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Gesellschaft

Wenn der Tod in die Öffentlichkeit tritt

Der Fotograf Christopher Barr begleitete den Sterbeprozess seines Vaters auf Instagram. 52 Tage postete er täglich ein Bild und einen kurzen Kommentar.

Tag 1: Auf einem Schwarzweiss-Foto sitzt ein Mann vornüber gebeugt auf einem Sessel. Auf seinem Kopf ist eine Wunde schwach sichtbar. Neben ihm stehen auf einer Kommode Bilder der Familie, sein Lieblingsgetränk und ein Musikrekorder.

«Erste Nacht im Pflegeheim» kommentiert Christopher Barr am 17. März 2017 das Foto auf seinem Instagram-Account. Es ist das Erste von weiteren 51 Bildern, die täglich folgen sollten. Als vor gut einem Jahr der Vater von Christopher Barr erfuhr, dass er nur noch wenige Wochen zu leben hatte, entschieden Vater und Sohn, den Sterbeprozess in Bild und Text in den sozialen Medien zu dokumentieren.

Tag 8: «Tee und Bier während wir den Sonnenuntergang schauen. Was könnte ein Sohn mehr wollen.»

«Nach der Krebsdiagnose und dem ersten Schock, sagte mein Vater, dass er mir zeigen würde, wie man stirbt», sagt der Nordire. Es sei das Letzte, was ein Vater seinem Sohn lehren könne. Der Kunstfotograf Barr schlug seinem Vater vor, seine letzte Reise in Fotos festzuhalten – ein Tagebuch des Sterbens zu führen und dies in den Sozialen Medien mit Familie, Freunden und Unbekannten zu teilen. «Mein Vater war einverstanden. Er spürte wohl, dass ich das brauchte, um mit der Situation umzugehen.» 

Tag 13: «Er ist neugierig, wie die Geschichte Draculas weitergeht. Heute habe ich ihm 20 Seiten vorgelesen. Gute Nacht zu sagen, ohne zu wissen, ob es das letzte Mal sein würde, erweist sich seltsamerweise als schön.»

Menschen sterben meist abseits der Öffentlichkeit. Die Tradition der Totenwachen geriet vielerorts in Vergessenheit. Der Tod wird oft aus dem Leben verdrängt. Vater und Sohn entschieden sich bewusst, den Sterbeprozess öffentlich zu machen. Sie vereinbarten eine Regel: Ein Foto pro Tag auf Instagram posten, dazu ein kurzer Text, der im Nachhinein nicht verändert werden darf. Das Schwierige an dieser Vorgabe sei gewesen, dass hunderte von Bildern und tausende Gedanken fehlten, sagt Barr.

Tag 25: «So schwach habe ich ihn noch nie gesehen. Aber er beschwert sich nicht. Es sei, wie es sei. Das erste Mal, dass ich ihn in den Rollstuhl tragen musste.»

«Der Tod spricht in Irland immer noch mit einer lauteren Stimme», zitiert Barr den irischen Schriftsteller Kevin Toolis. Barr bezieht sich auf die irische Tradition der Totenwache «mnà caointe», die ihren Ursprung bei den Kelten findet. In Gemeinschaft wird des Toten gedacht. In seiner Anwesenheit fasten, trinken, klagen die Zurückgebliebenen. Eine Tradition, die Tod und Sexualität miteinander verbindet. Sie hilft bei der Trauer und führt den Lebenden ihre eigene Sterblichkeit vor Augen. «Mein Vater mochte den Gedanken einer modernen digitalen Form von mnà caoint, die ihn überleben würde.»

Tag 26: «Ausflug mit dem Vater, auch wenn er nicht isst. Er würgt drei Pommes Frites runter, obwohl klar ist, er kann es kaum. ‚Wir hätten das öfters tun sollen, mein Sohn. Ich liebte den heutigen Tag’.»

Als Barr acht Jahr alt war, trennten sich seine Eltern. Der Vater heiratete wieder und mit dem Tod seiner zweiten Ehefrau kamen Sohn und Vater vor sieben Jahre wieder zusammen. «Wir hatten nur 15 gemeinsame Jahre », sagt der 50-jährige Familienvater. «Wir hatten zwar eine Verbindung, aber die war schwach.» Barr wusste erst nicht, wie die Beziehung zu seinem Vater sein sollte. «Langsam aber lernten wir uns zu lieben.»

Tag 28: «Erster Tag voller Schmerzen. Der obere Rücken ist wund. Er sagt, dass er definitiv sterben werde. Ich sage ihm: Wir alle sterben. Viel Händehalten.»

Die ersten Bilder, die Barr machte, seien schwierig gewesen. «Ich fühlte eine tiefe Traurigkeit, wusste nicht, welchen Moment ich einfangen sollte», erinnert sich Barr. Doch mit jedem Tag habe das Vorhaben seine eigene Dynamik genommen.

Tag 31: «Krankenhaus. Quälender Schmerz. Fuck you cancer.»

Während 52 Tagen erlebt der Betrachter die Hochs und Tiefs, die traurigen Momente und jene voller Zuneigung. Barrs kurze und spontane Kommentare berühren durch ihre Ehrlichkeit. Sie lassen teilhaben an der Beziehung zwischen Vater und Sohn in den letzten Tagen.

Der Fotograf besuchte seinen Vater täglich. Er las ihm aus Büchern und alten Liebesbriefen vor. Sie schauten Filme oder hörten Musik. Wenn es der Gesundheitszustand erlaubt, fuhren sie ans Meer oder zu seinem Sohn nach Hause. Manchmal ertrugen sie die Stille, hielten sich die Hände.

Tag 30: «Es gibt nichts Schlimmeres, als mitzuerleben, wie der Schmerz Einzug hält. Mein Vater durchlebt seit Tagen Qualen, hat uns aber nichts davon gesagt, um uns nicht zu sorgen. Heute keine einzige Zigarette. Ein Bissen von einem Eiersandwich.»

Nicht nur Freunde und Familien nahmen Anteil an den letzten Tagen von Barrs Vater. Auch Fremde aus Kanada, Japan oder Russland verfolgten Barrs Instagram-Account.  Sie kommentierten die Bilder, äusserten ihr Mitgefühl. Jeden Abend las Barr seinem Vater die Kommentare vor. Der Vater sei fasziniert gewesen über die Anteilnahme von Fremden. «Warum? Fragte mein Vater immer wieder. Warum würden sich Menschen für ihn interessieren?», erinnert sich Barr.

Tag 48: «Sauerstoff. Er schaut durch mich durch. Mit Zeichensprache gibt er mir zu verstehen, dass er mich liebt und dass ich seinen Ehering bekomme. Er hat aufgehört zu trinken und zu essen. Heute kein Vorlesen, nur Händehalten.»

Barrs Vater wird immer schwächer. Seine Wangen fallen ein. Die Kraft schwindet. Sie sprechen über die Beerdigung, wie sie sein soll. Müdigkeit ist spürbar. Der Vater erhält Morphium. Die beiden gestehen sich ihre Liebe. Barrs Vater verweigert zu essen und zu trinken. Schwebt zwischen Bewusstsein und Bewusstlosigkeit. Barr schreibt, sein Vater verschwinde einfach langsam.

Tag 51: «Dad atmet 47 Mal in der Minute. Er hört mich noch. Antwortet, indem er die Hand bewegt. Zwischen Frage und Antwort liegen zwei bis drei Minuten. Seit 40 Tagen kein Essen mehr. Kein Wasser seit fünf. Er sieht heilig aus. In drei Tagen nur sechs Stunden Schlaf. Es ist wie eine Mahnwache.»

Dann, am 8. Mai 2017, am 52. Tag nach dem ersten Bild auf Instagram stirbt Barrs Vater. In 78 Kommentaren äussern Freunde und Fremde ihre Anteilnahmen. Vor allem von Freunden und Fremden erhält Barr lobende Reaktionen. Auch die Familie habe mehrheitlich positiv darauf reagiert, dass er den Sterbeprozess öffentlich auf Instagram begleitete. Die Mutter habe sich dazu kaum geäussert.

«Jedes Mal, wenn ich eines der 52 Bilder heute anschaue, bin ich sofort wieder in die damalige Situation zurückversetzt.» Barr habe nicht gedacht, dass die Bilder bei vielen Menschen solche Betroffenheit auslösen würde. Das Projekt entstand aus einem eigenen Bedürfnis heraus. Die Einträge empfand Barr nicht als ein öffentliches Trauern. Vielmehr sei es eine Vorarbeit auf den seelischen Schmerz gewesen, ein Vortrauern sozusagen. Denn nach dem Tod seines Vaters habe Barr keinen Tag getrauert. «Mit den Bildern und Kommentaren schufen wir Erinnerungen und ein gemeinsames Verständnis», sagt Barr. «Es fühlte sich an, als würden wir den Kummer zusammen austricksen.»

Tag 52: «Um 6.49 Uhr, dieselbe Zeit wie auf seinem Lieblingsbild, das über seinem Bett hing, schlief mein alter Mann friedlich ein. Demütig will ich allen für die Nachrichten danken. Sie gaben mir und meinen Vater so viel Kraft

http://www.christopherbarrphotography.com/

Nicola Mohler, reformiert.info, 21. Juni 2018

Das unbekannte Leben des eigenen Vaters
Christopher Barr hat Anfragen von Galerien erhalten, die seine Arbeit «Dad, a very public death» ausstellen wollen. Nach dem Tod seines Vaters begann Barr mit einer Serie von Selbstporträts. Auf diesen trägt Barr Kleider und Gegenstände seines Vaters. Während der Räumung der väterlichen Wohnung fand Barr Fotoalben und andere Gegenstände, die ihn realisieren liessen, dass sein Vater ein Leben führte, das er kaum kannte.