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Gesellschaft

Kein Baum zum Weihnachtsfest

Auch in der Schweiz, einem der reichsten Länder der Welt, gibt es Armut. Wenn Ida sich etwas Besonderes leisten will, muss sie hungrig ins Bett, erzählt sie.

Ida* hat vor kurzem ihren 50. Geburtstag gefeiert. Das Fest fiel bescheiden aus. Ida kann sich kaum etwas leisten, obwohl sie in Basel wohnt, in einer der reichsten Städte der Welt. Die alleinerziehende Mutter von drei Kindern lebt vom Sozialamt. Die Väter ihrer zwei Töchter und des Sohnes hätten sich nie gross für sie interessiert, erzählt Ida, sie zahlten ihre Alimente, die nicht weit reichten.

920 Franken erhält Ida monatlich, Miete und Krankenkasse zahlt die Sozialhilfe direkt. Will sie sich etwas Besonderes leisten, so muss sie sich dies vom Mund absparen. Wenn der Kühlschrank leer ist, bringt ein Freund Teigwaren mit oder Ida geht hungrig ins Bett.

Die Zigaretten und Bella, ihren Hund, will sie nicht aufgeben, auch wenn das Sozialamt die Kosten für Tiere nicht übernimmt. «Bella ist mein Psychiater», sagt sie und krault ihr das Fell. Der Mischling blickt sie mit treuen Augen an. Der Hund sei ihre Therapie, er bringe sie dazu, die Wohnung zu verlassen und andere «Hündeler» zu treffen. Sie weiss, was Depressionen bedeuten. 

Ida ist eine der 570 000 Menschen, die gemäss Bundesamt für Statistik in der Schweiz arm sind. Caritas zählt gar 1,2 Millionen Menschen, die armutsbetroffen oder armutsgefährdet sind. Ein Viertel davon seien Kinder und Jugendliche. Unter den Betroffenen sind Alleinerziehende, kinderreiche Familien und Menschen mit geringer Ausbildung. Für 140 000 Männer und Frauen, die arbeiten, reicht der Lohn kaum zum Überleben. So die Statistik. 

Claude Hodel kennt die Schicksale hinter den Zahlen. Während dreissig Jahren war er Sozialdiakon in der Kirchgemeinde Reinach. Heute ist er pensioniert. Er weiss, wie es ist, wenn Familien am Existenzminimum leben. Die Schere zwischen Armen und Reichen öffne sich weiter, sagt Hodel. Einfache Jobs gebe es immer weniger, Ungelernte finden kaum noch eine Stelle. Die schlechte Ausbildung sei einer der Gründe, die in die Armut führen. Andere seien Scheidung, Arbeitslosigkeit und Krankheit. 

Auch Ida hat ihre Lehre im Service abgebrochen und hielt sich mit Hilfsjobs über Wasser. Inzwischen bewirbt sie sich nicht mehr um Stellen. Sie hat die Hoffnung aufgegeben, zu oft hat man ihr abgesagt. Die Ausgaben von fünf Franken für die Briefmarken, das Mäppli und das Bewerbungsschreiben könne sie sich sparen, sagt sie. «Im Alter ist die Jobsuche schwierig, man muss ja schon bald zum Putzen eine Matura haben.» 

Hodel kritisiert, dass der Kanton Basel-Landschaft den Ansatz für den Grundbedarf um 30 Prozent kürzen will, der Kanton Bern hat ihn schon um 10 Prozent gekürzt. Andere Kantone werden folgen. Die Armutsbetroffenen müssen sich dann noch weiter einschränken. «Wo denn?», fragt Ida. 

Claude Hodel engagiert sich in der Bewegung «ATD Vierte Welt», die Armutsbetroffenen eine Stimme gibt und sie unterstützt, dass ihre Würde respektiert wird und sie zum Aufbau der Gesellschaft beitragen können. Der Priester Joseph Wresinski gründete die Bewegung 1957 zusammen mit Familien des Obdachlosenlagers von Noisy-le-Grand, nahe Paris. Im Zentrum der Arbeit stehen Familien und Kinder aus den sozialen Brennpunkten. «ATD Vierte Welt» organisiert für sie unter anderem im Sommer Lager. In Basel und Genf bietet sie eine Strassenbibliothek an.

Für Claude Hodel gehört das Engagement für die Armen zur Kernaufgabe der Kirche: «Wenn wir die biblische Botschaft ernst nehmen, dann ist es unsere Aufgabe, zu den Menschen zu gehen, die in Not sind.»

Unterstützung von Working Poor

Ortswechsel ans andere Ende der Schweiz, nach Schaffhausen. «Armut hat auch hier viele Gesichter», sagt Adriana Schneider, Sozialdiakonin beim Verband der reformierten Kirchgemeinden. «Betroffen sind hier Alleinerziehende, Migranten, Langzeitarbeitslose oder Leute mit gesundheitlichen Problemen.» Manche arbeiten und kommen nie auf einen grünen Zweig. Ein arbeitsloser Familienvater etwa fand in einem Schichtbetrieb Arbeit. Ein Auto, um nachts zur Firma zu fahren, konnte sich die Familie nicht leisten. Sie lebte unter dem Existenzminimum, obwohl der Vater immer Vollzeit gearbeitet hatte. «Wir übernahmen die Autokosten für die dreimonatige Probezeit», erzählt Adriana Schneider. Danach übernahm das Sozialamt die Finanzierung. «Manchmal braucht es schnelle, unbürokratische Hilfe», sagt Schneider, «wenn jemandem das Geld für Lebensmittel oder eine Fahrkarte fehlt.» 

«Die Sozialdiakoninnen drücken den Leuten nicht das Geld in die Hand, sondern gehen mit ihnen einkaufen, verschenken Migros-Gutscheine oder begleiten sie zum Bahnhof, um eine Fahrkarte zu kaufen», erzählt Schneider. «Das hat schon manches Weihnachtsfest gerettet.» Die Kirche könne die Sozialhilfe nicht ersetzen. «Das Sozialamt soll die Leute weiterhin unterstützen», sagt Schneider. Ist das nicht der Fall, rufen die Sozialdiakoninnen die Ämter an. «Auch Arme haben Rechte, die sie geltend machen sollten», betont Adriana Schneider.

Ähnlich arbeitet ROKJ Schaffhausen-Zürich-Weinland, ein Projekt von Rotary zur Integration von sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen. Der Schaffhauser Pfarrer Wolfram Kötter ist Mitglied von ROKJ. «Wir zahlen für Leistungen, die der Staat nicht übernimmt. Begabte Kinder, deren Eltern es sich nicht leisten können, haben so die Möglichkeit, ein Instrument zu erlernen oder einen Sport auszuüben.» Im letzten Jahr hat ROKJ 80 Gesuche bewilligt. Wie wichtig Musik für Kinder ist, weiss Wolfram Kötter: «Einem Mädchen, das aus Syrien geflohen war, half die Musik wesentlich bei der Bewältigung eines Traumas.»

Nicht mehr auf die Strasse zurück

Idas ältere Töchter sind ausgezogen, die Mittlere lebt noch zu Hause. Wenn diese geht, müsse sie in eine kleinere Wohnung ziehen, befürchtet Ida. «Doch wo finde ich in Basel eine günstige Unterkunft?» 

Sie hatte schon einmal ihre Wohnung verloren und lebte ein Jahr lang auf der Strasse. Wenn sie Glück hatte, durfte sie in den eisigen Winternächten auf dem Sofa eines Bekannten schlafen. «Auf der Strasse leben, nein, nie wieder», sagt Ida. Die Angst davor macht ihr zu schaffen.

Was sie sich zu Weihnachten wünscht? Ida überlegt. Einen Baum könne sie sich nicht leisten. Für die Geschenke der Kinder und Enkel werde sie sich einschränken und in den nächsten Tagen Teigwaren essen. Ja, wenn sie im Lotto gewinnen würde, dann würde sie mit ihrer Familie in die Ferien fahren. Zweimal in ihrem Leben war das möglich, die Reise nach Südfrankreich war wunderschön, schwärmt Ida. Oder sie würde sich auf eine einsame Insel zurückziehen und das Leben geniessen. Dort gebe es keine Briefkästen, in denen die Rechnungen und Schreiben der Ämter landen. «Ja, das wäre schön», sagt Ida.

* Name der Redaktion bekannt

Tilmann Zuber, Kirchenbote, 26.11.2018