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Gesellschaft

Anna Tschannen, Coiffeur

«Mehr als nur ein Haarschnitt»

24.05.2018
Anna Tschannen schneidet Obdachlosen in Basel die Haare. Sie sagt, Menschen sollte man nicht nur nach dem Äusseren beurteilen, weil dabei die innere Schönheit verloren geht.

Ich bin Coiffeur, Maskenbildnerin und Tänzerin. Seit über zehn Jahren schneide ich Obdachlosen in Basel die Haare. Und sozial Benachteiligte können dienstags während des «Tischlein deck dich» in meinen «mobilen Coiffeursalon» in der Offenen Kirche Elisabethen kommen. Freitags frisiere ich dort auch zum normalen Preis. Viele, die zu mir kommen, tun alles dafür, dass man ihnen die Armut nicht ansieht. Sie ziehen sich schön an oder schminken sich. Nach dem Haareschneiden fühlen sie sich frisch.
Doch letzthin habe ich auf einer Parkbank einen obdachlosen Mann angetroffen, der die Haare bis an die Hüften und einen langen Bart trug. Als ich ihn fragte, ob ich ihm die Haare schneiden dürfe, lehnte er ab. Die Haare seien das Einzige, das man ihm gelassen habe, meinte er, die dürfe niemand abschneiden. Für ihn bildeten sie einen Schutz.
Wie ein Haarschnitt Menschen verwandeln kann, sehe ich auf den Fotos, die ich vorher und nachher mache. Oft verändert sich der Blick, und sie wirken lebendiger. Das hat nicht nur mit dem Äusseren zu tun. Ich begegne meinen Kunden auf Augenhöhe, es findet ein Austausch statt. Ich versuche nicht nur ihre Erscheinung, sondern auch die Persönlichkeit wahrzunehmen. Ist Schönheit ein Teil der menschlichen Würde? Wenn Obdachlose beim Frisieren eine Berührung erfahren, die ihnen sonst selten zu Teil wird, hat das sicher mit Würde zu tun. Manchmal ist ein Haarschnitt aber auch einfach ein Haarschnitt.
Mein Angebot in der Offenen Kirche heisst «Du bist schön». Man sollte die Menschen nicht nur nach ihrem Aussehen beurteilen. Dabei geht verloren, was innere Schönheit ist. Wenn wir aufhören zu werten und zu definieren, was als schön zu gelten hat, entsteht wirkliche Schönheit, etwas Lebendiges, Eigenes. Wenn ich glücklich bin, strahle ich mich im Spiegel an und bin schön. Schönheit erlebe ich auch beim Tanzen. Da löst sich alles auf, ich fühle mich lebendig. Mir gefällt es, wenn Frauen natürlich sind. Aber auch das Rollenspiel und Rituale gehören zur Schönheit, wenn sich Frauen für den Ausgang oder in der Maske für ein Theaterstück schminken. Oder wenn Männer sich beim türkischen Coiffeur treffen und sich miteinander unterhalten. kim