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Gesellschaft

Heimatverlust

03.01.2019
Was ist das für ein blödes Lied? Ich hab mir noch einen Glühwein geholt. “Wer lässt denn solche Scheissmusik laufen», hab ich gebrüllt und den Kollegen zugeprostet. Und plötzlich war alles ganz weit weg. «Hey Marc, ist dir nicht gut?» hat einer gefragt. Ich sähe plötzlich so bleich aus. «Ist nicht mehr der Jüngste», hat Dieter gefrozelt, so wie er es immer tut. Doch diesmal hat’s mich getroffen.

hmz-Der Glühwein hat plötzlich auch nicht mehr geschmeckt. «War vielleicht ein bisschen viel heute», hab ich geantwortet und den Becher hingestellt. «War vielleicht ein bisschen viel die letzten Wochen», hat Mike gemeint und mich besorgt gemustert. «Ach was...», habe ich geantwortet, «alles grün, was meinst du denn, die paar Überstunden hauen mich doch nicht um.» Dann hab ich ausgetrunken und bin gegangen obwohl der Stephen noch einen ausgeben wollte. Blödes Lied, hab ich mir gesagt, hat mir den ganzen Abend versaut. Und das so kurz vor Weihnachten.

Das heute war neu. Es war so, wie aus dem Leben fallen. Ich sehe mich, sehe die Kollegen, höre den Lärm mit diesem blöden Lied. Irgendwie weit weg. Und wumm – bin ich wieder drin. Etwas atemlos, leicht schwindlig. Und etwas ist anders als vorher. Ich bin wieder drin und doch nicht ganz drin. Das sind meine Kollegen. Alles gute Kumpels, seit Jahren. Irgendwie anders plötzlich.

Seit Jahren treffen wir uns im Advent zum Glühwein. Immer freitags. Tolle Sache. Da fährt man so richtig herunter und kommt entschleunigt nach Hause. Wirkt garantiert. Lea ist manchmal noch später dran als ich. Sie geht immer mit ihren Kolleginnen. Auch heute bin ich zuerst zuhause. Es kommt mir irgendwie fremd vor. Ich komme in die Wohnung und friere leicht. Vermutlich eine Erkältung, die sich da anschleicht. Typisch Adventszeit. Naja, das gibt sich wieder. Jetzt erst mal Wochenende. Radio ein und was Kleines zum Futtern herrichten. Wir können nachher ja noch auswärts etwas essen. Vielleicht. Ich bin zwar völlig kaputt und der Rücken schmerzt. Ach was, Weichei, reiss dich zusammen und ...

Lea meint, ich wäre wie tot auf dem Sofa gelegen. Naja, sie übertreibt. Ich war einfach hundemüde. Ich erinnere mich gar nicht mehr, wann ich mich aufs Sofa gesetzt habe. Macht nichts. Heute ist Freitag, jetzt gibt’s Wochenende. Lea ist schon chic angezogen. «Also tschüss!», sagt sie, dann sind wir morgen bei deiner Mutter zum Brunch.

«Am Samstag sind wir nie zum Brunch bei meiner Mutter?» habe ich gesagt. «Ach «Kuschelknuchel», hat sie gesagt, «morgen ist Sonntag und ich geh jetzt mit Deborah zum Klassentreffen, schau dass du heute mal aus dem Bett kommst.» Die spinnt. Ich bin todmüde und habe kalt. Und morgen ist Samstag – hey!

 

Das Lied gibts hier


Von Jürg Hartmann erfasst am 06.01 2020 09:42

Fragen an...

Fragen an Buddha, Fragen an Allah, Fragen an Gott, Fragen an Manitou, Fragen an Mohammed, Fragen an das Göttliche im Menschen: Wenn ich mir vorstelle, das Göttliche würde mir gegenübersitzen, was wäre dann? So setze ich mich hin und bitte das Göttliche, mir gegenüber Platz zu nehmen. Die Stühle sind bequem, sehr geeignet, ganz hier zu sein. Ganz. Da sitzen wir zwei, schweigsam, nachdenklich aber ganz da. Mich sieht man gut, mich erkennt man gut, das Göttliche aber lässt weder Worte noch Bilder zu, denn in Worte und Bilder gefasst ist das Göttliche nicht mehr göttlich sondern menschlich. Für unsere Kinder sind die Bilder wichtig und notwendig, für erwachsene Menschen bezweifle ich das ernsthaft. Die Antworten aber, die kann ich hören, vielleicht auch wahrnehmen, das reicht, muss reichen. Und so komme ich zu meiner ersten Frage: «Ich weiss, ich könnte Dich jetzt fragen, warum Du all das Schreckliche, Böse und Teuflische auf dieser Welt zulässt, die Kriege, die Gewalt, Vernichtung und Tod. Doch genau diese Frage stelle ich jetzt nicht. Ich versuch’s also andersherum. Ich frage Dich und nur Dich: Wie kommt es denn, dass wir Dich immer wieder fragen, was ich fragen könnte wie oben erwähnt. Wie also kommt das?» Das Göttliche ist irgendwo im Raum, meine ich, seine Stimme aber kann ich klar und deutlich hören, das ist die Hauptsache, und damit höre ich auch seine Antwort. ES sagt: «Deine Frage ist gut, lieber Mensch, ich denke nach. Kannst Du Dir vorstellen, welcher Art meine Gedanken hier sind?» Ich bin überrascht. Da stelle ich ihm eine meiner ganz wichtigen Fragen und nun soll ich mir vorstellen, was ES meint, was ES denkt. Komisch, ungewohnt, ich weiss nicht recht und bin verwirrt. So antworte ich: «Du siehst, Deine Antwort macht mich wirr, die Worte in meinem Kopf fliegen kreuz und quer und suchen nach einer Ordnung. Das will nun heissen, ich denke nach, ich denke laut nach, dann kannst Du meine Gedanken gleich mithören. Also: Deine Antwort wirkt, ich beginne zu suchen, suche jedoch bei mir und in mir. So weit bin ich im Moment.» Das Göttliche antwortet sofort: «Ganz genau, Du hast es erkannt denn Du suchst bei Dir. Du suchst nicht in den Wolken, hinter denen Du mich vermutest, Du suchst nicht beim Papst, meinem angeblichen Stellvertreter auf Erden, Du suchst nicht aussen, sondern innen, das ist der Punkt!» Damit bin ich wieder allein im Raum, allein mit meinen Fragen, ganz auf mich zurückgeworfen, auf mich gestellt. Vielleicht ist das der Punkt, vielleicht ist das die Antwort des Göttlichen an mich: «Geh auf die Suche, immer wieder, und suche in Dir, mit Dir und natürlich auch zusammen mit anderen Menschen. Doch bleib auf der Suche, immer.»

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