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Gesellschaft

Wer nicht sucht, der findet

Carlos Greull aus Schaffhausen hat sich mit 72 Jahren neu verliebt, in eine Mutter mit Kind.

Im Sommer 2017, im März war ich 71 geworden, lernte ich die beiden anlässlich einer Rheinschifffahrt kennen: Eine Mutter mit Kind. Der Junge sprach mich auf Französisch an, wir kamen ins Gespräch. Zwei Tage später trafen wir drei uns zufällig bei einer Zugfahrt wieder.

Die «Frau vom Schiff», wie ich sie gerne liebevoll nenne, spricht gleichermassen schweizerdeutsch und französisch. Das erleichtert vor allem mir die Konversation. 

Wir entdeckten unser gemeinsames Interesse für Sprachen und Übersetzungen. Sie versprach, mir eine ihrer Arbeiten zu schicken. Ich gab ihr meine Karte. Nach wenigen Tagen hatte ich das versprochene Schriftstück in der Mailbox. Es folgte ein lockerer Gedankenaustausch. Später erfuhr ich, dass die «Frau vom Schiff» Witwe war. Unser Schriftwechsel gestaltete sich fast unmerklich persönlicher. Ein Jahr nach unserer ersten Begegnung besuchte ich sie und den Jungen in ihrem zu Hause in Frankreich, nahe der Grenze bei Genf. Wir entdecken die gemeinsame Liebe zur Musik und spielten lange zusammen Mozart, Fauré und vieles mehr, ich am Klavier, sie an der Querflöte. Im Rückblick sagen wir beide: «Das war der Moment, in dem der Funke sprang.»

Heute sind wir ein Paar und eine Familie. Der Junge nennt mich Papa. «C’est moi, qui ai constitué ma nouvelle famille!», sagt er stolz.  

Ich habe nicht gesucht, und dennoch gefunden. Denn sicher habe ich keinesfalls daran gedacht, nochmals eine Familie zu gründen.

Doch soll ich das, was so selbstverständlich und liebevoll gewachsen ist, infrage stellen, weil es unkonventionell ist? Ich habe mich entschlossen, anzunehmen, was mir das Leben beschert hat, und die damit verbundene Verantwortung zu übernehmen. Und wenn ich von manchen für den Grossvater des Jungen gehalten werde, lächle ich und denke daran, was mir vor 55 Jahren meine geschätzte Französischlehrerin beigebracht hat: «Il faut prendre la vie, comme elle se présente.»

Adriana Schneider, Kirchenbote, 18.2.2019