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Gesellschaft

«In der Schweiz gibt es nur bedingt Chancengleichheit»

Der Kampf gegen Armut müsse schon bei den Kindern ansetzen, sie sollen die gleichen Chancen haben, meint Simon Hofstetter, Beauftragter für Gesellschaft beim Kirchenbund.

Herr Hofstetter, die Schweiz ist eines der reichsten Länder der Welt. Rund 270 000 Kinder sind in unserem Land von der Armut betroffen. Was läuft da falsch?

Die hohe Zahl ist Ausdruck eines relativen Verständnisses von Armut. Gemessen am üblichen Standard haben über eine Viertelmillion Kinder nicht die Möglichkeiten, gleichwertig an der Gesellschaft teilzunehmen. Die Zahlen sind ein Indikator für die gesellschaftliche Ungleichheit. Armutsbetroffene müssen sich etwa mehr in ihrer Freizeit einschränken als der Durchschnitt, sei es bei den Ferien oder bei der Kleidung.

Da geht es nicht nur um Ferien. Unsere Recherche zeigt, dass Sozialhilfebezüger enorm unter ihrer Situation leiden. 

Für die Armen ist dies eine schwierige Situation. 

Wie zeigt sich dies konkret?

Die Betroffenen müssen sich materiell einschränken, sie können es sich nicht leisten, mit Freunden und der Familie in die Ferien zu fahren oder in den Ausgang zu gehen. Damit ist ein Rattenschwanz verbunden. Sie ziehen sich zurück, fühlen sich belastet und haben oftmals eine schlechtere Gesundheit als die Durchschnittsbevölkerung. Wenn sie krank, arbeitslos werden oder in eine Notlage geraten, können sie nicht auf Reserven zurückgreifen. Ihre Situation wird bald einmal existenzbedrohend.

Wird Armut vererbt?

Nicht in einem genetischen, sondern in einem sozialen Sinn. In der Schweiz gibt es nur bedingt Chancengleichheit. Jeder lebt in seinem eigenen Milieu. Kinder aus bildungsfernen Schichten haben einen schwierigen Start. Das zeigen auch Untersuchungen: Wer als Akademikerkind geboren wurde, wird mit grosser Wahrscheinlichkeit Akademiker. Wer im Umfeld der Sozialhilfe geboren wird, wird später mit grosser Wahrscheinlichkeit dort bleiben. Deshalb setzt die Armutsbekämpfung bei den Kindern schon sehr früh an, am besten noch vor dem Kindergarten.

Stimmt der Eindruck, dass in der Schweiz die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht?

Das hat vor allem statistische Gründe: Es ist nicht so, dass die tiefen und mittleren Einkommen sinken. Zugenommen hat jedoch die Anzahl der Reichen aufgrund des kantonalen Steuerwettbewerbs und durch die Zuwanderung von gut verdienenden Globalplayern.

Zurzeit setzt die Politik bei der Sozialfürsorge den Sparhebel an. Ist das sinnvoll und menschlich?

Wichtig finde ich, dass die Politik versucht, die Menschen in den Arbeitsmarkt zu bringen. Teils geschieht dies durch Weiterbildung, teils durch einen sanften Zwang. Das kann man befürworten. Abzulehnen ist jedoch, dass die Kantone die Sozialhilfe zusammenstreichen – gegen alle Empfehlungen der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe. Bis in die Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts hatte Armut einen moralischen Makel. So auch heute wieder: Man will die Armen disziplinieren und stellt sie unter Verdacht, arbeitsscheu zu sein und ihr Leben nicht richtig im Griff zu haben. Von dem Grundkonsens, dass Armut nicht grundsätzlich mit Faulheit oder Selbstverschuldung zu tun hat, weicht die Politik heute mehr und mehr ab. Man glaubt, durch den finanziellen Druck würden Arme eher wieder eine Stelle annehmen. Das ist falsch. Die Sozialhilfe zu kürzen, ist kontraproduktiv. Studien zeigen, dass viele nicht aus eigener Kraft den Weg aus ihrer schwierigen Situation finden.

Viele Menschen, die am Existenzminimum leben, gehören zu den Working Poor. Sie arbeiten und kommen nie auf einen grünen Zweig.

Das geht auf verschiedene Situationen zurück: Die einen arbeiten zu hundert Prozent, trotzdem reicht der Lohn nicht. Andere haben nur Kurzarbeit, mehrere Stellen oder Jobs auf Abruf. Im Gegensatz zu unseren Nachbarländern, die Mindestlöhne und strikte Vorschriften kennen, fehlen der Schweiz Konzepte zur Eindämmung solcher prekären Beschäftigungslagen. 

Welche Rolle könnte die Kirche bei der Bekämpfung der Armut spielen?

In den Kirchgemeinden geschieht viel sozialdiakonische Arbeit, auch wenn diese nicht sichtbar ist. Man kann dieses Engagement mit drei Stichwörtern umschreiben: Entdecken, vermitteln und unterstützen. Mit ihren Sozialdiakonen und Sozialdiakoninnen, der Pfarrschaft und den vielen Freiwilligen ist die Kirche sehr nahe an den Menschen. Sie sehen, wo Armut herrscht, und können die Betroffenen an die zuständigen Stellen vermitteln. Die Kirche verfügt über ein engmaschiges Netz, auf das sie zurückgreifen kann. Das schaffen die staatlichen Institutionen nicht. Diese haben ihre gesetzlichen Grundlagen, nach denen sie sich richten müssen. In unserem gut ausgebauten Sozialnetz gibt es etliche Löcher, durch die Menschen fallen. Die Kirchen können flexibler auf Notsituationen reagieren. Da gibt es beispielsweise die Familie, die am Rande des Existenzminimums lebt. Der Vater hat einen Unfall und verliert einen Zahn. Der Lohn ist schon gepfändet. Nun flattert die Rechnung des Zahnarztes ins Haus. Die Familie ist verzweifelt. In solchen Notlagen können die Verantwortlichen der Kirche handeln und die Leute unterstützen.

Obdachlosenpfarrer Ernst Sieber hat einmal gesagt: «Der Staat kann nicht lieben, wir Menschen und insbesondere die Kirche kann dies und muss dies auch.»

Ich halte viel von diesem Zitat. Staatliche Stellen können keine ganzheitliche Betreuung leisten. Das gelingt eher der Kirche, indem sie die Armutsbetroffenen in die Gemeinschaft integriert. Die Werte unserer Leistungsgesellschaft basieren auf Arbeit. Wer diese nicht erbringt, fällt aus dem System. Die Kirche hat einen anderen Ansatz. Der christliche Glaube besagt, es zählt der Mensch und nicht die Leistung. Jeder und jede ist von Gott geliebt und gleichwertig. In der christlichen Vorstellung gibt es keine minderwertigen, sondern nur vollwertige Menschen. Das ist ein enormes Potenzial, das die Kirchen sicher noch stärker in die Gesellschaft tragen können.

Interview Tilmann Zuber, Kirchenbote, 26.11.2018