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Gesellschaft, Politik

Rosa Luxemburg - eine Begegnung

31.01.2019
Rosa Luxemburg, geboren 1871 in Polen als Rozalia als jüngstes von fünf Kindern der säkularisierten jüdischen Eheleute Line und Eliasz Luxemburg, genoss eine umfangreiche humanistische Erziehung und fiel früh durch ihre aufmüpfige Haltung gegenüber „Autoritäten“ auf, geriet daher schon als Jugendliche in den Fokus von «Ordnungshütern».

Nach glänzendem Abitur begann sie 1889 in Zürich mit dem Studium der Naturwissenschaften, Mathematik und Philosophie, weil nur da Frauen und Männer gleichberechtigt studieren durften. Drei Jahre später sattelte sie auf Rechts-  und Staatswissenschaften um. Zürich war attraktiv für politisch verfolgte ausländische Sozialist/innen. Luxemburg fand rasch Kontakt zu Emigrantenvereinen, die vom Schweizer Exil aus den revolutionären Sturz ihrer Regierungen vorzubereiten versuchten. 1897 wurde sie mit dem Prädikat magna cum laudepromoviert, übersiedelte nach Deutschland und trat  in die SPD ein. Dank  ihrer Sprachgewandtheit (sie beherrschte bzw. verstand acht Sprachen!) und Rhetorik erwarb sie rasch grosses Ansehen. Die meisten SPD-Abgeordneten wollten jedoch die neue Legalität der Partei bewahren und setzten sich immer weniger für einen revolutionären Umsturz als vielmehr für Rechte und Sozialreformen im Rahmen der bestehenden Gesellschaftsordnung ein. Luxemburg schrieb regelmässig anonyme Artikel, worauf sie ab 1898 zeitweise polizeilich überwacht wurde. Zum engen Freundeskreis gehörte Clara Zetkin, die für eine selbstbestimmte internationale Frauenbewegung eintrat. Luxemburg warnte vor einem drohenden Krieg der europäischen Grossmächte, griff den deutschen Militarismus und Imperialismus an und versuchte, ihre Partei zu einem energischen Gegenkurs zu verpflichten.

 Ab 1906 wurde sie immer wieder verurteilt: erst wegen „Anreizung der Bevölkerung zu Gewalttätigkeiten“. 1915 musste sie eine Haftstrafe im Berliner Weibergefängnis antreten, später wurde sie nach dem damaligen Schutzhaft-Gesetz zur „Abwendung einer Gefahr für die Sicherheit des Reichs“ zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Sommer 1916 begann ihre „Sicherungsverwahrung“. Drei Jahre und vier Monate verbrachte sie zwischen 1915 und 1918 im Gefängnis. Dort sammelte sie Nachrichten aus Russland und verfasste Aufsätze, die ihre Freunde herausschmuggelten und illegal veröffentlichten. In ihrem Aufsatz «Die Krise der Sozialdemokratie», erschienen im Juni 1916 unter dem Pseudonym Junius, rechnete sie mit der „bürgerlichen Gesellschaftsordnung“ und der Rolle der SPD ab, deren reaktionäres Wesen der Krieg offenbart habe. Lenin antwortete positiv darauf, ohne zu ahnen, wer sie verfasst hatte.  Im Winter 1917 weckte der revolutionäre Sturz des Zaren in Russland Hoffnungen auf ein baldiges Kriegsende. Nun gründeten die Kriegsgegner, die die SPD ausgeschlossen hatte, die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands, die rasch Zulauf gewann.

Luxemburg begrüsste Lenins Russische Revolution, warnte aber zugleich vor einer Diktatur der Bolschewiki. In diesem Zusammenhang formulierte sie den berühmt gewordenen Satz: „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.“ - Mit starken gesundheitlichen Beeinträchtigungen kämpfend, verfolgte sie aktiv das revolutionäre Geschehen. Bis zuletzt bekräftigte sie ihr unbedingtes Vertrauen in die Arbeiterklasse. Mitte Januar 1919 nahm eine „Bürgerwehr“ sie und Karl Liebknecht  in Berlin-Wilmersdorf fest. Die Gefangenen wurden separat verhört und schwer misshandelt. Man beschloss, sie zu ermorden; der Mord sollte nach einer spontanen Tat Unbekannter aussehen: ein Jäger schlug Rosa Luxemburg mit einem Gewehrkolben, bis sie bewusstlos war. Ein Leutnant erschoss sie mit einem aufgesetzten Schläfenschuss. Ihre Leiche wurde in den Berliner Landwehrkanal geworfen, wo sie erst Ende Mai geborgen und Mitte Juni schliesslich neben Liebknecht bestattet wurde. Zehntausende begleiteten die Bestattung,  in mehreren Städten gab es Grossdemonstrationen und Streiks.

Her mit dem guten Leben!

Soviel geht mir durch den Kopf, wenn ich mich innerlich auf den Weg mache zu ihr, Rosa Luxemburg, einer Vorkämpferin und Visionärin:

… Ich denke an Frauen, denen um die Jahrhundertwende ein Studium in ihren Heimatländern (D und RUS) versagt blieb, die sich aber in der Schweiz ihren Traum von einer vertieften Bildung oder ihren Berufswunsch (häufig als Ärztin) erfüllten.[1]

…Ich denke an Frauen, die vor hundert Jahren ungewollt und unverheiratet schwanger wurden, nicht selten von ihren Chefs, Meistern, Vorgesetzten, und die die ganze Last, Schande, Verachtung, ja sogar Bestrafung alleine zu tragen hatten. Meine Grosstante etwa, oder die berühmte Astrid Lindgren, die als junge lebenslustige unbedarfte literarisch hochbegabte Bauerntochter als Volontärin bei der Regionalzeitung vom Chef geschwängert und dann sich selbst überlassen wurde – Unzucht und Ehebruch, wie das hiess, war damals strafbar!

…Ich denke an die vielen Frauen, die seither immer noch und immer wieder – auch heute! – um ihre Rechte, um die Gleichberechtigung, kämpfen, um Teilhabe am gesellschaftlichen, politischen, beruflichen, bildungsmässigen, ökonomischen Leben.

«Ich fühle mich in der ganzen Welt zu Hause, wo es Wolken und Vögel und Menschentränen gibt.»

… Ich denke an die mutigen Frauen, die ihre Stimme erheben im Film „Female Pleasure“, der die Unterdrückung und Gewalt gegen Frauen in verschiedenen Kulturen auch heute beleuchtet.

…Ich denke an die vielen Frauen, die Thema sind in der diesjährigen Brot-für-alle/Fastenopferkampagne, die sich engagiert unter dem Motto Gemeinsam für starke Frauen – gemeinsam für eine gerechte Welt

….Ich denke an die historische Wahl zweier Bundesrätinnen am selben Tag vor wenigen Wochen. Die unbestrittene glanzvolle Wahl dieser beiden Frauen, die achte und die neunte Bundesrätin, hat mich sehr gefreut! Als mit Micheline Calmy Rey vor bald 20 Jahren die erste Grossmutter Bundesrätin wurde, wurde sie gefragt, wer denn nun ihre Enkelkinder hüte. Wurde je ein bundesrätlicher Grossvater solches gefragt?

.. Ich denke an die mutige beherzte Anni Lanz, die kürzlich verurteilt wurde, weil sie einem afghanischen, angeschlagenen Menschen solidarisch Gastfreundschaft gewährt hatte.

«Die Missachtung des Lebens und die Brutalität gegen den Menschen lassen die Fähigkeit des Menschen zur Unmenschlichkeit erkennen. Sie kann und darf kein Mittel irgendeiner Konfliktlösung sein und bleiben.»

Schon zur Jugendzeit Rosa Luxemburgs, um 1900, standen im Zentrum der weiblichen Emanzipation Fragestellungen, die auch heute noch den Diskurs prägen: die Rolle der Frau als Mutter, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die sexuelle Selbstbestimmung, die unterschiedlichen Bedürfnisse und Begehren der Frauen, geprägt durch ihre soziale Herkunft und ihre politische Haltung. Während bürgerliche Frauen vor allem für das Wahlrecht und berufliche Aufstiegsmöglichkeiten kämpften, strebten die Proletarierinnen und ihre Vorkämpferinnen wie  Rosa Luxemburg und Clara Zetkin gemeinsam mit ihren männlichen Parteigenossen nach einer Revolution, um die Massenarmut zu beseitigen. Während die bürgerlichen Frauen von ihren Vätern, Ehemännern und Brüdern als treusorgende Hausfrauen und Mütter idealisiert, ihre angeblichen Geschlechtseigenschaften naturalisiert und ihre sexuelle Befreiung durch eine perfide Doppelmoral verhindert wurden, hatten es die Sozialrevolutionärinnen mit männlichen Mitstreitern zu tun, die das Geschlechterverhältnis zu einem „Nebenwiderspruch“ erklärten, der im revolutionären Kampf zu vernachlässigen sei. Beide kämpften innerhalb ihres jeweiligen sozialen und politischen Umfelds gegen Entmündigung, Marginalisierung und Funktionalisierung. Links wie rechts wurde die „Frau in ihrer Funktion als Mutter/Ehefrau“ instrumentalisiert und politisiert. Die weibliche Solidarität wurde immer wieder aufgekündigt, wenn es um ideologische „Übergrössen“ wie „Vaterland“ oder „Klassenkampf“ ging.

«Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.»

Es gab und gibt jedoch auch Hoffnung: bemerkenswert, wie fast alle Frauen von anderen Frauen inspiriert werden, sich gegenseitig inspirieren und unterstützen, Lebens- und Arbeitsgemeinschaften, Frauenfreundschaften und -lieben waren und sind bis heute der Motor weiblicher Emanzipation! Am Ende aller Argumente nämlich kam/kommt von Seiten der Männer stets die Biologie ins Spiel. Es seien nun mal die Frauen, die schwanger werden und Kinder gebären, heisst es dann vermeintlich entwaffnend. Also seien sie in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft per definitionem weder voll einsatzfähig noch verlässlich. Dagegen hilft bis heute nur eins: Solidarität und Kooperation unter Frauen!

Was ist uns als Vermächtnis dieses Lebens geblieben? Noch immer werden Frauen unterdrückt, nicht gehört, nicht wahrgenommen, benachteiligt, ausgeschlossen von Ämtern und Berufen. - Ihre Botschaft an uns heute alle, Frauen und Männer, zusammen mit vielen andern mutigen unerschrockenen Menschen, denke ich, ist die folgende:

Lasst uns unseren Weg gehen, unbeirrt, zuversichtlich, aufrecht! Lassen wir uns nicht abschrecken noch hindern! Es müssen uns nicht alle nett finden! Wir dürfen dazu stehen, wie die heilige Schöpferkraft jede/n von uns gemacht und gemeint hat.  Marilene Hess

[1] Die Ärztinnen Franziska Tiburtius und Emilie Lehmus etwa gründen gemeinsam die erste Poliklinik für Frauen in Berlin. Interessant ist, wie absurd bis heute anerkannte Grössen der Medizin ihre Abwehr weiblicher Kolleginnen begründeten, etwa Prof. Alexander Virchow: „Das Weib ist eben nur Weib durch seine Generationsdrüse; alle Eigentümlichkeiten des Körpers und Geistes oder der Ernährung und Nerventätigkeit: die süsse Zartheit und Rundung der Glieder…jener schöne Schmuck der Kopfhaare… die Tiefe des Gefühls… Sanftmut, Hingebung, Treue – kurz alles, was wir an dem Weibe Weibliches bewundern und verehren, ist nur eine Dependenz des Eierstockes.“

 

 


Von Jürg Hartmann erfasst am 06.01 2020 09:42

Fragen an...

Fragen an Buddha, Fragen an Allah, Fragen an Gott, Fragen an Manitou, Fragen an Mohammed, Fragen an das Göttliche im Menschen: Wenn ich mir vorstelle, das Göttliche würde mir gegenübersitzen, was wäre dann? So setze ich mich hin und bitte das Göttliche, mir gegenüber Platz zu nehmen. Die Stühle sind bequem, sehr geeignet, ganz hier zu sein. Ganz. Da sitzen wir zwei, schweigsam, nachdenklich aber ganz da. Mich sieht man gut, mich erkennt man gut, das Göttliche aber lässt weder Worte noch Bilder zu, denn in Worte und Bilder gefasst ist das Göttliche nicht mehr göttlich sondern menschlich. Für unsere Kinder sind die Bilder wichtig und notwendig, für erwachsene Menschen bezweifle ich das ernsthaft. Die Antworten aber, die kann ich hören, vielleicht auch wahrnehmen, das reicht, muss reichen. Und so komme ich zu meiner ersten Frage: «Ich weiss, ich könnte Dich jetzt fragen, warum Du all das Schreckliche, Böse und Teuflische auf dieser Welt zulässt, die Kriege, die Gewalt, Vernichtung und Tod. Doch genau diese Frage stelle ich jetzt nicht. Ich versuch’s also andersherum. Ich frage Dich und nur Dich: Wie kommt es denn, dass wir Dich immer wieder fragen, was ich fragen könnte wie oben erwähnt. Wie also kommt das?» Das Göttliche ist irgendwo im Raum, meine ich, seine Stimme aber kann ich klar und deutlich hören, das ist die Hauptsache, und damit höre ich auch seine Antwort. ES sagt: «Deine Frage ist gut, lieber Mensch, ich denke nach. Kannst Du Dir vorstellen, welcher Art meine Gedanken hier sind?» Ich bin überrascht. Da stelle ich ihm eine meiner ganz wichtigen Fragen und nun soll ich mir vorstellen, was ES meint, was ES denkt. Komisch, ungewohnt, ich weiss nicht recht und bin verwirrt. So antworte ich: «Du siehst, Deine Antwort macht mich wirr, die Worte in meinem Kopf fliegen kreuz und quer und suchen nach einer Ordnung. Das will nun heissen, ich denke nach, ich denke laut nach, dann kannst Du meine Gedanken gleich mithören. Also: Deine Antwort wirkt, ich beginne zu suchen, suche jedoch bei mir und in mir. So weit bin ich im Moment.» Das Göttliche antwortet sofort: «Ganz genau, Du hast es erkannt denn Du suchst bei Dir. Du suchst nicht in den Wolken, hinter denen Du mich vermutest, Du suchst nicht beim Papst, meinem angeblichen Stellvertreter auf Erden, Du suchst nicht aussen, sondern innen, das ist der Punkt!» Damit bin ich wieder allein im Raum, allein mit meinen Fragen, ganz auf mich zurückgeworfen, auf mich gestellt. Vielleicht ist das der Punkt, vielleicht ist das die Antwort des Göttlichen an mich: «Geh auf die Suche, immer wieder, und suche in Dir, mit Dir und natürlich auch zusammen mit anderen Menschen. Doch bleib auf der Suche, immer.»

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