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Gesellschaft

Ja zur Stellungnahme, Nein zu Parolen

Die Synodalen der Schaffhauser Kirche wollen, dass sich die Kirche politisch äussert. Beim «Wie» scheiden sich die Geister.

Soll sich die Schaffhauser Kirche politisch äussern? Wenn ja, wie und durch wen? Diese Fragen beschäftigten über 60 Synodale des Kantons Schaffhausen an der ganztägigen Aussprachesynode in der Zwinglikirche. Am Vormittag ging es darum, zur Grundsatzfrage, ob sich die Kirche überhaupt politisch engagieren soll, ein klares «Ja» oder «Nein» zu finden. «Falls wir zu einem ‹Nein› kommen, ist die Aussprachesynode nach dem Mittagessen beendet», sagte die Synodale Marianne Näf von der Vorbereitungskommission. «Kommen wir zu einem ‹Ja›, befassen wir uns am Nachmittag mit der Frage nach dem ‹Wie›.» 

Wächteramt der Kirche

Zum Auftakt erinnerte Kirchenratspräsident Frieder Tramer daran, dass Gott sich in unser Leben einmische. Als Symbol dafür stehe der Abendmahlstisch in unseren Kirchen. «Am gemeinsamen Tisch werden menschliche Bedürfnisse sichtbar, um die es auch in der Politik geht», so Tramer. 
Mit der Gretchenfrage «Kirche wie hast Du’s mit der Politik» schloss Pfarrer Simon Hofstetter vom Institut für Theologie und Ethik des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes SEK an. 
nhand einer Umfrage sprach er über die Erwartungen der Gesellschaft an die politische Rolle der Kirche. Er nannte drei «Fraktionen»: Jene, die politisches Engagement als «kirchliche Einmischung» ablehnen, jene, die es auf «kirchennahe Themen» einschränken und jene, die es als «Kerngeschäft der Kirche» bejahen. 
Dem stellte er den Verkündigungs- und Sendungsauftrag der Kirche entgegen. Denn dieser beruhe auf dem Evangelium und der Mitverantwortung für die Welt als Gottes Schöpfung sowie der Gestaltung der Gesellschaft.
In einem geschichtlichen Abriss beleuchtete er das von Zwingli geforderte «Wächteramt» der Kirche und seine Bedeutung für die heutige Zeit. Hofstetter betonte, dass kirchliche Stellungnahme immer auf gemeinsamer Diskussion basiere und die individuelle Meinungsbildung nicht ersetze, sondern fördere. 

Differenzierte Stellungnahme statt Parolen

In den nachfolgenden Gruppengesprächen sprach sich die Mehrheit der Synodalen bei zwei Enthaltungen und drei Nein-Stimmen für ein politisches Engagement der Kirche aus, wobei die Synodalen äusserten, dass der Schwerpunkt auf differenzierten Stellungnahmen und nicht auf Parolen liegen soll.
Weniger einhellig verliefen am Nachmittag die Diskussionen über das «Wer» und das «Wie». Zu Beginn stellte Simon Hofstetter verschiedene Formen von Stellungnahmen sowie Modelle aus anderen Kantonen vor. In einigen Kantonen agiert der Kirchenrat als politisches Sprachrohr, in anderen ist es die Synode oder beide Gremien äussern sich gemeinsam. 
Als Hilfe für die Themenwahl empfahl er folgende Fragen: Stimmt das Thema mit der jüdisch-christlichen Tradition der Bibel überein? Verlangt es ein Eintreten für die Schwachen in der Gesellschaft? Fördert es die Gemeinschaft? Berücksichtigt es zukünftige Generationen? Ermöglicht es christliche Freiheit und Verantwortung?

Zuständigkeit ungeklärt

Im Anschluss hatten die Synodalen in Arbeitsgruppen die Aufgabe, eine kommende nationale Abstimmungsvorlage auszuwählen und dazu ein Szenario für eine politische Stellungnahme zu entwerfen. Die Mehrheit der Arbeitsgruppen wählte als Thema die Konzernverantwortungsinitiative. Als Form des politischen Engagements sprachen sich die meisten Arbeitsgruppen für Veranstaltungen zur Meinungsbildung wie Podien und Diskussionsrunden aus. Für direkt verfasste Stellungnahmen konnten sich ebenfalls einige erwärmen. Offen blieb die Frage, wer für politische Äusserungen zuständig ist. Einige Arbeitsgruppen sahen diese Aufgabe beim Kirchenrat oder bei einer synodalen Kommission, andere wünschten sich einen Beschluss der Synode. 
Am Ende des Tages stand die Versammlung an einem entscheidenden Punkt. «Nun muss der Brückenschlag von der Theorie in die Praxis erfolgen. Es muss geklärt werden, wer wofür zuständig ist», sagte Simon Hofstetter, der sich von der engagierten Debatte sehr angetan zeigte. An der Herbstsynode wird sich zeigen, ob die Diskussionen um das politische Engagement der Schaffhauser Kirche in eine konkrete Vorlage münden, die das «Wie» und das «Wer» regelt.

26.04.18 / Adriana Schneider