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Gesellschaft

Armut: Zurück auf Feld eins?

Sozialminister Alain Berset stösst an der Armutskonferenz die Caritas und andere vor den Kopf. Der Bund reduziert sein armutspolitisches Engagement beträchtlich.

Anfang September zogen an der Nationalen Konferenz gegen Armut die Programmpartner eine positive Bilanz. Es gebe aber noch viel zu tun, sagte Sozialminister Alain Berset in seiner Eröffnungsrede. Armut sei in einem so reichen Land wie der Schweiz nicht akzeptabel. Immerhin habe das Programm Schritte in die richtige Richtung möglich gemacht.
Kritischer sieht das Caritas Schweiz. Aus Sicht des Hilfswerks brauche es eine gesamtschweizerische Strategie zur Bekämpfung der Armut. Es sei ein falsches Signal, wenn der Bund in den nächsten fünf Jahren sein armutspolitisches Engagement auf bescheidene 500 000 Franken pro Jahr reduziere. «Politisch bedeutet der Entscheid des Bundesrates ein Zurück auf Feld eins», lässt sich Caritas-Direktor Hugo Fasel zitieren.

Lebensmittel für einen Franken
Doch wie sehen dies die Akteure, die vor Ort helfen? Etwa Tischlein-deck-dich. Seit Jahrzehnten verteilt der Verein Lebensmittel an armutsbetroffene Menschen. Pro Woche decken sich über 18 000 Menschen bei den rund 130 Abgabestellen in der Schweiz ein. Tendenz steigend. Gegen Vorweisen der Bezugskarte und Bezahlung eines symbolischen Frankens erhalten Menschen, die am oder unter dem Existenzminimum leben, einwandfreie Lebensmittel, die ansonsten vernichtet würden. Eigentlich eine gute Sache, auch vor dem Hintergrund von Foodwaste. Zur Frage, ob der Bund mit seinem Ansatz bei der Armutsbekämpfung auf dem richtigen Weg sei, wollte sich der Verein Tischlein-deck-dich nicht äussern.

Armut als Tabuthema
Anders bei der Schweizer Tafel. Die nationale Organisation verteilt ebenfalls überschüssige Lebensmittel. Diese stammen aus Filialen des Detailhandels und gehen an soziale Institutionen wie Obdachlosenheime oder Gassenküchen. Im Jahr 2017 waren dies rund 4000 Tonnen Lebensmittel im Wert von 26 Millionen Franken. Daniela Rondelli, Geschäftsleiterin der Schweizer Tafel, meint zur Armutsstrategie des Bundes: «Wir bedauern die Kürzungen des Bundes in der Armutsbekämpfung in den nächsten fünf Jahren. Die Armut darf als Thema in der Schweiz nicht vergessen werden.»

Ergänzungsleistungen für Familien
Für Claude Hodel von ATD Vierte Welt ist die Massnahme des Bundes nicht nachvollziebar, nehme das Gefälle zwischen Armen und Reichen doch immer mehr zu. Hodel plädiert für ­einen anderen Ansatz bei der Bekämpfung von Armut: «Im Kanton Baselland etwa braucht es Ergänzungsleistungen für Familien. Es kann nicht sein, dass Working-Poor-Familien, die 50 Franken über dem fürsorgerischen Existenzminimum stehen, kein Anrecht auf Sozialhilfe haben.»

28.9.28 / Toni Schürmann

www.gegenarmut.ch
www.tischlein.ch
www.schweizertafel.ch