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Leben & Glauben

«Gott nimmt Partei für alle.»

Er wird als «Bruder Ernst» oder «Nationalheiliger» bezeichnet. Pfarrer Ernst Sieber, der in den Siebzigerjahren anfing, Obdachlose aufzunehmen. Am 19. Mai ist er verstorben. Das Interview entstand an Weihnachten vor zwei Jahren.

Ernst Sieber, Sie haben sich ein Leben lang für Obdachlose und Randständige eingesetzt. Was hat Sie dazu gebracht?

Man wird im Leben gerufen. Als Bauernknecht war ich es gewohnt, gerufen zu werden, vom Lauf der Jahreszeiten, vom Boden, vom Himmel und von der Erde. Für mich hat der Ruf mit der Nachfolge Jesu zu tun. Schon als Knabe erlebte ich das. Und dann hat mich meine Mutter geprägt. Sie war auch für jene da, die nichts und niemanden hatten. Die Leute wussten, bei uns bekommen sie stets eine heisse Suppe.

In Ihrem Einsatz für die Randständigen sind Sie mit den Behörden in Konflikt gekommen.
Das ist ja nichts im Vergleich zu dem, was Jesus getan und erlebt hat. Mein Leben sollte «gleich wie Jesus sein». So hat dies der Theologe Dietrich Bonhoeffer ausgedrückt. Die Nachfolge steht an vorderster Stelle. Das trage ich täglich und stündlich im Kopf, im Herzen, in den Beinen und in den Händen.

Kann eine Kirche Kirche sein, ohne den Einsatz für andere?
Nein. Kirche ist immer für andere da. Ich erlebte in den Kirchgemeinden und der Gesellschaft ein immenses Hilfsklima, das mich getragen hat und zum Teil übermütig werden liess.

In Ihrem Engagement sind Sie unermüdlich und haben nie aufgegeben.
Ja. Es sollte da keiner kommen von irgendeiner Partei und mir auf den Fuss stehen. Als Pfarrer habe ich bei der Ordination das Gelöbnis abgelegt, dass ich Gott den Dienst an seinem Wort treu erfülle. Ich versprach, im Gehorsam Jesu Christi gegenüber diesen Dienst mit meinem ganzen Leben zu bezeugen, wohin ich auch berufen werde. 

Zurzeit flüchten Hunderttausende Menschen nach Europa. Sind wir da nicht überfordert?
Als ich einmal im Nationalrat in der Nähe von Bundesrat Villiger sass, sagte ich ihm ins Gesicht, erinnert ihr euch an Matthäus 25, «Ich war fremd und ihr habt mich beherbergt»? Da gibt es kein Wenn und Aber, sondern nur die klare Weisung, ein Herz zu haben, für alle Menschen, die flüchten müssen und Asyl suchen.

Trotzdem, viele in Europa haben Angst vor diesem Ansturm und fürchten sich vor der Migration.
Ich habe in vielen Situationen Angst gehabt. Als Bauernbub fürchtete ich mich, wenn ich alleine im stockdunklen Stall war. Dann habe ich angefangen zu pfeifen, manchmal ein Kirchenlied wie «Grosser Gott wir loben dich». Wenn wir Angst haben, sollen wir singen, pfeifen und uns segnen lassen. Jesus sagt, ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt. Wir leben doch aus dieser Zuversicht. Wir müssen uns zur Solidarität zusammenfinden, dann werden wir das Chaos bewältigen.

Was ist für Sie das Wichtigste im Leben?
Christus. Was ich von ihm in aller Bescheidenheit erhalten habe, an das kommt nichts anderes heran. Christus zeigt sich in der Liebe, die unser Leben erfüllt.

Sie gehen auf die 90 Jahre zu. Denken Sie manchmal an den Tod?
Ich werde nächsten Februar 89 Jahre alt. Das ist wunderbar! Wenn ich mich mit dem Sterben beschäftige, weiss ich, beim Tod bin ich erst recht bei Christus. Doch diese Nähe muss man üben. Es macht nichts, wenn wir diese Todesnähe manchmal erfahren, sie uns durchschüttelt und sie eine Bresche in unser Herz schlägt. Das hilft uns zu erkennen, was das Wichtige im Leben ist. Wir müssen schon die Hände aus dem Sack nehmen, ebenso die Bibel, darin lesen und etwas tun. Dazu eine kleine Anekdote: Ein Pfarrer kommt an einem prächtigen Garten vorbei, in dem ein Bauer Unkraut jätet. «Da haben Gott und Sie schon viel fertig gebracht», meint der Pfarrer. «Da hätten Sie einmal den Garten sehen sollen, als er noch Gott alleine gehörte», erwidert ihm der Bauer.

In diesen Tagen feiern wir Weihnachten.
Ja. Weihnachten und Bethlehem ist eine Revolution. Denken Sie nur, welche soziale und politische Revolution Jesus ausgelöst hat. Die Weihnachtsbotschaft, die Heilsverheissung gilt allen Menschen, ob privat oder der ganzen Gemeinde Christi. Die Hungernden in der Welt und die Bedürftigen bei uns müssen Brot und Liebe erhalten. Einmal sass ein Obdachloser in der Kirchenbank, als das Abendmahl verteilt wurde. Er nahm den Kelch, setzte ihn an und trank und trank. Der Kirchenpfleger dachte, der Obdachlose gebe den Kelch zurück. Nachdem er den Wein getrunken hatte, nahm er eine Handvoll Brot und ass es auf. Dann wandte er sich zur Gemeinde und sagte: «Das isch jetzt guet gsi!» Genau das ist das Abendmahl, das gemeinsame Mahl. Es tut gut und verkündet das Heil.

Was ist für Sie die Weihnachtsbotschaft?
In der Weihnachtsgeschichte wird Gott Mensch. Jeder Mensch darf die Akzeptanz und Zuneigung Gottes für sich in Anspruch nehmen, auch die Flüchtlinge und Bedürftigen. Gott nimmt Partei für alle. Die Menschenwürde ist nicht zu verdienen, sie ist angeboren. Die Welt hat durch Christus einen Kompass für das politische und gesellschaftliche Leben erhalten. 

Tilmann Zuber, kirchenbote-online.ch, 21. Mai 2018 (Das Interview entstand 2016)