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Kultur

Der Ernst des Glaubens

Der Dokumentarfilm «ohne diese Welt» zeigt den ernsten Alltag einer deutschstämmigen Mennoniten-Kolonie in Argentinien.

Ein Lachen hört man in diesem Film nicht. Denn das ist bei der argentinischen Mennoniten-Gemeinde, deren Alltag der Dokumentarfilm «Ohne diese Welt» der deutschen Filmemacherin Nora Fingscheidt festhält, auch nicht erwünscht. Die Freikirchengemeinde, die auf die Täuferbewegungen der Reformationszeit zurückgeht und eine alte Form des Plattdeutsch spricht, geht davon aus, dass nur in den Himmel kommt, wer auf Erden genügend gelitten hat. «Weil wir alles Menschen sind, die Sünden haben, wird der genehm sein, der hier für seine Sünden gebüsst hat», erklärt ein Mennonit in den ersten Minuten des Films.

Während 115 Minuten wird die schwermütige Lebensweise einiger Familien aus der Mennoniten Kolonie gezeigt, die ohne Strom, Telefon, Medien und Autos auskommt, weil es die Tradition so will. Aus Angst, der Mensch könne durch die Annehmlichkeiten der modernen Welt vom Glauben abfallen, wird an einem Lebensstil wie vor 200 Jahren festgehalten. «Nur wenn man leidet, erinnert man sich an Gott», erklärt der Familienvater später im Film.

Ernste Gesichter, ernstes Leben
Die Lippen der mennonitischen Familien sind eigentlich immer zusammengepresst – egal ob sie Kühe melken, Schweine ausnehmen oder Wäsche waschen. Sogar der jüngste Darsteller, ein Baby, hat den prägenden Gesichtsausdruck seiner Gemeinschaft übernommen.

Es wird kaum gesprochen, weder auf dem Pferdewagen, auf dem die Mennoniten über die sandige Strasse in den Gemeindesaal oder zur Milchsammelstelle fahren, noch beim Mittagessen, wenn die kinderreichen Familien zusammensitzen. Auch in den Interviews sind die Protagonisten schüchtern und wortkarg. Ein leichtes Aufbegehren gegen die Strenge des Lebens wird ein einziges Mal spürbar: Als ein 18-Jähriger erzählt, dass Autofahren doch nicht so gefährlich sein kann, wie seine Eltern ihm einbläuen, sonst wären die modern lebenden Bewohner der umliegenden Dörfer ja fast alle tot.

Ansonsten scheinen sich die Gemeindemitglieder dem Diktat ohne mit der Wimper zu zucken zu beugen, einer Tradition, die unzimperlich über Generationen hinweg weitergegeben wird. «Wenn wir etwas machen, das unsere Eltern nicht wollen, schlägt uns mein Vater mit dem Riemen», sagt der 18-Jährige. «Ich werde das auch mit meinen Kindern so machen. So hat man es uns beigebracht.»

Tradition gegen Globalisierung
«Ohne diese Welt», mit dem Nora Fingscheidt ihr Studium an der Filmakademie Baden-Württemberg abschloss, fasziniert, weil man als Zuschauer kaum glauben kann, dass sich eine solche Lebensweise in einer vermeintlich globalisierten Welt halten kann. Weil es Menschen gibt, die in einem Deutsch sprechen, wie es vor 200 Jahren gesprochen wurde, und die sich dem Lehrplan der Länder, in denen sie leben, entziehen, weil sie die Bibel als einzig notwendiges Schulmittel erachten. Weil es bizarr anmutet, wie nordeuropäisch aussehende Frauen in langen Kleidern und runden Hüten und Männer in karierten Hemden und Latzhosen durch den heissen Wind in der argentinischen Pampa eilen.

Die 34-jährige Filmemacherin fing die Stimmung mit respektvoll und unhektisch geführter Kamera ein, ohne die patriarchalen, erdrückenden Strukturen anzuprangern. Irritieren ihre langen Sprechpausen in den Interviews anfangs noch, so fühlt es sich am Ende des Films nach dem natürlichen Tempo einer Gemeinschaft an, die der Eile der modernen Gesellschaften eisern entsagt.

«Ohne diese Welt» von Nora Fingscheidt. Deutschland 2017. Deutsch, Spanisch, 115 Minuten. Ab 13. Dezember in den Schweizer Kinos.

Anouk Holthuizen, reformiert.info, 28. November 2018