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Religionen

Ritual gegen rote Köpfe

Vor 20 Jahren hat sich die St. Galler Synode mutig für eine Gleichberechtigung gleichgeschlechtlicher Paare ausgesprochen.

Wer sich über etwas aufregt, zeigt ungewollt, wie sehr er mit diesem Etwas ringt. Helikopter-Eltern zum Beispiel, die sich über die Schule ärgern, aber daheim nicht klar kommen mit dem Nachwuchs, der so ganz anders will, als sie. Frust über eigenes Unvermögen muss raus. Am besten zum Sündenbock. Jesus hat solche Pharisäer, mal mit einem einzigen Satz auf ihren blinden Fleck hingewiesen: «Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein!» Es scheint also recht hilfreich, bei Erregung immer auch den eigenen Schatten zu sehen. 

Vielsagend, deplatziert
Mit der Aufregung um die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare verhält es sich ähnlich. Die roten Köpfe sind so vielsagend wie deplatziert. Seit der Reformation gilt die Ehe als «weltlich Ding», als säkularer Vertragsschluss also, befreit von ihrer sakramentalen Überhöhung. Ehen werden auf dem Standesamt geschlossen. In der Kirche können zwei, die einander anvertraut sind und das Wagnis ihrer Zukunft aus Gottes Hand nehmen mögen, um seinen Segen bitten. 

«Was Pharisäer ‹Sünde› nennen, legt das Ritual liebevoll in Gottes Hand.»

Vor 20 Jahren hat die St. Galler Synode daher beschlossen, dass Pfarrerinnen und Pfarrer Menschen in speziellen Situationen gottesdienstlich begleiten können. Man dachte an Adoption, Schuleintritt, Ehejubiläum, Pensionierung, Ehescheidung und namentlich an Partnerschaften von Personen gleichen Geschlechts. Ein damals recht mutiger Entscheid der Gleichberechtigung, lange vor dem Staat.

Rituale öffnen und bringen Kontakt
Rituale bringen Ordnung und Sinn ins Leben. Sie erinnern, was uns Verbundenheit, Heiligkeit und Lebensfreude bedeuten. Sie öffnen für den belebenden Geist. Sie bringen einen in Kontakt mit dem Jenseits, könnte man sagen. Darum werden sogar Schiffe «getauft». Und Häuser «gesegnet». Und Skigebiete «vermählt». 

Wer fühlt sich da berufen, zwei liebenden Menschen das Ritual zu verweigern? Als Vergleich: Zuweilen werden Menschen zu Grabe getragen, wo es schwerfällt, Liebevolles zu sagen. Sie werden trotzdem in Würde bestattet. Das ist Christenpflicht. Und all das, was Pharisäer «Sünde» nennen, legt das Ritual liebevoll in Gottes Hand. Wen’s stört, der soll den ersten Stein werfen. Bildlich gesprochen, natürlich. Nur, um den eigenen Schatten zu sehen. 

 

Text: Reinhold Meier, Wangs | Foto: Ingimage  – Kirchenbote SG, Februar 2019

 

Das Gewissen befragen

Es ist selbstverständlich, dass Taufe, Hochzeit und Bestattung nicht gegen das Gewissen des handelnden Pfarrers durchgeführt werden können. Bei «Segensfeiern» für gleichgeschlechtliche Paare» wurde das sogar ausdrücklich festgehalten. «Pfarrpersonen sollen nicht gegen ihre Überzeugung dazu gezwungen werden», erinnert Kirchenratspräsident Martin Schmidt an die Regelung von 1998. «Der kantonale Kirchenrat unterstützt diese Gottesdienste jedoch durch Information und Wegleitung», heisst es. In Gottesdiensten seien alle Menschen willkommen, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung. (rem) 


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