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Gesellschaft

Von #MeToo zum Risiko menschlicher Beziehungen

An der Tagung der Frauenkonferenz des Kirchenbundes am 23. Oktober in Bern gibt es einen Workshop zu #MeToo – geleitet vom einzigen Mann der Veranstaltung, dem Theologen Stephan Jütte.

«#MeToo: Mit oder über weisse Männer sprechen» heisst der Workshop, den der einzige Mann der Veranstaltung leitet: der 35-jährige Stephan Jütte, Bereichsleiter Hoch- und Mittelschule bei der reformierten Landeskirche des Kantons Zürich. Er beteiligt sich damit an der Tagung vom 23. Oktober mit dem Titel «Sexualität zwischen Sünde und siebtem Himmel – Perspektiven einer evangelischen Sexualethik». Organisiert wird sie von der Frauenkonferenz des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK) in Bern.

Dass er angefragt wurde, könnte an seinem bisherigen Engagement zum Thema liegen, vermutet Jütte. Vor einem Jahr hat er sich in einem ersten Blogbeitrag zu #MeToo geäussert und soeben erst in einem zweiten ein Jahr danach. Und er hat sich an der Uni Bern in einem Lehrauftrag zusammen mit Theologie-Studierenden mit christlicher Sexualethik auseinandergesetzt. Das habe viel Spass gemacht, sagt Stephan Jütte: «Die Studierenden haben sehr schnell entdeckt, wie sie Theorie auf aktuelle Fragen beziehen können.»

«Ich möchte korrigiert werden»
Jüttes Interesse für Sexualethik begann aber nicht erst mit dem berühmten Hashtag. Er habe sich bereits während des Studiums mit feministischer Theologie und Gendertheorie auseinandergesetzt – unter anderem mit der Einsicht, dass weniger das biologische, sondern vor allem das soziale Geschlecht eine grosse Rolle spielt in der gesellschaftlichen Entwicklung.

Aus all seinen Erfahrungen – teils auch ganz persönlichen – hat der Theologe für die Tagung fünf Thesen zur Diskussion zusammengestellt. «Ich möchte sie nicht öffentlich vertreten», sagt er dazu in einem Vorgespräch. «Vielleicht irre ich mich, und dann möchte ich korrigiert werden; im gelingenden Fall komme ich von der Tagung anders zurück als ich hingegangen bin.» Doch inhaltlich äussert er sich zu den Überlegungen hinter den Thesen durchaus.

Notwendige Nachdenklichkeit
Im Verlauf der Debatte rund um #MeToo sieht Stephan Jütte in der ersten Phase viel Positives. Zu Beginn hätten viele Frauen ihre Geschichten erzählt und damit aufgerüttelt. «Das zeigte deutlich, in welch sexistisch geprägter Gesellschaft wir immer noch leben. Und es löste auch bei mir selbst Unsicherheit aus und die Frage: Wo gehöre ich zum Problem?» sagt Jütte. Diese Frage könnte der Beginn einer sehr notwendigen Nachdenklichkeit und Achtsamkeit in der Gesellschaft sein.

Doch dann gab es in den Augen des Theologen zwei andere Phasen, die er kritisch betrachtet. «Erstens gerieten die Männer unter einen Generalverdacht, triebhafte Wesen zu sein. Männlichkeit wurde per se gefährlich. Zweitens wurden Differenzierungen mit der Zeit eingeebnet», stellt Jütte fest. Es sei eine Empörungskultur entstanden, in der kaum noch unterschieden werde zwischen Missverständnis, Belästigung, Missbrauch, Nötigung und Vergewaltigung, zwischen Rüpeln und Straftätern. Doch Straftäter seien zu bestrafen, Machos und Sexisten hingegen aufzuklären und zu bilden, findet Stephan Jütte.

Sterile Beziehungen
Ohne Frage gebe es nach wie vor strafrechtlich zu verfolgende Taten und Ungleichheiten, die zu bekämpfen seien, stellt der Theologe klar. «Wenn wir darüber hinaus aber alles, was kulturell falsch läuft in Gesetzesformen und Normen giessen wollen, kommen wir schliesslich zu einer Sterilität in menschlichen Beziehungen, mit der wir vieles der möglichen Weite und Tiefe einfach vergeben.»

Wir müssten dringend miteinander reden, ist Stephan Jütte überzeugt. Und dabei sollten wir keine Angst haben müssen: «Beziehungen sollten wir als Risiko begreifen und gestalten. Denn Kommunikation beinhaltet immer das Risiko, dass wir nicht verstehen oder verstanden werden und dass wir verletzen oder verletzt werden.»

Aber wie erreichen wir das? Der 35-jährige Vater zweier Kinder hat kein fixes Rezept. Aber ein paar Vorstellungen: Wir sollten als Gesellschaft Sensibilität entwickeln. «Und da würde es möglich, über Missverständnisse oder Verletzungen zu reden, ohne dass beispielsweise gleich jemand aufgrund eines Verdachts ruiniert wird», sagt Jütte. Dazu bräuchten wir Orte der Verständigung: Familien, Schulen, Arbeitskollegen, Vereine.

Vorbilder gelingender Männlichkeit gesucht

Zudem wären in seinen Augen dringend «Vorbilder gelingender Männlichkeit» nötig. Zurzeit erlangten vor allem Zerrbilder oder Karikaturen davon Bekanntheit. «Fussballer etwa werden vorab angehimmelt für etwas, das sie machen – und nicht für das, was sie sind.» Es fehle an positiven Männerbildern, findet Jütte.

Verantwortung für die Entwicklung einer solchen Gesellschaft sieht er bei allen. «Es ist entscheidend, welche Sozialisierungsprozesse in Familien, Schulen und Bildungsinstitutionen vorgelebt werden.» Und das Verhalten von Führungspersonen in der Wirtschaft sei ebenso sehr wichtig. «Es gibt also nicht einfach eine Lösung aber es ist ein Problem, das uns alle angeht», fasst Stephan Jütte zusammen.

Marius Schären, reformiert.info, 21. Oktober 2018