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Gesellschaft

«Wenn die Religion verschwunden ist, ist die Gesellschaft geheilt»

Religion sei «das Opium des Volkes», sagte Karl Marx. Was der Autor «des Kapitals» damit meinte und was er mit seiner Religionskritik anstrebte, erklärt der Religionswissenschaftler Jürgen Mohn.

Am 5. Mai jährte sich der Geburtstag von Karl Marx zum 200. Mal. Der Philosoph schrieb «Das Kapital» und verfasste zusammen mit Friedrich Engels «Das Kommunistische Manifest». Er lieferte damit die theoretischen Grundlagen zum Kommunismus. Weniger bekannt ist, dass Marx sich neben der «Kritik der politischen Ökonomie» intensiv mit der Religion auseinandersetzte.

Der Religionswissenschaftler Jürgen Mohn bedauert es, dass die Forschung heute die Religionskritik von Marx oft nur oberflächlich und verkürzt streife und auf seinen berühmten Ausspruch, Religion sei «das Opium des Volkes», reduziere. Zum Geburtstag von Karl Marx bietet Mohn in Basel einen Kurs an, der das Verhältnis des Philosophen zur Religion beleuchtet.

Religion als Schmerzmittel
Um beim berühmten Opium-Zitat zu bleiben: Dieses werde oft verwechselt mit Lenins abgewandelter Revolutionsparole, Religion sei «Opium für das Volk», erklärt Jürgen Mohn. Marx habe Religion nicht als Droge im heutigen Sinn oder als Mittel zur Unterdrückung verstanden, sondern als Schmerzmittel, als das es im 19. Jahrhundert in erster Linie eingesetzt wurde. «Marx glaubte, dass die Menschen sich der Religion zuwandten, um sich über ihr schlechtes Leben hinweg zu trösten.» Marx gehe davon aus, dass es das Betäubungsmittel Religion nicht mehr braucht, wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse gut sind. «Wenn die Religion verschwunden ist, ist gemäss Marx die Gesellschaft geheilt», sagt Mohn. Man werde Marx nicht gerecht, wenn man nur seine negative Sicht auf die Religion sehe.

«Protest gegen das Elend der Welt»
Mohn versteht Marx‘ Religionskritik als «Protest gegen das Elend der Welt». Dahinter stehe die Absicht, die Gesellschaft zu verändern. «Die Kritik an der Religion plädiert für etwas Besseres, unter anderem für ein anderes Verständnis des Menschen.» Um die Religionskritik von Marx zu verstehen, müsse man andere Denker mit einbeziehen, betont der Religionswissenschaftler. Marx habe sich auf den Philosophen Ludwig Feuerbach, ein Zeitgenosse von ihm, bezogen und dessen Gedanken weiterentwickelt, um sich am Ende zu distanzieren. Beide hätten Gott nicht als transzendentes Wesen begriffen, sagt Mohn. «Für Feuerbach steht Gott für das Vollkommene des Menschen selbst, für das, was sein Wesen ausmacht.» Marx habe mit Feuerbachs Kritik am traditionellen Gottesverständnis abgeschlossen, er wollte die Gesellschaft verändern.

Religionskritik von Feuerbach, Marx und Freud
Jürgen Mohn ordnet Marx in die Entwicklung der Religionskritik vom 19. bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts ein. Dazu gehört neben Feuerbach auch Siegmund Freud. «Marx beschäftigte sich mit der Rolle der Gesellschaft, Freud führte dessen Religionskritik weiter und setzte sich mit dem Individuum und seinen Möglichkeiten auseinander.» Freud habe die Ansicht vertreten, dass die Vernunft, insbesondere die Wissenschaft, die Religion, die eine Illusion sei, ersetzen müsse.

Doch ist Marx’ religionskritischer Ansatz heute noch aktuell? Marx habe keinen direkten Einfluss auf die heutige Diskussion über Religion, so Mohn. Der Psychoanalytiker und Philosoph Erich Fromm habe Marx’ Position ins Positive gewendet und in den Fünfziger- bis Siebzigerjahren eine humanistische Religion formuliert, die sich am Humanismus und dessen Werten orientiert. Gott spielt bei Marx und Fromm keine Rolle mehr. In diesem Sinne bezeichnete Fromm Karl Marx als religiösen Atheisten. Eine Haltung, die heute wieder aktuell sei, verbunden etwa mit Kritik an der gegenwärtigen Gesellschaft.

Religiöser Atheismus statt Schöpfergott
In der Auseinandersetzung mit der Religion macht Jürgen Mohn heute zwei Tendenzen aus. Im Zusammenhang mit dem Islam werde Religion allgemein kritisiert und die Kirchen als institutionalisierte Form von Religion fänden wenig Zuspruch. «Das heisst nicht, dass Religion verschwindet oder grundsätzlich abgelehnt wird.» Denn daneben sehe er das grosse Interesse an Spiritualität und den Erfolg von Autoren wie Alain de Botton («Religion für Atheisten»), André Comte-Sponville («Woran glaubt ein Atheist? Spiritualität ohne Gott») oder Ronald Dworkin («Religion ohne Gott»), die für einen religiösen Atheismus plädieren. Das klassische Verständnis von Religion mit einem Schöpfergott im Zentrum sei hingegen für viele nicht mehr nachvollziehbar.

Wenn Religionen wie das Judentum und das Christentum und ihre Kirchen schlechte bestehende Verhältnisse unserer Gesellschaft unterstützen, würde Marx sie heute wie damals kritisieren, meint Jürgen Mohn. Marx würde ihnen vorwerfen, die Gläubigen mit Illusionen zu vertrösten, anstatt sie darin zu bestärken, etwas zu verändern. Allerdings sei unsere Gesellschaft heute eine ganz andere als zur Zeit von Marx. «Den radikalen Islam würde Marx sicher verurteilen. Er wäre gegen alle Institutionen wie Kirchen und andere Religionsgemeinschaften, die eine Gesellschaft repräsentieren, die den Menschen von sich selbst entfremden, anstatt sich für das nicht entfremdete, menschliche Leben für alle einzusetzen», ist Mohn überzeugt.

Karin Müller, kirchenbote-online, 8. Mai 2018

«Karl Marx und die Religionskritik – von Ludwig Feuerbach bis Erich Fromm», Mittwoch, 16., 23., 30. Mai, 18.15–20 Uhr, Kollegienhaus, Universität Basel, Petersplatz 1, Anmeldung: Volkshochschule beider Basel, vhsbb@unibas.ch, www.vhsbb.ch