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Gesellschaft

«Wir wollten die Universität erneuern»

 

«Wir wollten die Universität erneuern» 

1968 war ich 23 und studierte an der theologischen Fakultät in Heidelberg. Dort erlebte ich die Studentenunruhen. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund bestreikte die Uni und rief dazu auf, vor dem Gebäude zu demonstrieren. Die Polizei fuhr mit Wasserwerfern auf, um den Platz zu räumen. Ich engagierte mich damals in der evangelischen Studentengemeinde. Wir fanden dieses «Jägerspiel» zwischen Studenten und Polizei unsinnig. So nahmen wir mit der Polizei Kontakt auf. Sie gaben uns Zeit und es gelang uns, die Hälfte der Demonstranten in einen Hörsaal zu lotsen. Die Versammlung wählte mich prompt zum Leiter dieses «Teach-Ins», und ich stand zum ersten Mal in meinem Leben vor tausend Studenten. Wir standen hinter der Aufbruchsbewegung, doch sie sollte friedlich sein. Wir wollten die Hierarchien abschaffen, die verstaubte Universität erneuern. Schon während des Studiums in Basel wählte ich als Präsident der Fachschaft Theologie gegenüber den Professoren eine kommunikative Strategie. Das versprach mehr Erfolg. In Heidelberg galt ich deshalb bei manchen als «liberaler Scheisser».Ich bin enttäuscht, dass sich die Kirche heute gesellschaftspolitisch weitgehend zurückgezogen hat. Kim

 Urs Joerg, pensionierter Pfarrer, Basel

(aufgezeichnet durch Karin Müller, 27.8.2018, Kirchenbote)