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Spiritualität

Ein Baum fürs Leben

In Herblingen SH wächst der einzige Taufwald der Schweiz heran. Seit mehr als zehn Jahren kommen neue Setzlinge hinzu, wenn Eltern ihren Kindern zur Taufe einen Baum pflanzen.

Laurin Baumann rennt den Waldweg entlang und biegt in ein umzäuntes Gelände, auf dem Jungpflanzen aufwachsen. Der Vierjährige bleibt neben einem Bäumchen stehen, das mehr als doppelt so gross ist wie der Junge. «Das ist mein Baum», sagt Laurin stolz und betastet die zarten Äste. Seine Eltern haben den Speierling zu seiner Taufe gepflanzt. Laurins Name und das Taufdatum sind auf einem Messingschild vor dem Bäumchen verewigt.
Inzwischen sind Laurins Eltern, Denise und Thomas Baumann aus Thayngen, mit den beiden Brüdern von Laurin im Taufwald angekommen. Auch Flurin und Silvan haben ihre eigenen Taufbäumchen. Und das vierte Geschwister, das im Sommer das Licht der Welt erblickt, wird eins bekommen. «Wir kommen gerne hierher», sagt Thomas Baumann. «Es ist schön, einen Baum zu pflanzen, der Wurzeln schlägt, und zu beobachten, wie er gleichzeitig mit den Kindern heranwächst.» Denise Baumann ergänzt: «Die Bäume sind ein Stück Heimat, zu dem die Kinder zurückkehren können, egal was ihnen das Leben bringt.» 


Im Garten getauft

Zum ersten Mal vom Taufwald gehört hatten die Baumanns vom Herblinger Pfarrer Peter Vogelsanger. Er taufte vor zwölf Jahren im Nachbardorf ein Kind im Garten der Familie. Und zur Feier gehörte das Pflanzen eines Apfelbäumchens. «Da habe ich mir überlegt, was mit dem Baum passiert, falls die Familie wegzieht, und ob man nicht einen öffentlich zugänglichen Raum für Taufbäume schaffen könnte, der bleibt», sagt Thomas Baumann. 
Der Pfarrer beriet sich mit dem damaligen Stadtforstmeister Walter Vogelsanger, der im Herblinger Waldgebiet «Kaiserbuck» eine Parzelle für den Taufwald freistellte. Heute bevölkern die Baumarten Elsbeere, Speierling, Spitzahorn, Roteiche, Traubeneiche und Linde das Areal. 
Der Theologe erzählt, dass die Menschen früher bei der Geburt eines Kindes eine Linde gepflanzt hätten. «Dieser Akt feiert die reine Natur», sagt er. «Religion ist aber mehr als pure Natur. Wir pflanzen deshalb bewusst Taufbäume und keine Geburtsbäume.» Durch den Taufbaum werde der Akt der Taufe aufgewertet und schaffe einen Ankerpunkt im Leben. «Vieles verändert sich, der Baum bleibt», sagt er. 
Die ersten Tauffamilien setzten ihre Taufbäumchen im Frühling 2007. In den letzten zehn Jahren fanden rund drei Dutzend Pflanzaktionen statt, und die erste Parzelle ist zu klein geworden. Deshalb dient das Areal gleich nebenan nun auch als Taufwaldgebiet.  
Der Frühling ist die beste Jahreszeit, um Bäume zu pflanzen. Aus diesem Grund findet das Setzen jeweils im Frühling, zeitnah zur Taufe in der Kirche statt. Die Taufe gleich draus-sen im Wald durchzuführen, sei nicht ideal, so Pfarrer Vogelsanger. «Viele Leute schätzen den festlichen Rahmen in der Kirche.» Ganz anders sei die Stimmung dann beim Pflanzen des Taufbaumes. «Da kommen die Familien im Freizeitlook und greifen selber zum Spaten.» 
Der Pfarrer begleitet den Akt, wenn erwünscht mit einem Segen oder einem Gebet. Im Anschluss feiern und verweilen die Tauffamilien oft auf dem Taufwald-Grillplatz. Das städtische Forstamt hegt und pflegt jedes Bäumchen zwanzig Jahre lang und ersetzt es, falls es absterben würde.

26.04.18/Adriana Schneider