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Politik

Israel bewegt seit 70 Jahren

Auch 70 Jahre nach der Gründung ist der Staat Israel fast täglich in den Schlagzeilen. Zurzeit eskaliert der Konflikt mit dem Iran. Drei Schweizer berichten, was sie in Israel erlebt haben und wie sie das Land aus der Ferne wahrnehmen.

Am 14. Mai jährt sich die Staatsgründung zum 70. Mal. Noch immer bewegt Israel die Menschen auf der ganzen Welt. «Und das, obwohl sein Anteil an der Weltbevölkerung nur 0,1 Prozent beträgt», bemerkt Daniel Aebersold. Der Thurgauer verfolgt das Schicksal des Staates, der fast gleich viele Einwohner zählt wie die Schweiz, schon seit Jahrzehnten. Zwei Besuche in den 1970er Jahren hätten in ihm das Interesse an diesem faszinierenden Land geweckt.

Vorbild oder Unterdrücker?
Dass Israel fast täglich in den Schlagzeilen ist, sei schon erstaunlich, sagt Aebersold. Leider würden dabei oft negativ behaftete Ereignisse dargestellt. «Kaum erwähnt werden die Errungenschaften in der Landwirtschaft, in der Wiederaufforstung in Wüstengebieten, im schonenden Umgang mit Wasserressourcen oder im hochentwickelten IT- und Medizinbereich, wovon sehr viele Länder – auch arabische – profitieren.» Israel könne für viele Länder als Vorbild dienen, wie man Hunger, ungerechte Verteilung von Ressourcen und das Zusammenleben verschiedener Kulturen und Religionen fördern kann.

Peter Schüle, pensionierter Pfarrer aus Steckborn, blickt kritischer auf Israel. Zusammen mit seiner Frau Heidi war er 2009 für drei Monate als Menschenrechtsbeobachter vor Ort. Dabei hätten sie zwar Gewalt auf beiden Seiten erlebt, doch eben auch einen ungleichen Konflikt. Heidi Schüle erzählt: «Während für Israeli und jeden Siedler das Zivilrecht gilt mit all seinen Freiheiten, werden die Palästinenser – Muslime genauso wie die einheimischen Christen – in der Westbank seit 50 Jahren mit dem Kriegsrecht unterdrückt und diskriminiert.» Schüles reisen im Mai erneut nach Israel. Unter anderem besuchen sie das Dorf Neve Shalom/Wahat Al Salam, in dem immer gleich viele Juden wie Araber wohnen. Dort wird am 14. Mai jeweils gleichzeitig dem Unabhängigkeitstag von Israel und der Katastrophe der Vertreibung gedacht.

«Israel hat es heute schwerer»
Die Gewalt hat auch Peter Forster hautnah erlebt. Der heutige Chefredaktor des «Schweizer Soldaten» reiste am 7. Oktober 1973 – einen Tag nach dem Ausbruch des Yom-Kippur-Kriegs – als militärischer Korrespondent für die NZZ nach Israel. «In den ersten Monaten vom Oktober 1973 bis zum Februar 1974 ging es schlicht und einfach um das Überleben des Staates», schildert Forster seine Eindrücke. «Wenn ich in Jerusalem nach dem Gang zum Zensor im Café Atara einkehrte, war ich unter zahlreichen Frauen weit und breit der einzige Mann. Die israelischen Männer harrten alle an den beiden Fronten aus. Heute erlebe ich Israel nicht anders. Noch immer bedrohen die Hamas und die Hisbollah den jüdischen Staat, den sie ganz offen ‹von der Landkarte tilgen› wollen. Nur hat es Israel derzeit in der Weltöffentlichkeit viel schwerer als 1948/49 während des Palästinakriegs, 1967 im Sechstagekrieg und 1973.»

Die Wurzeln im Judentum
Geht es um die Verbindung zwischen Judentum und Christentum, stellt Daniel Aebersold allerdings fest, dass sich manche Kirchen der Wurzeln im Judentum verstärkt bewusst werden. Immerhin sei das Land Israel für die Christen der Ort, an dem die wesentlichen Glaubensereignisse geschehen sind. Auch Peter Schüle betont die Verbindung: «In Israel hat Jesus gelebt. Es macht das Land besonders, dass genau dort Jesus allen Menschen verschiedener Religion und Herkunft auf Augenhöhe und mit Nächstenliebe begegnet ist.» Deshalb sei es wichtig, dass auch die Juden ein Land haben, wo sie in Freiheit und Frieden leben können. Das gelte aber umgekehrt genauso für die Palästinenser.

Cyrill Rüegger, kirchenbote-online, 11. Mai 2018