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Gesellschaft

Die neue sexuelle Freiheit

«Wer zweimal mit der gleichen pennt, gehört schon zum Establishment.» Nach diesem Leitsatz haben wir damals tatsächlich auch gelebt. Promiskuität war das Stichwort. Ich war 1968 gerade einmal 20 Jahre jung und bewegte mich als Studentin in der entsprechenden Szene in Zürich. Es war eine Erlösung, ohne Bindungsabsichten einfach mit jemandem ins Bett zu hüpfen. Möglich machte dies in erster Linie die Antibaby-Pille. So konnten wir Frauen lernen, mit der eigenen Sexualität umzugehen. Das war enorm befreiend. Das Problem: Ich heiratete im Alter von 20 Jahren das erste Mal. So jung zu heiraten, war damals «normal». Doch: Diese Ehe hat diese neu gelebte sexuelle Freiheit nicht überlebt. Als ich 30 Jahre alt war, liessen wir uns wieder scheiden. 

Die reformierte Kirche hatte sich mit der neuen Sexualmoral recht gut abgefunden. Natürlich gab es einzelne Gemeindemitglieder, die sich bezüglich der Ehe auf die göttliche Ordnung beriefen. Doch vergebens. Seit dieser Zeit hat sich die Rolle der Frau innerhalb der reformierten Kirche stark gewandelt. 

Was heute kein Problem mehr ist, sorgte damals noch für Aufregung: Zum Beispiel als ich mich als geschiedene Frau zur Pfarrerin wählen liess. Ich war zwar in einer Beziehung. Nur extra für die Kirche zu heiraten, um dem Gerede der Leute zu entgehen und leichter an eine Pfarrstelle zu kommen, kam für mich nicht infrage. Ich heiratete meinen Lebensgefährten erst nach 27 Jahren – mit 60 Jahren. Und das ganz freiwillig.

Pfarrerin Käthi La Roche, Jahrgang 1948, erste Pfarrerin am Grossmünster in Zürich

(aufgezeichnet durch Mirjam Panzer, 27.8.2018, Kirchenbote)