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Spiritualität

«Wer weiss, wer morgen flüchten muss?»

Am Anfang stand eine eisige Nacht eines Asylbewerbers in einer Telefonkabine. Dann ein Gebet. Die Geschichte hinter diesem Stossgebet.

Evangélique Assemblée Chrétienne in Basel, hat viel zu erzählen. Der Mann mit dem nachdenklichen Blick reist im Jahr 2000 mit einem Studentenvisum aus dem Kongo legal in die Schweiz. Er erzählt von den vielen Bekannten, deren Ankunft im neuen Leben in der Schweiz mit grossen Ängsten verbunden war.
Einer berichtete dem Pastor von seiner ersten Nacht in der Schweiz, zusammengekauert in einer Telefonkabine. Ohne Papiere, müde und hungrig, mitten im Winter. Der Einzige, an den er sich in diesem Moment richten kann, ist Gott. Mitendos Gebet über die erste eisige Nacht eines Asylsuchenden in der Schweiz fand
Eingang ins «Basler Gebetsbuch».
«Schon in dieser Nacht mach, dass mich kein Polizist entdeckt und mich wegschafft», gibt Anaclet Mitendo das Stossgebet seines Freundes wieder. 1997 war dieser vor dem Bürgerkrieg im Kongo in die Schweiz geflüchtet. «Er hat nach einigen Jahren die ­Niederlassungsbewilligung erhalten», erzählt Mitendo. «Kurz darauf ist er verstorben, er konnte sich nicht lange über den positiven Entscheid freuen», fügt der Pastor an. «Rühre das Herz
der Behörden an, damit sie mir das Recht geben, hier zu leben», heisst es im Gebet.

Fern von Familie und Heimat
Mitendo kennt viele solcher Schicksale: «Ein Grossteil unserer Gemeindemitglieder musste durch den Asylprozess.» Der Pastor sieht sich als Fürsprecher dieser Menschen. Ihre Situation lässt ihn nicht kalt. «Jeden Tag bin ich mit Asylsuchenden in Kontakt. Unsere Kirche ist eine Gastfamilie für Flüchtlinge», sagt Mitendo. Er kennt das oft schwierige Leben seiner Flüchtlinge, auch wenn er selbst eine solche Situation nicht erleben musste. Er sieht, wie sie warten, fern von der Heimat und Familie. Können sie bleiben, arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken? Anaclet Mitendo will sich von den Geschichten nicht erdrücken lassen. Als Ausgleich spielt er gerne Fussball, spaziert im Wald oder liest ein gutes Buch. «Doch dafür bleibt selten Zeit», sagt er.
Mit dem «Psalm eines verzweifelten Mannes in einer Telefonkabine» wollte Mitendo zeigen, dass sich Menschen auf unterschiedliche Arten an Gott wenden. «Wir alle haben unsere je eigenen Bedürfnisse. Was für den einen überflüssig ist, ist für den anderen notwendig.»
Der Pastor erlebt, wie sich die Stimmung gegenüber den Flüchtlingen verändert hat, die Forderungen nach Abschiebung und verstärkten Grenzen lauter werden. «Menschen siedeln nicht freiwillig um», sagt er, «sie müssen.» Kein Land, auch nicht die Schweiz, sei schöner als das eigene Geburtsland. Dann fügt er hinzu, heute seien es die Menschen aus afrikanischen Ländern, die ihr Land verlassen. «Wir wissen nicht, wer es morgen sein wird. Aber eines wissen wir, wir alle haben das Recht auf Leben.»
«Lass mich jemandem in diesem Land begegnen, der gut ist. Wenn du mich hier wohnen lässt, werde ich dir immer dankbar sein», beendet der Mann in der Telefonkabine sein Gebet.

27.09.18 / Noemi Schürmann