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Gesellschaft

Bitte keinen Seniorenteller!

Das Bild vom Alter hat sich geändert: Die heutigen Pensionierten sind aktiv, mobil und digital. Und statt sich auf den Alterssitz zurückzuziehen, sind sie bereit, sich in die Gesellschaft einzubringen.

Sie tragen Jeans und Sneakers, fliegen um die Welt, schwingen das Tanzbein und stemmen Hanteln. Gemeint sind nicht die 16-Jährigen, sondern die Generation 60plus. 

Ihr Leben lang haben sie gearbeitet und Kinder grossgezogen. Mit der Pensionierung bricht für sie ein neues Kapitel an. Ausgerüstet mit Apps, Generalabonnement und dem E-Bike nehmen die «Best-Agers» ihr Leben selber in die Hand, mobil, unabhängig, lustvoll und -digital.

Entlastet vom Arbeitsdruck sind sie bereit, Neues zu lernen und sich in die Gesellschaft einzubringen, sei es karitativ oder kreativ: «Seniorenblond» schimmert es in den ersten Reihen der Hörsäle in den Universitäten. 

Und manch ein Rentner sitzt hinter dem Steuer eines Tixi-Taxis und fährt andere zum Arzt. «Grossmütter von heute liegen nicht krank im Bett wie einst bei Rotkäppchen und getrauen sich kaum aus dem Haus. Sie sind gebildet, haben sich emanzipiert, sind berufstätig, politisch und kulturell interessiert», -erklärt die Interessengemeinschaft «GrossmütterRevolution» um die Historikerin Heidi Witzig.

Das Armutsrisiko ist im Alter gesunken

Den Wandel des Alters bestätigt auch
die Forschung. Die traditionellen pes-simistischen Altersbilder von Einsamkeit, Gebrechen und Armut stimmten heute für viele nicht mehr, stellt Altersforscher François Höpflinger fest. «Die neue Generation von Rentnern hat
in vielerlei Hinsicht ein anderes Gesicht.» Die Lage älterer Menschen in der Schweiz habe sich in den letzten Jahrzehnten wesentlich verbessert. «Das Armutsrisiko im Alter ist gesunken, das gesundheitliche und psychische Befinden hat sich verbessert.»

Ist man gesund, so beginnt das, was man früher als Alter fürchtete, oftmals erst mit 80 Jahren. Die Phase zwischen 60 und 85 Jahren ist somit länger als Kindheit, Pubertät und Ausbildung zusammen. Und die gute Nachricht: Die jungen Alten werden zahlreicher. In den nächsten Jahren kommen die Babyboomer in die Pension.

Die Wirtschaft hat inzwischen auf die Veränderung reagiert. Die Bilder der verwirrten Oma und des halsstarrigen Rentners sind passé. Heute zeigt die Werbung graumelierte lächelnde Herren und Damen beim Segeln und Golfen. Kaum ein Unternehmen spricht von «Seniorenveranstaltung», «altersgerechtem Wohnen» oder «Pflegefällen». Die Werbung will den Ü60ern nicht den Betagtenstempel aufdrücken. Im Gegenteil – 69-Jährige werden erhoben zu «Pionie-
rinnen und Abenteurern», die die Welt erobern. Und 70- und 80-Jährige gehen nicht mehr ins Altersturnen, sie «stellen sich ins blitzende Gestänge der Kraft-
räume. Neue Herzklappen oder eine Krebsoperation sind längst kein Grund zum Aufgeben.» (Zitat aus dem Magazin «50 plus».) Das Interesse der Wirtschaft hat einen handfesten Grund: Inzwischen gehören viele Pensionierte zu den vermögenden Konsumenten, die gerne ihr Vermögen in Reisen und Freizeit investieren. 

Das Zufriedenheitsparadoxon

Für Eckart von Hirschhauen und Tobias Esch hat das Wohlbefinden der älteren Menschen nicht nur materielle Gründe. Der Entertainer und Arzt hat mit dem Neurobiologen ein Buch zur zweiten Lebenshälfte herausgegeben, das zurzeit auf der Bestsellerliste steht. In «Die bessere Hälfte» zeigt das Autorenduo, dass die Zufriedenheit mit den Lebensjahren ansteigt, während die körperliche Gesundheit nachlässt. «Viele Studien über Glück und Zufriedenheit zeigen dies deutlich», so Esch. Das sogenannte «Zufriedenheitsparadoxon» führen sie darauf zurück, dass es im Alter besser gelingt, die Erwartungen zu managen. «Wenn ich mit dem kaputten Knie nicht mehr springen kann, dann erwarte ich das auch nicht mehr und freue mich, mit Freunden noch einen ausgiebigen Spaziergang zu machen», sagt Esch in einem Interview. Und: «Alte Menschen können bestimmte Dinge besser als die Jüngeren, das Erkennen von grösseren Zusammenhängen beispielsweise, manche nennen das Weisheit.»

Neue Altersarbeit in den Kirchen

Die «Best-Agers» sind auch für die Kirchen eine neue Herausforderung. Mit der herkömmlichen Seniorenarbeit könne man die Jungsenioren kaum noch begeistern. «Die heutigen Senioren sind anders als noch vor zehn Jahren», sagt Tibor Elekes, Pfarrer in Horn. «Sie schätzen eine schöne Unterkunft, gutes Essen und sind auch kulturell interessiert.» Die herkömmlichen Seniorenferienwochen in einer Heimstätte stossen heute auf wenig Interesse. 

Inzwischen haben einige Kirchgemeinden darauf reagiert und bieten Kulturreisen an. Beliebt sind Wanderferien und Flusskreuzfahrten, die jeweils innert kürzester Zeit ausgebucht sind.

Gerhard Wegner, Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirchen in Deutschland, stellt fest, dass sich die Kirchen noch schwer damit tun, die jungen Alten in den Blick zu nehmen, wie er im Deutschlandfunk erklärt. «Wir haben in der Kirche eine Tradition, dass wir auf das Alter blicken als eine Zeit, wo die Menschen auf das Ende und den Tod zugehen.» Diese Sichtweise führe zu einem defizitären Blick auf das Alter. 

Untersuchungen zeigen, dass sich nicht nur das Freizeitverhalten, sondern auch die Religiosität der älteren Menschen verändert. Galt früher, je älter umso gläubiger, so treffe dies heute nur noch bedingt zu, sagt die Soziologin Petra Angela Ahrens, welche die Generation 60+ in einer breiten Studie befragte. Die Kirchenbindung nehme im Alter bis zu den 80-Jährigen zu. Aber die religiösen Vorstellungen hätten sich geändert. Thronte für die älteren Generationen Gottvater oben im Himmel, so seien die Gottesbilder der heutigen Senioren differenzierter. An erster Stelle stehe die Aussage, dass «Gott in den Herzen der Menschen sei».

Zum Leben im Ruhestand habe der christliche Glauben einiges zu sagen, ist die Theologin Urte Bejick überzeugt. Mit der Pensionierung stelle sich für viele die Frage, was sie noch wert sind ohne Beruf, in dem sie sich durch ihre Leistung definierten. «Die christliche Grundeinsicht, dass der Mensch seine Würde nicht aus seinem eigenen Tun gewinnt, sondern von Gott als Geschenk erhält, bekommt nach 65 eine neue Bedeutung», meint Bejick, die für die Altenseelsorge in der Badischen Kirche zuständig ist. «Das Leben als Geschenk wahrzunehmen, das es dankbar anzunehmen gilt, kann auch eine spirituelle Gegenkraft gegen Tendenzen zur Altersdepression sein.» 

Tilmann Zuber, Kirchenbote, 18.2.2019