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Religionen

«Die Normalisierung der religiösen Gewalt beunruhigt mich am meisten»

Asia Bibi sass wegen angeblicher Gotteslästerung fast acht Jahre in der Todeszelle – nun wurde das Urteil gegen sie aufgehoben. Ihr Fall zeigt, wie in Pakistan die Islamisierung fortgeschritten ist. Pakistan-Kenner Martin Sökefeld erklärt die religionspolitischen Hintergründe.

Herr Sökefeld, nach dem Freispruch für Asia Bibi, die bereits acht Jahre wegen Beleidigung des Propheten im Gefängnis einsass, tobt der islamistische Mob. Hat sie überhaupt eine Chance, Pakistan lebend zu verlassen?
Asia Bibi wird das Land nur im Verborgenen verlassen können. Die Gefahr, dass sie Opfer eines Anschlags wird, ist gross. Viele Christen sind schon getötet worden. Beispielsweise wurde der erste christliche Minister Pakistans, Shahbaz Bhatti, 2011 ermordet. Aber auch muslimische Politiker, die sich gegen das Blasphemieverbot wandten, wurden umgebracht.

Dann haben die obersten Richter mit ihrem Freispruch für Asia Bibi grossen Mut bewiesen.
Mich hat das Urteil erstaunt. Mitten in der vergifteten Atmosphäre, die gegen Asia Bibi erhobenen Blasphemievorwürfe aufgrund mangelnder Indizien abzuweisen, das verlangte von den Richtern Courage.

Ist es ein unumstösslicher Grundsatz des Korans, Gotteslästerung mit dem Tod zu bestrafen?
Da gibt es keine eindeutige Antwort. Aus dem Koran lässt es sich nicht direkt ablesen. Dann aber gibt es in der Hadithliteratur eine Stelle, die klar besagt: Gotteslästerung von Nichtmuslimen ist eine schwere Sünde, die Strafe aber nimmt Gott selbst vor. Eine andere Überlieferung sagt genau das Gegenteil. Es ist wie immer bei solchen kontroversen Themen nicht leicht, eine wirklich stringente Antwort zu finden.

Und wie sieht das nun juristisch in Pakistan aus?
Blasphemie wurde erstmals von den Engländern in der Kolonialzeit unter Strafe gestellt. Als 1974 die Gemeinschaft der muslimischen Ahmadis nicht mehr zum Islam zugehörig erklärt wurde, sah man es als wichtig an, auch ein Blasphemiegesetz zu schaffen. Erst seit 1991 wird Blasphemie in jedem Fall mit dem Tod bestraft.

Heisst das, je erhitzter das religionspolitische Klima, umso öfter kommt die Keule des Blasphemiegesetzes zum Einsatz?
Das kann man so sagen. Dabei sollte man nicht ausser Acht lassen, dass vor allem die Politik die Islamisierung hervorgebracht hat. Als in den 1970ern der damalige pakistanische Präsident Bhutto immer mehr im Korruptionssumpf versank, versuchte er sein Image mit einer Islamisierung der gesellschaftlichen Spielregeln zu verbessern. Er führte den Freitag als Ruhetag ein und verbot den Alkohol. Später hat vor allem der Militärdiktator General Zia ul Haq das Recht in Pakistan weiter islamisiert, um seine Popularität zu steigern.

Dann kam wahrscheinlich noch sehr viel Geld aus Saudi Arabien hinzu, um die islamistischen Kräfte zu fördern.
Welche Faktoren nun genau entscheidend waren, lässt sich im Nachhinein kaum feststellen. Aber ohne den Krieg in Afghanistan und damit die Einflussnahme der USA wie auch Saudi-Arabiens hätten viele radikale Kräfte in Pakistan kaum die Mittel besessen, um gesellschaftlich relevante Gruppen zu werden.

Also steht auch hier der von der arabischen Halbinsel importierte radikale Islam in der Verantwortung?
Es ist komplizierter. Die Sunniten, die 85 bis 90 Prozent der Bevölkerung ausmachen, sind in viele Strömungen unterteilt. Zwei Hauptgruppen stechen dabei hervor: die Deobandi und die Barelvi-Bewegung. Die Menschen, die jetzt mit Plakaten auf die Strasse gehen, auf der Asia Bibi am Galgenstrick hängt, gehören der Barelvi-Bewegung an. Das sind die Muslime, die Schreine von Heiligen verehren und bei denen auch die Sufi-Tradition verankert ist. Diese religiöse Richtung liegt ganz quer zum puristisch-saudischen Wahhabi-Islam. Aber nachdem die radikalen Gruppierungen sich mehr der puristischen Deobandi-Richtung angeschlossen haben,versuchen nun auch Gruppierungen der Barelvi-Bewegung mit radikalen Forderungen Anhänger zu mobilisieren

Sind die verschiedenen muslimisch ausgerichteten Strömungen auch in der Parteienlandschaft wiederzufinden?
Es gibt viele kleinere, islamistisch ausgerichtete Parteien. Aber bei den Parlamentswahlen spielen sie kaum eine Rolle und bekommen nur wenige Stimmenprozente. Vielleicht ist das ein Grund, ausserparlamentarisch mit grossem Lärm die Strasse zu bespielen.

Der Lärm war nun so gross, dass die Regierung eine neuerliche Revision des Urteils überlegt.
Das ist das Erschreckende. Die Regierung knickt ein. Alle, die die Religionsfreiheit als Menschenrecht ansehen, werden zum Freiwild degradiert. Ich erinnere an die Ermordung des Gouverneurs von Punjab, Salman Taseer. Auch er wollte das unglückselige Blasphemiegesetz reformieren und wurde von seinem Leibwächter Malik Mumtaz Hussain Qadri umgebracht. Im März habe ich den Schrein des hingerichteten Mörders in Pakistan besucht. Der Mann ist für seine brutale Tat zu einem Heiligen aufgestiegen und wird heute verehrt. Diese Normalisierung der religiös motivierten Gewalt beunruhigt mich am meisten.

Delf Bucher, reformiert.info, 20. November 2018

Martin Sökefeld, 54, ist Professor für Ethnologie an der Ludwig-Maximilian-Universität in München. Zuvor lehrte er in Bern und hat das vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierte Standardwerk «Muslime in der Schweiz» mitherausgegeben. Zu seinen Schwerpunkten zählt auch Pakistan.