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Gesellschaft

Ewige Liebe – Illusion oder Realität?

Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage, enden die Märchen. Was Dornröschen und ihr Prinz erleben durften, ist für viele Paare unmöglich. Ihre Träume vom gemeinsamen Glück enden mit der Scheidung. Warum?

Im letzten Jahr liessen sich 14 850 Paare scheiden, die Mehrheit nach mehr als 15 Ehejahren. Die überraschende, gute Nachricht: 2017 sanken die Trennungen um 2178.

Trotzdem stellt sich die Frage, welche Halbwertszeit hat die Liebe? Der Kirchenbote wollte es genau wissen und hat die Beratungsstellen für Partnerschaft und Ehe nach den Gründen befragt. Die Umfrage fand in den Kantonen statt, in denen die Kirchenzeitung erscheint.

Für die Psychologinnen und Psychologen steht fest, es gibt die ewige Liebe. Damit meinen sie aber nicht die aufregende Verliebtheit und die Schmetterlinge im Bauch der Anfangsphase. Die -flögen bald davon, erklärt Hildegard -Pfaeffli, Stellenleiterin von «elbe», der Fachstelle für Lebensfragen im Kanton Luzern. «Die Liebe verändert sich im Laufe der Zeit, zwischen den Paaren wächst eine tiefe Verbundenheit. Das Hochgefühl des Verliebtseins verwandelt sich in Zuneigung, Vertrautheit und in das starke Gefühl der Liebe.» 

Das gibt es nicht umsonst: Die Beratenden sind sich einig, dass man in die Liebe investieren muss, und zwar ein -Leben lang. Um die Beziehung lebendig zu halten, müsse man an sich selber -arbeiten und sich darin üben, den anderen immer wieder mit «neuen Augen zu betrachten, um das gegenseitige Verständnis zu bewahren». «Liebe ohne Pflege hat nur eine kurze Halbwertszeit. Sie ist wie eine Pflanze, die ohne Wasser und Licht eingeht, oder wie Musik, die ohne Übung immer schiefer klingt», sagt Hildegard Pfaeffli.

Die Umfrage bei den Beratungsstellen zeigt ein klares Bild, wo die Fallstricke und Beziehungskiller lauern: Wenig Kommunikation, Vorwürfe, überhöhte Ansprüche, das Gefühl, man könne den Partner ändern, Stress am Arbeitsplatz und in der Familie, grauer Alltag, Untreue, Krankheiten sowie fehlende Zärtlichkeiten und Sexualität. All diese Aspekte können im Laufe der Jahre in einen Teufelskreis führen, aus dem die Paare nicht mehr herausfinden.

Die Liebesformel: 1 zu 5

Die Erfahrungen aus der Praxis der Beratungsstellen bestätigt auch die Wissenschaft. Der Mathematiker und Psychologe John Gottman untersuchte die Elementarteilchen der Zuneigung. Jahrelang analysierte der «Einstein der Liebe», wie die Medien Gottman bezeichnen, akribisch die Kommunikation und das Verhalten von Paaren. Gottman stellte fest, dass in unglücklichen Partnerschaften die negativen Interaktionen deutlich überwiegen. Daraus formulierte er seine Formel für eine stabile Partnerschaft: In einer zufriedenen Beziehung beträgt das Verhältnis von positivem und negativem Verhalten mindestens 5 zu 1. Ergo: Eine negative Aktion muss durch fünf positive kompensiert werden, ansonsten hängt der Haussegen schief.

Die meisten Paartherapeuten stimmen Gottman zu. Auch die Psychologieprofessorin Pasqualina Perrig-Chiello, die in einer grossen Studie während sechs Jahren 2000 Personen zur ihrer Partnerschaft befragte. 1000 Geschiedene und 1000 Verheiratete. Ihr Fokus galt langjährigen Beziehungen. Das Ergebnis dieser Studie erschien im letzten Jahr als Buch mit dem Titel «Wenn die Liebe nicht mehr jung ist – Warum viele langjährige Partnerschaften zerbrechen und andere nicht.» 

Das verflixte 50. Altersjahr

Auch langjährige Beziehungen sind kein Garant für Glück, stellt Perrig fest. Im Alter um die 50 ist die Scheidungsrate am höchsten. Und 41 Prozent aller Paare, die seit mehr als 30 Jahren verheiratet sind, bezeichnen sich als unglücklich.

Für Perrig-Chiello ist dies nachvollziehbar: Die Gefühle haben sich abgeschliffen. Vieles ist selbstverständlich geworden. Und Arbeit, Karriere und Familie haben die Beziehung verdrängt. Warum dann noch zusammenbleiben? Die Psychologen raten in der Kirchenbote-Umfrage, lieber früher als später eine Beratungsstelle aufzusuchen. Dann, wenn Probleme die Beziehung permanent belasten, wenn «Sand im Getriebe bleibt», die Konflikte alles andere blockieren und die Partner nicht mehr aus der Sackgasse herausfinden. Oft kämen die Ratsuchenden erst, wenn der Zug schon abgefahren sei, sagt Cornelia Loss-ner von der Fachstelle für Beziehungsfragen Solothurn.

Perrig-Chiello plädiert bodenständig für mehr Realitätssinn, Frustrationstoleranz, bescheidenere Erwartungen und weniger Egozentrik. Zuletzt sei jeder für die Zufriedenheit in der Beziehung selber verantwortlich. 

Für eine zufriedene Beziehung brauche es etwas Glück, erklärte sie gegenüber der «Sonntagszeitung». Und Achtsamkeit. «Es ist doch selbstverständlich, auf das achtzugeben, was einem wichtig ist, weil man es gern hat: sein angetrautes Gegenüber.» 

Tilmann Zuber, Kirchenbote, 23.4.2018