch friedensstiftende Potenziale hat. Die Herausforderung besteht darin zu verstehen, an welcher Stelle Religion in einem ganz konkreten Konflikt ins Spiel kommt. Erst wenn wir verstehen, wie das genau passiert, können wir auch adäquate Strategien zur Bearbeitung der Konflikte entwickeln – nicht zuletzt im Umgang mit religiös fundamentalistischem Terrorismus.
Viele religiöse Konflikte verschärfen sich, weil die Lösungsversuche auf der falschen Ebene ansetzen. Im Rahmen unseres Forschungsprojekts verstehen wir unter «religiösen Konflikten» zunächst einmal alle Konflikte, die mit Religion in Verbindung gebracht wurden oder werden. So halten wir das Feld gross genug, um präzisieren zu können.

40 Leute sollen während vier Jahren für Ihre Studie forschen. Wer ist dabei?
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stammen aus der Schweiz, Deutschland, Belgien, Italien, Frankreich, Israel, Russland und China. Sie vertreten die Fächer Theologie, Religionswissenschaft, Rechtswissenschaft, Sozialanthropologie, Psychologie, Politikwissenschaft, Judaistik, Islamwissenschaft, Medien- und Kommunikationswissenschaft, Geschichte, Germanistik.

Warum so viele verschiedene?
Auslöser war eine Ausschreibung der Uni Bern für die Bildung von interfakultären Forschungskooperationen. Zudem habe ich seit Längerem beobachtet, dass es in den letzten Jahren zwar zunehmend religionsbezogene Forschung gibt, dass aber die Theologen dabei häufig nicht beteiligt sind. Ich bin aber überzeugt, dass man die Dynamik von religiösen Konflikten nur anhand von Binnenperspektiven und Aussenperspektiven auf Religion wirklich verstehen kann – da schien mir eine Kooperation das geeignete Gefäss für diese Forschung.

Wie kann man sich die Forschungsarbeit konkret vorstellen?
Manche Gruppen arbeiten an historischem Material, interpretieren zum Beispiel Texte aus der Zeit der Schweizer Religionskriege im 16. und im 19. Jahrhundert und untersuchen, welche religiöse Rhetorik sich in den Quellen findet. Andere arbeiten empirisch. So wird eine Gruppe in den Balkanstaaten und Nordafrika religiöse Gedächtnisfeiern filmen um herauszufinden, welche Rolle Rituale bei der Verarbeitung von Konflikten spielen. Eine andere analysiert die aktuelle Diskussion um das Burka-Verbot in den Schweizer Medien.

Und was schaut dabei heraus?
Obwohl religiöse Konflikte die täglichen Nachrichten füllen, gibt es bisher kein überzeugendes Modell, das die Rolle von Religion in politischen und sozialen Konflikten beschreibt. Das will diese interfakultäre Forschungskooperation ändern. Aus den Einsichten der Untersuchungen werden wir ein theoretisches Modell entwickeln. Dieses soll helfen, die Rolle von Religion in Konflikten differenziert zu beschreiben. Und es soll als Grundlage dienen können, um Fragebögen und Handreichungen zu entwickeln für Politik, Schulen, Sozialarbeit, Religionsgemeinschaften, für Gerichte und Medien.

Marius Schären, reformiert.info, 18. April 2018

Katharina Heyden (41) ist seit 2014 ausserordentliche Professorin für Ältere Geschichte des Christentums und der Interreligiösen Begegnungen an der Universität Bern. Das Studium der evangelischen und katholischen Theologie mit Abstechern in Judaistik, Islamwissenschaft sowie christliche Archäologie und Kunst absolvierte sie in Berlin, Jerusalem und Rom.
Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören multireligiöse Orte und Religionsdialoge in Antike und Mittelalter, die Hermeneutik christlicher Geschichtsschreibung besonders der Kreuzzüge, die Auseinandersetzungen um personale und energetische Gottesbilder in Byzanz, die Geschichte des Mönchtums und der Seelsorge sowie christliche Ikonographie. Katharina Heyden ist ordinierte Pfarrerin und predigt im Berner Münster. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Söhnen im Berner Oberland.