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Religionen

Wie sicher sind Juden in der Schweiz?

In Europa nehmen antisemitische Übergriffe gemäss Studien zu. Wie sicher fühlen sich die Juden in der Schweiz? Ein Augenschein bei der Israelitischen Gemeinde in Basel.

Kann man in Basel unbeschadet mit einer Kippa durch die Strassen gehen? Oder nach dem Gewinn des Eurovision Song Contest mit patriotischem Stolz die israelische Fahne aus dem Fenster hängen, ohne dass etwas passiert?

Von Sicherheitskräften bewacht
Im Gespräch zeigt sich Guy Rueff, der Präsident der Israelitischen Gemeinde Basel, abgeklärt. Zwar räumt er ein, dass aufgrund der Grenznähe Basels eine latente Gefahr für Juden bestehe. Mit einem unmittelbaren Anschlag rechne er aber nicht. Nichtsdestotrotz werden die Synagoge und Schule an der Leimenstrasse permanent von Sicherheitskräften bewacht, mit entsprechender Kostenfolge für die Israelitische Gemeinde. «Verständlicherweise sind Eltern besorgt, wenn sie von Anschlägen auf jüdische Einrichtungen in Europa hören und nicht ausschliessen können, dass auch ihre Kinder in Basel zu Opfern werden könnten», hält er fest.

Mit Nichtverständnis konfrontiert
Seit zwei Jahren sorgt das Thema Sicherheit in der Israelitischen Gemeinde Basel für Diskussionen. «Der eigentliche Skandal ist, dass sich jüdische Gemeinden überhaupt schützen müssen.» Neben alten Stereotypen, die Juden zum Sündenbock stempeln, werden derzeit die Juden weltweit oft für die Politik des Staates Israel verantwortlich gemacht. Selbst wenn Israel einen bedingungslosen Frieden schliessen würde, käme nach Einschätzung von Rueff den Juden nicht viel mehr Wohlwollen entgegen. «Ich stelle immer wieder ein Nichtverständnis gegenüber Juden fest», bemerkt er.

Des Öfteren sei der Vorwurf zu hören, die Juden lebten in einer Parallelgesellschaft. Das sei völlig unberechtigt, erklärt Rueff «Von den rund 18'000 in der Schweiz lebenden Juden haben 80 Prozent den Schweizer Pass. Sie zahlen Steuern und engagieren sich für die Gesellschaft.» Er selbst halte es mit dem Zürcher Sigi Feigel, der gesagt hat: Die Schweiz ist mein Vaterland, Israel mein Mutterland.

Hetze im Internet
Dass «bad feelings» gegenüber Juden kein Hirngespinst sind und in den letzten Jahren zugenommen haben, bestätigt eine kürzlich veröffentlichte Studie der Technischen Universität Berlin. Die Studie über antisemitische Hetze im Internet kommt zu erschreckenden Ergebnissen. In mehr als der Hälfte der Texte tauchen Stereotypen auf, wie sie seit Jahrhunderten kursieren: Die Juden als Böse und Wucherer. Eine wichtige Triebfeder sei Hass. In fast drei Viertel der Texte würden solche Gefühle offen oder indirekt geäussert.

Auch in der Schweiz gibt es diese «bad feelings». Gemäss einer aktuellen Studie des Bundesamtes für Statistik hegen rund zwölf Prozent eine negative Einstellung gegenüber der jüdischen Bevölkerung. Die Entwicklung im Internet und die latenten Vorbehalte in der analogen Welt stimmen nicht gerade hoffnungsfroh. Dennoch gibt sich Guy Rueff optimistisch: «Ich bin in Basel geboren und lebe schon seit über sechzig Jahren hier. Glücklicherweise habe ich bisher keinen direkten Antisemitismus erlebt. Aber natürlich gibt es in der Schweiz antisemitische Kreise. Diese sind im täglichen Leben nicht sichtbar. Vermutlich gibt es eine unterschwellige Angst gegenüber dem Fremden. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, dass wir nicht zu hundert Prozent integriert sind.»

Lichterkette und positive Signale
Anfang Jahr gerieten die jüdischen Gemeinschaften wegen den Sicherheitsmassnahmen in die Schlagzeilen. Kanton und Bund wollten sich nicht an den Kosten beteiligen. Die reformierten Kirchen beider Basel sprachen in der Folge einen finanziellen Beitrag an die Sicherheitskosten der Basler Juden, und die christlich-jüdische Arbeitsgemeinschaft machte mit einer Menschenkette rund um die Synagoge auf das Problem aufmerksam.

Inzwischen scheint Bewegung ins Spiel zu kommen. Nachdem die Basler Regierung im vergangenen Herbst finanzielle Hilfe aus Präjudizgründen abgelehnt hatte, zeigte sie sich in den weiteren Verhandlungen offen. Auch aus Bern seien positive Signale zu vernehmen, so Rueff. Derzeit verschlingt die Bewachung an der Leimenstrasse ein Fünftel des Budgets der Israelitischen Gemeinde Basel. Geld, das für sinnvollere Zwecke eingesetzt werden könnte, sagt Guy Rueff.

Toni Schürmann, kirchenbote-online, 8. August 2018