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Gesellschaft

«Niemand wird böse geboren»

An der kommenden Herbstmesse stellen die Kirchen die Spezialpfarrämter vor. Anita Kohler erlebt als Gefängnisseelsorgerin die Abgründe der menschlichen Existenz.

Wenn Anita Kohler erzählt, unterstreicht sie ihre Aussagen mit ihren Händen und einer lebhaften Mimik. Die Pfarrerin ist Gehörlosenseelsorgerin in der Nordwestschweiz. Nichts weist auf ihr zweites Standbein hin. Seit 2017 arbeitet Kohler auch als Gefängnisseelsorgerin im Untersuchungsgefängnis Solothurn und in
der Justizvollzugsanstalt Deitingen.
Zwischen diesen Polen findet ihr Leben statt. Während die Leute auf ihre Arbeit mit den Gehörlosen positiv reagieren, erlebt sie als Gefängnisseelsorgerin viel Unverständnis und Vorurteile. Oft muss sie sich Kommentare anhören wie, «Kinderschänder sollte man  wegsperren und an die Wand stellen» oder «die Gefängnisse sind voller Ausländer, die kein Recht auf Seelsorge haben».Doch für die 44-Jährige steht fest, auch Straftäter haben ihre Würde. «Vor Gott sind alle Menschen gleich und jeder hat das Recht auf Kommunikation.» Anita Kohler ist davon überzeugt, dass hinter der kriminellen Laufbahn immer ein Grund steckt. «Keiner kommt böse auf die Welt. Wir Menschen werden geformt und geprägt. Da kann vieles schiefgehen.»Bevor Anita Kohler das kleine Sprechzimmer im Untersuchungsgefängnis betritt, muss sie die Sicherheitssperren passieren und ihr Handy, Portemonnaie und den Schlüsselbund abgeben. Am Mittwoch ist sie jeweils für die Aussenwelt nicht erreichbar.

Froh, mit jemandem reden zu können
Hier, auf engstem Raum, begegnet Anita Kohler den Abgründen der menschlichen Existenz. Oft sind die Insassen des Untersuchungsgefängnisses über Wochen und Monate 23 Stunden lang in ihrer Zelle eingesperrt. Eine Stunde können sie auf dem Hof spazieren.
Die Insassen haben besonders zu Beginn ihrer Haftzeit niemanden, der sie besuchen darf und den sie anrufen können. Unsicherheit, Angst, Scham und Schuld lasten auf ihnen. Sie wissen nicht, was sie erwartet, und ob ihre Familie und Freunde weiterhin zu ihnen halten. Und sie müssen mit ihrer Tat zurechtkommen. 
In dieser Situation sind viele froh, mit jemandem reden zu können, der unter Schweigepflicht steht. «Die Seelsorge ist der einzige Ort, wo sich die Gefangenen aussprechen können, ohne dass dies in einer Akte notiert wird», sagt Kohler. Kohler trifft die Menschen Woche für Woche und sieht, wie es ihnen schlechter geht. Viele würden sich fragen, ob ihr Leben noch einen Sinn hat. Wenn die Boulevardmedien das Gefängnis als Wellnesshotel beschreiben, sei dies eine Frechheit, ärgert sie sich.

Manche werden hier sterben
In der Strafanstalt ist die Situation etwas anders. Die Insassen wissen, wie lange ihre Haft dauert, und können sich darauf einstellen. Die gefährlichen Täter wie Mörder, Pädophile und Sexualstraftäter bleiben oft für zehn, zwanzig Jahre weggeschlossen. Manche werden hinter Gittern sterben.
Im Laufe der Zeit verlieren einige den Kontakt nach aussen. «Wenn alle Stricke reissen», sagt Kohler, «suchen viele etwas, das sie trägt und sie nicht verzweifeln lässt.» Für etliche werde dann der Glaube wichtig. In der Bibliothek der Haftanstalt liegen die Bibeln in den verschiedensten Sprachen auf. Oft sind sie ausgeliehen.
Manchmal erlebt Anita Kohler, wie hart der Strafvollzug ist. Als die Mutter eines Häftlings starb, durfte dieser nicht an ihrer Beerdigung teilnehmen. Für den jungen Mann war das die Hölle. Kohler setzte sich für den Gefangenen ein, umsonst. Der Fall macht sie bis heute traurig und betroffen: «Selbst ich würde da randalieren und die Zelle auseinandernehmen.» Doch Kohler weiss, auch als Seelsorgerin untersteht sie der Hausordnung.

«Es gibt nichts, was es nicht gibt»
Seit die Pfarrerin in der Strafanstalt arbeitet, sagt sie nie mehr, das könne ihr nicht passieren. «Der Grat zwischen Recht und Unrecht ist schmal, die menschliche Existenz ist unglaublich, es gibt nichts, was es nicht gibt.» Manchmal wollen Menschen das Gute und werden zu Tätern. Wie der Familienvater, der sein Kind schützen wollte und zum Mörder wurde.»

29.08.2018 / Tillmann Zuber