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Gesellschaft

Briefmarkensujet und Glaubensidol in Amerika

Die Zürcher Reformation ist längst aus dem Schatten Luthers herausgetreten und international ein anerkannter Forschungsgegenstand, wie die internationale Gästeschar bei der Reformationstagung des Instituts für Reformationsgeschichte an der Zürcher Universität bewies.

An der Eröffnungsfeier der Reformationstagung  hörte der Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, Gottfried Locher, immer wieder den Namen seines Grossvaters. Denn bei der vom Institut für Reformationsgeschichte veranstalteten Reformationstagung Anfang Februar strich der reformationsgeschichtliche Altmeister Emilio Campi immer wieder die Bedeutung des Berner Theologen Gottfried W. Locher heraus und projizierte auch den Buchumschlag seines Opus «Zwingli in neuer Sicht», erschienen 1969, an die Vorderwand des Hörsaals. Mit ihm sei endlich der theologische Gehalt von Zwingli anerkannt und Zwingli auch international vom Makel des Epigonentums befreit worden.

Natürlich legte Campi, der entscheidend in Zürich beim Bullinger-Gedenken 2004 mitgewirkt hat, seinen Akzent darauf, dass sich heute die Forschungsperspektive erweitert hat. Aktuell werde nicht nur über Zwingli geforscht, sondern auch sein Nachfolger Heinrich Bullinger ist zu einem prominenten Forschungsgegenstand avanciert. «Deshalb können wir heute mit gutem Recht nicht von einer zwinglianischen, sondern einer Schweizer Reformation sprechen», so der emeritierte Zürcher Professor.

Zwingli bald auf deutscher Briefmarke
Dass Zwingli und Bullinger heute in die Welt ausstrahlen, zeigte schon die international zusammengesetzte Teilnehmerliste des Kongresses. Zürich liegt nun auch im Forschungsfokus Nordamerikas. Selbst die Deutsche Post anerkennt die Grösse des Zürcher Reformators und bringt am 2. Mai dieses Jahres zusammen mit der Schweizer Post eine Sondermarke mit dem Zwingli-Konterfei in Umlauf.

In Deutschland hatte Zwingli lange einen schweren Stand. Zu wenig theologisch profund galt er, wie Emilio Campi bereits in seiner Eröffnungsrede mit Verweis auf das negative Verdikt des renommierten liberalen Theologen Adolf von Harnack ausführte. Bruce Gordon dagegen von der Yale-University konnte zeigen, wie schottische und US-amerikanische Presbyterianer Zwingli im 19. Jahrhundert zu ihrem Idol auserkoren haben und je nach kirchenpolitischer Ausrichtung instrumentalisierten. Zwingli avancierte zum Mann für alle Fälle. Alle theologischen und kirchenpolitischen Vorlieben im reformierten Lager deckte er ab, taugte aber andererseits als Negativfolie für Katholiken und Lutheraner.

Reformatorische Sozialpolitik
Das soziale Diktum von Zwingli, dass der Kirchenschatz lieber den«armen und bedürftigen Menschen» zugute kommen solle, denn nicht Statuen, sondern sie allein seien «wahre (Eben-)Bilder Gottes», deutete bereits der Zwingli-Film an, der am Donnerstagabend für die Tagungsteilnehmer auf dem Programm stand.  Die Fortsetzungsgeschichte lieferte nun Esther Chung-Kim aus Kalifornien. Sie referierte über Zwinglis Nachfolger Heinrich Bullinger. Beharrlich hat er immer wieder die Magistraten ermahnt, das konfiszierte Kirchengut seiner ursprünglichen Zuwendung für die Armen zukommen zu lassen, statt es für Waffenkäufe, Kriegsgeschäfte und anderes zu missbrauchen. Interessant ist dabei, wie Bullinger zwischen echten und unechten Armen unterschied. In einer Epistel erwähnt er, dass mittlerweile mit dem Bettel mehr Geld zu verdienen sei als mit der Arbeit. Genau dies aber sollte das Armengesetz untersagen. Für die vielen Arbeitslosen, deren Zahl in der wirtschaftlichen Krisenzeit nach 1550 immer grösser wurde, forderte Bullinger Arbeitsprogramme, die Beschäftigungsmöglichkeiten für alle schaffen sollten. Der protestantische Arbeitsethos kombiniert mit einem sozialen Credo kommt bei Bullinger nach den Worten der US-Historikerin immer wieder zum Vorschein.

Der Zwingli-Film spielte auch in einem Vortrag zum Täufertum eine gewichtige Rolle. Zu Recht kritisierte eine deutsche Teilnehmerin, dass der Film recht beschönigend sei, wenn er nahelegt, dass Zwingli im letzten Moment noch die Ertränkung des Täuferführers Felix Manz abwenden wollte. Peter Opitz, Leiter des Instituts für Reformationsgeschichte und Organisator der Tagung, widersprach. Er erinnerte an eine Briefstelle, in der Zwingli auf seinen erfolglosen Versuch hinwies, die Hinrichtung zu verhindern. Dies liess aber Hanspeter Jecker, Täuferforscher und Dozent am mennonitischen Theologieseminar Bienenberg, nicht gelten. Er zitierte den Brief, den Zwingli zwei Tage vor der Ertränkung von Felix Manz an Oekolampad geschrieben hatte: «Die Wiedertäufer, die man schon längst zu den Raben hätte schicken sollen, stören bei uns die Ruhe der Frommen. Aber ich glaube, das Beil sei angesetzt.»

Delf Bucher, reformiert.info, 11. Februar 2019