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Gesellschaft

«Es tut uns gut, hier sein zu können»

In den Wintermonaten bietet das Zürcher Stadtkloster obdachlosen und bedürftigen Menschen neu einen Ort, um sich aufzuwärmen und zur Ruhe zu kommen. Ein Augenschein in der Winterstube.

Ein Samstag im Januar: Im grossen Kirchgemeindehaus der Bullingerkirche warten schon die ersten Gäste vor dem Zimmer, in dem die Winterstube untergebracht ist. Pünktlich um elf geht die Türe auf. Gastgeber für den ersten Teil des Tages sind heute Beat und Heidi. Sie heissen die Hereinkommenden willkommen, viele von ihnen kennen sie schon, der Umgangston ist herzlich.

Mitte November schuf das in der reformierten Bullingerkirche angesiedelte Stadtkloster das Wochenendangebot für Obdachlose. Mittlerweile kommen samstags und sonntags je rund 30 Leute. Einige von ihnen haben die Nacht auf der Strasse verbracht und bleiben den ganzen Tag in der warmen Stube, bis diese um 19.30 Uhr wieder schliesst.

Begehrte Dusche und Waschmaschine
Die Kaffeemaschine mahlt und mahlt. Und die Listen für die Nutzung der Waschmaschine mit Tumbler und der Dusche auf der Toilette nebenan sind in kurzer Zeit voll. «Eine zweite Waschmaschine könnten wir gut gebrauchen», sagt Heidi. Sie und ihr Mann gehören zu den rund zwanzig Freiwilligen, die hier jeweils eine Schicht übernehmen. Um 15.15 Uhr werden sie abgelöst.

Das pensionierte Ehepaar ist Mitglied des Vereins Stadtkloster. Freundlich und unaufgeregt laden die beiden Neuankömmlinge zum Kaffee ein, unterhalten sich hier und dort mit jemanden, rufen den Nächsten oder die Nächste auf der Liste auf, wenn Waschmaschine oder Dusche frei werden.

Gespräche und Stärkung
Die Stimmung im Raum ist entspannt. Viele kennen sich, sitzen plaudernd zu zweit oder dritt an den Tischen und in der Sitzecke. Andere lesen Zeitung, eine Frau zeichnet, einige sind über ihre Handys gebeugt, auch die beiden PCs sind besetzt. «Natürlich ist es nicht immer so friedlich», sagen Heidi und Beat. Ab und zu komme es schon auch zu Spannungen.

Im Moment gilt die Aufmerksamkeit der Anwesenden dem leiblichen Wohl. Eine nahegelegene Bäckerei spendet der Winterstube gelegentlich Produkte vom Vortag. Ein Gast hat sie jetzt geholt und auf den Tischen arrangiert: Takeaway-Salate, Sandwiches, Käse- und Gemüsekuchen und allerlei Patisserie. Eine Mikrowelle steht auch bereit.

Ruhe und ein kleiner Luxus
Eine gepflegte Dame in den Fünfzigern holt sich einen Salat und setzt sich wieder auf das geblümte Plüschsofa. «Das Leben auf der Strasse ist stressig», sagt sie. Umso mehr geniesse sie die Ruhe hier, die Freundlichkeit der Mitarbeiter. Hier könne man einfach sitzen, ab und zu etwas trinken und essen. Und beim Essen erst noch das aussuchen, worauf man am meisten Lust habe: «Das ist echter Luxus.»

Seit Anfang Dezember schläft die Frau auf der Strasse und sieht trotzdem aus wie eine Chefsekretärin. Weil sie keine Stadtzürcherin sei, könne sie nicht in der Notschlafstelle übernachten, erklärt sie. Sie hat ein möbliertes Zimmer in Aussicht, doch die Wartezeit hat sich verlängert. Im Februar sollte es klappen.

«Alle zwei Wochen wasche ich hier auch», erzählt die Dame und zeigt auf ihr Hab und Gut, das in einem schwarzen Rollkoffer und einer schicken kleinen Reisetasche verstaut ist. Im Moment lebt sie von der Hand in den Mund. «Als ich noch Sozialhilfe bezog, habe ich mich mit 32 Franken pro Tag richtig reich gefühlt, denn ich nehme keine Drogen, rauche und trinke nicht ». Warum sie jetzt kein Geld mehr bekommt, führt sie nicht weiter aus.

Wenig Orte am Wochenende
«Nicht alle, die zu uns kommen, übernachten auf der Strasse» sagt Denise Frei, die Leiterin der Winterstube. Sie ist für die Dauer des Projekts teilzeitlich angestellt und an diesem Samstag ebenfalls da. «Viele kommen im Pfuusbus und im Iglu der Sieberwerke, bei der Heilsarmee oder in der städtischen Notschlafstelle unter», sagt die angehende Sozialarbeiterin, die zuvor bei der SIP, der städtischen Einheit für Sicherheit, Intervention und Prävention arbeitete, welche im Winter auch Kältepatrouillen für Obdachlose durchführt.

Einige der Gäste hätten vielleicht sogar irgendwo ein Zimmerlein, seien aber auf das Sozialamt oder die Invalidenversicherung angewiesen und froh, hier das Wochenende verbringen zu können, erzählt Frei. Die Winterstube soll noch bis Ostern offenstehen. «Bis dahin könnten wir noch einige Freiwillige mehr gebrauchen», betont sie.

Unterdessen zeigt Beat einem Österreicher, der in Zürich gestrandet ist, die App «I-need». Das Stadtkloster hat sie zusammen mit Diakonie Schweiz und der Kommunität Nidelbad entwickelt. Die App informiert Bedürftige über Mittagstische, Unterrichtsstunden, Kleider, medizinische Behandlung und Beratungsangebote in Schweizer Städten und Regionen. In Zusammenarbeit mit den Kantonalkirchen soll sie fortlaufend regional ausgebaut werden.

Kleider und Hoffnungen
Eine junge Frau mit blonden Rastalocken kommt frisch angezogen vom Duschen zurück. An einem Garderobenständer und in einer Vitrine im Zimmer warten gebrauchte Kleider darauf, mitgenommen zu werden. In aller Ruhe hatte sie zuvor ein weites graues Shirt und einen flauschigen cremefarbenen Pullover ausgesucht. Auch ein paar warme Schuhe passten ihr. «Ohne Schnürsenkel», sagt sie und lacht. Ihr Freund, der an einem der PCs sitzt, wartet noch auf seine Dusche.

Er ist Ungar, sie Deutsche mit türkischen Wurzeln, sie folgte ihm von Berlin nach Zürich. Auf der Strasse landete sie, nachdem ihre Mutter starb und ihr Vater gleich darauf wieder heiratete. «Damals ging alles kaputt», sagt sie.

Die Woche über sind die beiden oft im Christehüsli. Doch dieses ist am Wochenende geschlossen. Vor allem am Sonntag sind viele Tageseinrichtungen zu. Das Paar will bis am Abend in der Winterstube bleiben und morgen wiederkommen. «Es tut uns gut, hier sein zu können», meint die junge Frau. Bald hätten sie vielleicht ein eigenes Zuhause, ihr Freund habe eine Arbeit in Aussicht. Und sie fügt an: «Ich glaube fest daran, dass auch ich einen Job finde.»

Christa Amstutz, reformiert.info, 30. Januar 2019

Winterstube in der Bullingerkirche: Samstag und Sonntag, 11-19.30 Uhr, Bullingerstrasse 4, Zürich. Interessierte Freiwillige: elsbeth.boesch@zh.ref.ch, Tel 044 493 44 22. www.stadtkloster.ch