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Kirche

Kommt die Fussball-Kirche?

Zürich plant eine Kapelle im neuen Stadion. Das Projekt ist keine Schnapsidee: In etlichen Stadien im Ausland gibt es Kapellen, in denen Fans beten und sich trauen lassen.

Zurzeit geben die Zürcher Fussballklubs wegen Hooligans, entlassener Trainer und Baueinsprachen zu reden. Doch das soll besser werden: Die Projektteams, die sich für den Bau der neuen Arena auf dem Hardturm bewerben, müssen im Stadion eine Kirche einplanen. Neben Garderoben und Vip-Lounges soll ein 120 Quadratmeter grosser «Raum der Stille» entstehen. Wie Urs Spinner, Sekretär des städtischen Hochbaudepartements gegenüber dem «Sonntagsblick» erklärt, sei der Wunsch nach einem Andachtsraum von kirchlichen Kreisen an sie herangetragen worden. Grossmünster-Pfarrer Christoph Sigrist zeigt sich von dieser Idee begeistert: «Die Kirche muss dort präsent sein, wo die Menschen sind. Sport ist getränkt mit Spiritualität. Deshalb sind Fussballkapellen nötig.»
Auch bei den Fans stösst die Idee auf gutes Echo. «Ich kann mir gut vorstellen, dass es auch Fans gibt, die den Andachtsraum nutzen werden», sagt etwa Raphael Bienz, Präsident der IG GC Züri, gegenüber «20min». FCZ-Präsident Ancillo Canepa erhofft sich vom «Raum der Stille» neue Impulse gegen das Gewaltproblem im Fussball: «Vielleicht kommt mit dem Andachtsraum ein neuer Geist in die Fussballstadien und es entstehen weniger Probleme mit den Hooligans», so Canepa. 

FC Luzern und FC Basel
Auch in anderen Städten kann man sich Kapellen in Fussballstadien vorstellen. Sie würde einen solchen Raum beim FC Luzern begrüssen, erklärt Ursula Stämmer, Synodalratspräsidentin der Reformierten Kirche Kanton Luzern, aber nur als ökumenisches Projekt.In Basel drängt sich dies schon vom Namen her auf. Am St.-Jakob-Park führt ein alter Pilgerweg vorbei. In Basel ist die Idee einer Stadionkapelle in den letzten Jahren immer wieder aufgetaucht. Die Initianten fragten die Kirchen an. Martin Stingelin, Präsident der Baselbieter Kirche, findet dieses Projekt grundsätzlich gut und prüfenswert. In der Stadt stösst das Projekt auf weniger Interesse, zudem kann sich die Evangelisch-reformierte Kirche Basel-Stadt schon aus finanziellen Gründen nicht an der «Joggeli»-Kirche beteiligen, wie der Medienbeauftragter Matthias Zehnder erklärt.Im Ausland haben Kirche und Fussball weniger Berührungsängste: Schreiten die Stars des FC Barcelona zum Spiel in die Arena, so kommen sie an der Kapelle vorbei, in der die Madonna zum Gebet einlädt. In der Bundesliga gibt es Stadionkapellen auf Schalke in Gelsenkirchen, im Olympiastadion in Berlin und in der Commerzbank-Arena in Frankfurt am Main. Und die werden genutzt. 

Taufe und Trauungen der FansIn der Veltins-Arena in Gelsenkirchen findet fast jede Woche eine Trauung von Schalke-Fans statt. Im Olympiastadion Berlin feiert der Prälat Bernhard Felmberg mit den Fans vor dem Spiel eine Andacht. Die Kapelle sei voll und es sei schön zu hören, wenn die Fans Lieder wie «Lobe den Herrn» schmettern. Nach dem Spiel stehe die Kapelle für die Spieler bereit. «Die Stadionkapelle ist für sie die erste ruhige ‹Auffangstation› nach der Umkleidekabine», erzählt Felmberg. «Wir beten gemeinsam das Unser Vater und stellen uns unter den Segen Gottes.»

Tillmann Zuber, 24. Mai 2018