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Kirche

Gott erfahrbar machen und politisch aktiv bleiben

Die Kirche müsse «den lebendigen Gott erlebbar machen», mahnt Ratspräsident Gottfried Locher an der Abgeordnetenversammlung des Kirchenbunds. Für seinen Einsatz gegen eine Aufweichung der Regeln für Waffenexporte erhält der Rat Unterstützung.

Lange genug habe sich der Kirchenbund mit sich selbst beschäftigt, sagte Gottfried Locher, Kirchenbundspräsident, am 5. November an der Abgeordnetenversammlung in Bern, die voraussichtlich zum zweitletzten Mal so hiess. In einer Sondersitzung im Dezember wollen die Delegierten aus den Kantonalkirchen nämlich eine neue Verfassung verabschieden. Der Kirchenbund wird dann zur Evangelischen Kirche Schweiz, die Abgeordnetenversammlung zur Synode.

Der nette Atheismus
Ins Zentrum seines «Worts des Ratspräsidenten» stellte Locher «die Gretchenfrage der Kirche». Die Frage nach Gott drohe «im postatheistischen Zeitalter» in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. «Heute habe ich es mit einem freundlichen Atheismus zu tun, der sich nicht einmal mehr über meinen Glauben aufregt.» Die «Giftpfeile der scharfsinnigen Religionskritiker» von Ludwig Feuerbach über Karl Marx bis Friedrich Nietzsche hätten ihre Wirkung entfaltet: Die Feststellung, dass Gott eine Erfindung des Menschen sei, rege schon lange niemanden mehr auf, sie sei quasi stiller Konsens.

Diesem Zeitgeist stellte Locher das reformatorische «Solus Christus» entgegen. Und das Glaubensbekenntnis, welches das Gegenteil behauptet: Dass Gott lebt und Christus auferstanden ist. Viele Menschen in der Kirche steckten im Dilemma zwischen Vernunft und Glauben, sagte Locher. «Wir alle stecken doch in diesem Dilemma.» Er wolle nicht «auseinandergerissen werden zwischen Vernunft und Glaube, sondern ganzheitlich glauben – mit Kopf und Herz».

Wie tröstet Gott?
Die entscheidende Frage für die Kirche sei deshalb, wie der lebendige Gott erfahren werden könne, wie er Trost spende. Sie sei für die Kirche nicht akademisch, sondern existenziell: «Für jeden und jede persönlich, aber auch für die neu zu gründende Evangelische Kirche Schweiz.» Locher rief dazu auf, Gott in der Kirche erlebbar zu machen. Gelinge das nicht, helfe nichts. «Auf die Gottesfrage kann es nur eine Antwort geben: das Gotteserlebnis.»

Für Locher bedeutet dies auch, dass sich die Kirche tatsächlich als «Leib Christi» begreift. «Es kommt nicht nur darauf an, was wir sagen, sondern auch was wir tun.» In diesem Zusammenhang verwies der Ratspräsident darauf, dass der Kirchenbund nach dem Freispruch für die pakistanische Christin Asia Bibi beim Bundesrat interveniert hat, auf dass sich die Landesregierung verstärkt auch für individuelle Menschenrechte starkmacht. Asia Bibi war 2009 verhaftet und später aufgrund des umstrittenen und oft willkürlich gegen religiöse Minderheiten angewendeten Blasphemiegesetzes in der pakistanischen Verfassung zum Tod verurteilt worden. In letzter Instanz wurde das Urteil nun aufgehoben. Der Entscheid der obersten Richter rief jedoch Proteste hervor. Asia Bibi und ihre Familie wurden von muslimischen Fanatikern mit dem Tod bedroht.

Gegen erleichterte Waffenausfuhr
Engagement verlangte die Zürcher Delegation vom Rat des Kirchenbunds auch in der Wirtschaftspolitik. Die Absicht des Bundesrates, die Exportrichtlinien für Waffen zu lockern, stiess insbesondere in kirchlichen Kreisen auf Widerstand. In ihrer Interpellation wollten die Zürcher wissen, wie der Kirchenbund seinen Einfluss in der Frage geltend machen wolle.

Locher betonte, dass die Position des Rates von Anfang an «sachlich eindeutig» war und bis heute unverändert geblieben sei: «Der Rat lehnt jede Lockerung der Waffenausfuhrbestimmungen ab.» Im Februar bat Locher den Bundesrat in einem gemeinsam mit dem Präsidenten der katholischen Bischofskonferenz, Charles Morerod, verfassten Brief, auf die Aufweichung der Exportrichtlinien zu verzichten. Im Namen des Rates folgte im September ein zweiter Brief an die Regierung. Zudem wurden kurz vor der entsprechenden Debatte alle Nationalrätinnen und Nationalräte schriftlich gebeten, dem Bundesrat zu widersprechen.

Taktischer Rückzieher des Bundesrats
Inzwischen hat der Bundesrat die Lockerung zurückgenommen. Aber nicht aus später Einsicht, sondern aus taktischen Gründen. Eine Motion der BDP fand im Nationalrat eine Mehrheit, stimmt auch der Ständerat zu, wird dem Bundesrat die Kompetenz für die Festsetzung von Exportregeln für Rüstungsgüter entzogen. Locher berichtete von vielen positiven Rückmeldungen auf die Intervention des Kirchenbunds. Und er versprach, die Landeskirchen in Zukunft früher zu informieren, wenn der Kirchenbund auf politischer Ebene aktiv wird und beim Bundesrat oder Parlament vorstellig wird.

Der Genfer Abgeordnete Emmanuel Fuchs betonte in seinem Votum die Wichtigkeit der Präsenz des Kirchenbunds auf dem politischen Spielfeld. Er verwies auch auf die Botschaften zur Abstimmung über die Selbstbestimmungsinitiative, über die am 25. November abgestimmt wird. Zur einer Parole vermochte sich der Rat des Kirchenbunds zwar nicht durchzuringen, die veröffentlichten Texte sprechen jedoch eine deutliche Sprache. Die Kirchenräte von Aargau, Basel-Landschaft und Zürich nahmen sie zuletzt zum Anlass, um sich gegen die SVP-Initiative auszusprechen. Auch der Berner Synodalrat zeigte sich in einer bereits früher veröffentlichten Mitteilung «besorgt über den Angriff auf die Menschenrechte».

Seelsorge in Asylzentren
Ganz im Sinne eines Leibs Christi, der sich auch an seinen Taten messen lässt, bewilligte die Abgeordnetenversammlung für das kommende Jahr 420'000 Franken zugunsten der Seelsorge für Asylsuchende in Bundeszentren. Wie im revidierten Asylgesetz vorgesehen, wird das Asylverfahren 2019 beschleunigt und die Antragssteller zuerst in dezentralen Bundeszentren untergebracht, bevor sie auf die Kantone aufgeteilt werden. Ratsmitglied Esther Gaillard betonte die wichtige Rolle der Kirche bei der Begleitung und Integration von Flüchtlingen. Betreut werden Asylsuchende unabhängig von ihrer Religion und den Fluchtgründen.

Bereits im Sommer hatten die Abgeordneten beschlossen, die Mitgliedkirchen, auf deren Gebiet Bundeszentren stehen, bis zum Ende der Amtsperiode 2022 im Rahmen eines solidarischen Lastenausgleichs zu unterstützen. Im Tessin beispielsweise stehen gleich drei Asylzentren. Die kleine reformierte Kirche wäre aber ohne Gelder des Kirchenbunds nicht in der Lage, die Seelsorge sicherzustellen. Zur finanziellen Unterstützung können die Mitgliedkirchen beim Kirchenbund ein Gesuch stellen. Die nötigen Mittel für das nächste Jahr sprachen die Abgeordneten einstimmig.

Zum Präsidenten der Abgeordnetenversammlung wurde der Neuenburger Pfarrer Pierre de Salis gewählt. Er wird damit auch die neue Synode leiten.

Felix Reich, reformiert.info, 5. November 2018