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Gesellschaft

Flowerpower und Sozialismus

Vor 50 Jahren gingen in den Städten die Jugendlichen auf die Strasse. 1968 war der Beginn eines Aufbruchs, der auch die Kirchen prägen sollte.

1968 überschlugen sich die Ereignisse: Vietnamkrieg und die Zerschlagung des Prager Frühlings, die Ermordung von Che Guevara und Martin Luther King. Später die Schüsse auf den Studentenführer Rudi Dutschke. Die westliche Welt war in Aufruhr. In Berlin, Frankfurt, Paris und selbst im beschaulichen Zürich demonstrierten die Studenten. In der Zwinglistadt kam es zu Stras-senschlachten rund um das Globus-Provisorium. 

1968 war eine kulturelle Revolution, die auch vor den Kirchen nicht haltmachte. Der Schlachtruf «Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren» traf nicht nur die Universitäten, sondern auch die Geistlichen ins Mark. In kurzer Zeit wurden Werte, Haltungen und Traditionen auf den Kopf gestellt. 

1968 lebte Reinhild Traitler, die später das Bildungszentrum Boldern ZH leitete, in Wien. Die 20-Jährige studiert Germanistik, Anglistik und Theologie und nimmt in einem Kabarett die Kirche auf die Schippe. «Das war ziemlich frech», sagt sie heute. Ansonsten lebt sie weder in einer Kommune, noch experimentiert sie mit freier Liebe, noch demonstriert sie auf der Strasse. «In Wien waren die 68er weniger radikal, der Protest drückte sich kreativ und künstlerisch aus», erzählt sie.

Als Generalsekretärin der Evangelischen Studentengemeinde in Österreich und Mitglied des Christlichen Studentenweltbundes pflegt Traitler engen Kontakt zur theologischen Fakultät in Prag. Sie besucht die Moldau-Stadt und erlebt den Prager Frühling hautnah. «Die Bevölkerung wollte einen demokratischen, menschlichen Sozialismus», sagt sie. Als die sowjetische Armee in der Tschechoslowakei einmarschiert und mit Panzern die Demonstranten niederwälzt, ist sie bitter enttäuscht. Der Umbruch von 1968 hatte sich seit längerem abgezeichnet: Papst Johannes XXII. hatte mit dem 2. Vatikanischen Konzil das Tor zur Ökumene aufgestossen, die Diskussion über die Pille und den Schwangerschaftsabbruch fordert die kirchliche Sexualmoral heraus und die TV-Bilder der verhungernden Kinder aus Biafra zeigen dem Westen, dass er soziale und politische Verantwortung übernehmen muss. 

An der Vollversammlung des Christlichen Studentenweltbundes in Otaniemi/FIN trifft Reinhild Traitler  Christen aus der Dritten Welt, die sich nicht länger vom Westen bevormunden lassen wollen. Selbstbewusst treten sie auf. «In der Forderung nach ökumenischer Einheit erkannten sie ein Machtprojekt des Westens, das ihnen eine westliche Sicht aufzwingen wollte», erzählt Traitler. Ihr wird bewusst, wie stark Europa die Theologie und die Diskussion über soziale Gerechtigkeit dominiert.

Otaniemi und die Weltkirchenkonferenz in Uppsala sind für Reinhild Traitler der Anstoss, dass sie Feministin wird. Lediglich acht Prozent der Delegierten in Schweden sind Frauen. Traitler und andere Frauen fangen an, die feministische Literatur zu lesen. Sie setzt sich dafür ein, dass mehr Frauen in die Gremien kommen. Mit Erfolg: An der Vollversammlung 1983 in Vancouver sind 30 Prozent der Teilnehmenden weiblich. 

Bhagwan und Christus

Für Heinz Lüdi beginnt 1968 eine wichtige Zeit, die ihn tief prägt. Der Lehrer spürt, dass Leistung und Geld seinen spirituellen Hunger nicht stillen. Wie Tausende andere fährt er im Bus durch Afghanistan und Pakistan nach Indien. Er sucht nach einem Guru, der ihn weiterbringen soll. Zunächst in Poona, doch der Rummel um Bhagwan schreckt ihn ab. Vom Süden Indiens reist er zum Himalaja. An den Ufern des Ganges findet der Schweizer einen Karma-Yogi. Mit anderen Westlern singt er begeistert Mantras, meditiert, tanzt und betet. Vor Lüdi tut sich der Himmel auf. «Alles war voller Symbolik, Bilder und Bedeutung», erzählt er. Er erinnert sich, wie er beim Bau eines Klosters einen schweren Balken auf seinen Schultern durch einen Fluss trägt. In der Mitte wird die Last zu schwer, er kann nicht weitergehen. Er hofft, dass ihm jemand hilft. Doch niemand kommt. In diesem Moment spürt Lüdi, wie die Last leichter wird. Zwei Wochen später schickt ihn der Yogi zurück nach Europa: Er brauche hier keine Zeit mehr zu verlieren. Alles was er suche, finde er daheim. In der Schweiz entschliesst sich Heinz Lüdi mit 38 Jahren Theologie zu studieren. Er wird Pfarrer. 

In Indien habe er den Himmel gesehen, witzelt Lüdi, das Pfarramt habe ihn auf den Boden der Realität zurückgebracht. Die Erfahrungen aus Indien prägen seine Spiritualität. Wenn er die Bibel liest, schwingen die Bilder aus dieser Zeit mit. Oft erinnert er sich, wie liebevoll und verständnisvoll ihn der Yogi angeblickt hat. Dieses Gefühl des Angenommenseins will Heinz Lüdi auch in der Gemeinde weitergeben.

Im Rückblick stellt Reinhild Traitler fest, wie stark der Aufbruch in der Kirche war. Viele Forderungen der 68-Generation sind heute in der Kirche Normalität: Frauen auf den Kanzeln und in den Behörden, eine Pfarrschaft auf Augenhöhe, sozialkritische Ansätze in der Theologie, Sozialarbeit und Erwachsenenbildung, die Ökumene, neue Spiritualität und eine Sexualität, die  vom Liebesgebot und nicht vom moralischen Drohfinger geleitet wird. «In der reformierten Kirche herrscht eine grosse Freiheit», sagt Traitler, «die manche sicher überfordert.» Traitler wünscht sich, dass die Kirche im Sinne des Evangeliums mutiger Stellung nimmt. 

Bis heute engagiert sich Reinhild Traitler sozial. In Zürich-Fluntern arbeitet sie an einem Projekt mit, das Flüchtlingen Deutschkurse gratis anbietet. In manchen Wochen kommen bis zu 90 Asylsuchende. Im Herzen ist sie eine 68erin geblieben.

Tilmann Zuber, 27.8.2018, Kirchenbote