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Gesellschaft

Neue Pfarrerin gesucht

Die neue «DOK»-Serie von SRF handelt von Nachfolge. Mit dabei sind auch eine Pfarrerin und ein Pfarrer. Er geht nach 27 Jahren in der gleichen Kirchgemeinde in Pension. Sie, 27-jährig, tritt seine Nachfolge an.

«Jesus will keine Bewunderer, sondern Nachfolger», schrieb Søren Kierkegaard. Mit diesem Zitat beginnt die neue «DOK»-Serie «Abenteuer Nachfolge» auf SRF. Die vierteilige Serie handelt von Abschied und Neuanfang. Im Zentrum:  Menschen, die jahrelang etwas aufgebaut haben, und ihre Nachfolger, die eben dieses weiterführen oder vielleicht auch verändern.

Teil der «DOK»-Serie sind Peter Christen und Aline Berger. Pfarrer Christen steht mit 65 Jahren kurz vor seiner Pensionierung. 27 Jahre lang war er in der reformierten Kirchgemeinde Ostermundigen tätig. Pfarrerin Aline Berger hat gerade ihr Theologiestudium abgeschlossen und tritt mit 27 Jahren Christens Nachfolge an. Ein Generationenwechsel, der nicht nur Unterschiede, sondern auch Gemeinsamkeiten aufzeigt.

Frau Berger, Herr Christen, welche Funktion als Pfarrperson ist Ihnen besonders wichtig?
Aline Berger: Als Pfarrperson hat man eine wichtige, repräsentative Funktion für die Kirche und ich versuche für sie eine sympathische, offene, erfrischende Visitenkarte zu sein.

Peter Christen: Die drei klassischen Aufgaben bleiben für mich wichtig: Verkündigung, Katechese, Seelsorge. Die Ermutigung aus dem Gotteswort zu sagen, ist keine einfache, aber eine spannende Aufgabe. Die Katechese geschieht im kirchlichen Unterricht genauso, wie sie in einem Erwachsenenbildungskurs Ziel ist.
Die Seelsorge ist meist weit mehr als ein Gespräch zu führen. Herauszufinden, was einem Menschen gut tut und hilft, dass sich Türen öffnen, gehört zum Unverzichtbaren und Spannenden dieses Berufes.

Welche Rolle sollen Pfarrerinnen und Pfarrer heute in der Gesellschaft spielen?
Aline Berger: Ich finde es erfreulich, wenn Pfarrpersonen in der jeweiligen Ortsgemeinde, geschweige denn in der Gesellschaft, überhaupt eine Rolle spielen. Seit einem Jahr arbeite ich nun als Pfarrerin in einer Agglomerations-Gemeinde und realisiere, dass dies gar nicht so einfach ist.
Persönlich nehme ich gerne die Rolle der Seelsorgerin, der Zuhörerin mit Schweigepflicht ein, oder die der differenzierten Zeitgenossin, die ihren Senf dazu gibt, wenn ich irgendwo zu simple Stammtischmeinungen höre. Als Pfarrerin darf man sich gerne zu gesellschaftlichen und politischen Themen äussern – vorausgesetzt man hat sich informiert.
Weiter versuche ich in schwierigen Situationen «Hoffnungsträgerin» und Mutmacherin zu sein. Gerne bin ich auch Expertin in meinen zwei oder drei Fachgebieten, die ich mir in meiner Ausbildung angeeignet habe, oder versuche, mein Fachwissen, so verständlich wie möglich zu machen. Ich möchte den Leuten zeigen, welche Art von Christentum und Glaube, ich für mich zusammengeschustert habe, und was aus der christlichen Tradition sich für mich als lebensdienlich erwiesen hat – und was nicht. Über dieses Thema sollten Pfarrerinnen und Pfarrer offen sprechen; sie sollten Auskunftspersonen in Glaubensfragen sein und so ihre authentische Rolle einnehmen anstatt ein tolles Vorbild sein zu wollen.

Peter Christen: In einer Zeit und Welt, da die Kirche nicht mehr die normgebende Kraft ist, ist die Aufgabe, die mit dem alten Wort des «Wächteramtes» bezeichnet wird, zunehmend wichtiger.
Es scheint mir unverzichtbar, dass die Pfarrschaft die Entwicklungen in unserer Gesellschaft wahrnimmt und zu Fragen der Zeit Stellung nimmt – und das vom Evangelium her, der frohen Botschaft der Bibel. Wenn beispielsweise früher – und manchmal auch heute noch – Menschen sich daran orientierten, was wohl die anderen zu mir und meiner Lebensart sagen, so streben heute viele Menschen ohne Rücksicht den maximalen Lustgewinn und Erfolg an, den sie beruflich und persönlich haben können, und vergessen dabei die Menschen um sie herum. Hier in sorgfältiger Weise das Aber zu sagen, ist wichtig.
In allen Feldern des Lebens gilt es ein wachsames Auge zu behalten für die Nöte von Menschen und Mitwelt und daraus Fragen zu formulieren, die auf ein Umdenken hinwirken. Dieses Wächteramt stellt hohe Anforderungen an die Pfarrschaft. Denn die knappen Zeitressourcen machen dieses zu einer echten Herausforderung.

Was ist Ihnen im Umgang mit den Kirchgemeindemitgliedern wichtig?
Aline Berger: Die Begegnung soll eine freundliche, herzliche, persönliche Begegnung mit mir als Vertreterin der Kirche sein. Ich bin ein offener Mensch, schätze Gespräche auf Augenhöhe. Ich bin mir in all dem aber meiner professionellen Rolle bewusst. Mir ist, gerade auch im Umgang mit Männern, wichtig zu zeigen, dass ich als Pfarrerin an ihrer Lebensgeschichte interessiert bin, nicht aber als Privatperson.

Peter Christen: Menschen wollen ernst- und wahrgenommen werden. Sie wollen nicht nur EmpfängerInnen sein, sondern ebenso ihr «Aber» sagen können und dürfen, das gehört wird. In diesem Austausch liegt die Kraft, die Gemeinschaft der Kirche stärkt und prägt.

Wie wichtig finden Sie die theologische Grundausbildung in der Kirchlichen Unterweisung KUW?
Aline Berger: Mir ist es wichtig, dass sich die Kinder neben Spiel und Spass, was mir auch am Herzen liegt, ein Grundwissen über das Christentum, die Bibel, die Kirche und Konfessionen aneignen. Um unsere Kultur, das Arbeitsethos, Filme, Songtexte, Bücher oder auch Gemälde zu verstehen, braucht es ein gutes Allgemeinwissen über das Christentum.

Peter Christen: Ich kann mir die KUW, die ohne theologische Bildung auskommt, überhaupt nicht vorstellen. Genauso wie ich es nicht verstehen kann, dass Theologen ohne grosse Ahnung von Pädagogik in die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen geschickt werden.
Wenn die Frage dahin zielt, welche theologische Bildung denn KUW bieten soll, dann kann ich nur sagen, dass ich KUW erst dann sinnvoll finde, wenn junge Menschen eingeführt werden in Vorstellungen und Wertungen, die aus dem biblischen Wort herauskommen und das Leben positiv prägen und fördern.

Was muss geschehen, dass die Kirche ihr Image in der Gesellschaft verbessert?
Aline Berger: Bei Anlässen wie Taufen oder Hochzeiten, die auch viele kirchenferne Menschen besuchen, muss unbedingt auf eine verständliche und abwechslungsreiche theologische Sprache geachtet werden. So dass auch der atheistische Teenager, die Esoterikerin oder der Fromme sich angesprochen fühlen. Kasualgottesdienste müssen persönlich sein, also wirklich von diesem Täufling, diesem Hochzeitspaar oder diesem Verstorbenen handeln.  Nur so kann ein nachhaltiger positiver Eindruck für die Besucherinnen und Besucher entstehen. Eine unpersönliche Beerdigung hingegen, in der unverständlich gesprochen wird, hinterlässt einen krassen Imageschaden für die Kirche.
Zudem sollten meines Erachtens sich die reformierten Landeskirchen aktiv als offene, undogmatische, menschenfreundliche, soziale, gesellschaftliche progressive Kraft positionieren. Ich erlebe, dass Kirche und Christentum von Gleichaltrigen oft als konservative, rückständige, prüde Institution wahrgenommen wird – obwohl ich persönlich keine einzige Pfarrperson kenne, auf die das alles zutrifft. Mich nervt es, dass in Diskussionen über ein gesellschaftliches Thema oft «der christlich-kirchliche Vertreter» oder der «rechts-aussen Super-Christ» zu Wort kommt. Vielmehr sollten ein erfahrener Seelsorger, eine feministische Pfarrerin oder ein langjähriger kirchlicher Sozialarbeiter angehört werden. Ich finde, dass Menschen aus der Landeskirche einen viel grösseren Teil der tatsächlich lebenden säkularen Christen vertreten könnten. Wahrscheinlich sollten sich die Landeskirchen aktiver um eine positive Medienpräsenz bemühen. Man müsste noch deutlicher zeigen, dass man aus christlicher Motivation auch weltoffen, gesellschaftlich liberal, sozial engagiert sein kann.

Peter Christen: Es ist wichtig, dass Menschen, die in der Kirche leben und arbeiten, ehrlich und klar sind. Dies hat eine gute und nachhaltige Wirkung. Dies schafft ein Bild und eine positive Erfahrungswelt, die Menschen von Kirche als Lebensort gewinnen. Ich halte wenig davon, dass man «das Image der Kirche in der Gesellschaft» verbessern muss. Letztlich gilt: Wo Gott in und durch seine Menschen nicht wirkt, da verändert und verbessert sich meiner Meinung nach wenig, was Kirchen leben und sein wollen.

Nicola Mohler, reformiert.info, 23. August 2018

«Abenteuer Nachfolge»