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Politik

«Christen in Nahost sollen sich zum arabischen Erbe bekennen»

In Jordanien machte Muin Khoury als Christ selbst am Königshof Karriere. Andernorts geraten aber im Nahen Osten die Christen unter Druck. Khoury rät den Christen aus der Isolation herauszutreten und sich zum gemeinsamen arabischen Erbe zu bekennen.

Sie sind als palästinensischer Christ in Nablus aufgewachsen. Wie war das Verhältnis zwischen christlichen und sunnitischen Palästinensern?
Man hat uns respektiert. Wir hatten die gleiche Kultur. Damals achtete man selbst in einer strenggläubigen Stadt wie Nablus wenig auf den Religionsunterschied.

Und in Jordanien?
Hier bin ich noch nie wegen meines griechisch-orthodoxen Glauben angeeckt. Bis heute kann man sagen: In Jordanien hatten und haben es die Christen gut. Sechs Mainstream-Kirchen sind anerkannt also Katholiken, Russisch- und Griechisch-Orthodoxe, Lutheraner und Presbyterianer. Baptisten oder Methodisten wiederum dürfen sich auf Vereinsbasis organisieren.

Jordanien ist eine Ausnahme von der Regel. Zu welchem Zeitpunkt hat sich im 20. Jahrhundert das Verhältnis zwischen Muslimen und Christen verhärtet.
Viele sagen, dass mit der Iranischen Revolution, mit der Khomeini an die Macht kam, eine historische Zäsur eingetreten sei. Ich würde das einschneidende Datum früher ansetzen. Es war 1970, als der ägyptische Staatspräsident Sadat – auch auf Druck der Amerikaner die noch von General Nasser unterdrückten Muslimbrüder anerkannte. Das hat die salafistischen und dschihadistischen Bewegungen populär gemacht. Noch zwei weitere Faktoren kommen hinzu: Durch die vielen Arbeitsmigranten, die es ins reiche Ölland Saudiarabien zog, kamen Muslime von Ägypten bis Jordanien in Berührung mit dem Wahhabismus. Das zweite Moment, das die Ausbreitung des militanten Dschihadismus vorantrieb, war die Förderung der Mujahedin in Afghanistan durch die Saudis und die USA.

In Syrien wurden den Christen vor dem Ausbruch des Bürgerkriegs 2011 grosse religiöse Freiheiten eingeräumt.
Nun die Christen hielten zum Baath-Regime und wurden dafür mit einer relativ toleranten Religionspolitik entschädigt. Das Verhältnis zwischen Muslimen und Christen war ungetrübt. Aber ist es heute noch ungetrübt?

Genau dies wollten wir von Ihnen wissen.
In diesem Bürgerkrieg, in dem sich alle Syrier von den staatlichen Instanzen allein gelassen fühlten, in dem die funktionierende Zivilgesellschaft zusammengebrochen ist, wurde das Religiöse für viele zum Rettungsanker. Plötzlich waren für die Muslime die Moschee und für die Christen die Kirchen die einzige intakte gesellschaftliche Instanz.

Wenn das Trennende durch die religiöse Zugehörigkeit immer stärker hervorgehoben wird, dann sieht die Zukunft der Christen im Nahen Osten düster aus.
Für die Nachkriegsgesellschaften ist es ganz wichtig, das Gemeinsame mehr in den Fokus zu stellen, als im Andersgläubigen nur das Fremde zu sehen.

Aber was könnte das Gemeinsame sein?
Das kulturelle Erbe. Ich denke für das Überleben des Christentums im Nahen Osten ist es wichtig, dass sich die Christen mehr als Angehörige der arabischen Kultur sehen und ihre Identität weniger von ihrer Glaubenszugehörigkeit herleiten.

Und wo soll das gemeinsame kulturelle Erbe entdeckt werden?
In den Schulen. Das Bildungssystem darf nicht mehr nach Religionsgrenzen zersplittert werden.

Lassen Sie uns auch die jordanische Situation erörtern. Wie kann ein Land wie Jordanien mit 8,5 Millionen Einwohnern mit 1,4 Millionen Flüchtlingen, hauptsächlich aus Syrien, aber auch aus dem Irak langfristig umgehen?
Es gibt bei uns schon auch Stimmen wie: Die Mieten steigen wegen der Flüchtlinge, sie nehmen uns die Arbeit weg und sie verbrauchen das bei uns so knappe Gut Wasser. Aber Jordanien war immer ein Flüchtlingsland. Nach dem Ersten Weltkrieg haben Armenier, Tschetschenen und Taschkeden sich hier angesiedelt. Nach den Kriegen 1948 und 1967 kamen die Palästinenser und sie stellen heute mehr als die Hälfte der Bevölkerung. Der Bürgerkrieg im Libanon spülte Leute ins Land, mit den zwei Golfkriegen 1991 und 2003 flüchteten viele Menschen aus dem Irak zu uns. Wir sind dies gewohnt und vielleicht sind die Flüchtlinge das Einzige, was ein kleines Land wie Jordanien noch auf der internationalen Bühne einbringen kann.

Aber Jordanien war doch immer so etwas wie der Mittler zwischen Israel und dem Westen gegenüber den anderen arabischen Ländern?
Ja, wir konnten da immer wieder etwas hin- und herlavieren: Mal etwas mehr der amerikanisch-israelischen Seite zuneigen, mal mehr der arabischen. Wir hatten schliesslich ein Friedensabkommen mit Israel. Heute verhandeln die Saudis direkt mit Israel und brauchen keinen jordanischen Mittler mehr. Durch den gemeinsamen Feind Iran sind die Animositäten zwischen Saudiarabien und Israel in den Hintergrund gerückt. Seit Ägypten zwei Inseln im Roten Meer an Saudiarabien übergeben hat, ist das Land sogar ein direkter Anrainer zu Israel.

Jordanien, das über keine Ressourcen verfügt, büsst mit dem Verlust seiner geostrategischen Scharnierrolle auch an Bedeutung ein.
Das stimmt. Jordanien wird in der Zukunft mit vielen Problemen konfrontiert werden. Wenn dann noch alles Geld in den Wiederaufbau des zerstörten Bürgerkriegslands Syrien fliesst, wird unsere Wirtschaft das Ausbleiben von Investitionen zu spüren bekommen. Unser Königshaus, dem ich jahrelang als Kommunikationsberater gedient habe, steht vor schwierigen Aufgaben.

Delf Bucher, reformiert.info, 7. Juni 2018

Muin Khoury Der Jordanier bewegt sich in verschiedenen Sphären: Er gründete Galerien, arbeitet als Politberater und Publizist, leitete zwölf Jahre lang die Stabsstelle für öffentliche Demoskopie am haschemitischen Königshof und macht Werbung. Er studierte in Heidelberg.