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Leben & Glauben

Der lange Weg zum Pfarramt

Die Baslerin Elisabeth Böhme-Iselin ist eine Pionierin. Sie war die erste Pfarrerin des Baselbiets. Dafür brauchte es 1966 eine Gesetzesänderung.

Das Zimmer im Basler Alterszentrum Gellerthof versprüht mit den vielen Büchern eine Atmosphäre der Belesenheit. Die bald 98-jährige Elisabeth Böhme empfängt mich am Schreibtisch sitzend mit einem Lächeln.

Elisabeth Böhmes Leben war und ist geprägt vom Pfarrberuf. Sie war mit zwei Pfarrern verheiratet und als studierte Theologin während drei Jahrzehnten selbst als Pfarrhelferin und Pfarrerin tätig. Zweimal ist Elisabeth Böhme verwitwet. Ihr erster Mann Gottfried Gretler starb nach kurzer Ehe im Jahr 1951 an Tuberkulose. Das zweite Mal heiratete sie mit 68 Jahren den gleichaltrigen Ulrich Böhme, der nach zwanzigjähriger Ehe verstarb.

Interesse für alte Sprachen
Schon früh interessiert sich Elisabeth Böhme, damals heisst sie noch Iselin, für Geschichte, alte Sprachen und deutsche Literatur. «Wichtig war mir der Konfirmandenunterricht bei Herrn Pfarrer Eduard Thurneysen, der mich stark zu eigenem Bibelstudium anregte», erklärt sie. Allmählich kristallisiert sich bei ihr der Wunsch heraus, Theologie zu studieren. Viele -raten ihr davon ab, weil die Berufsaussichten schlecht sind.

Nicht so ihre Eltern. «Mein Vater unterstützte mich in meinem Vorhaben, Theologin zu werden. Er war der Meinung, dass Menschen, die ein klares Ziel haben, auch eine Berufsanstellung finden.» Die Eltern raten ihr zudem, das Studium in Genf zu beginnen, um ihr Französisch zu vervollkommnen. Bevor sie sich 1940 an der Theologischen Fakultät in Genf immatrikuliert, schaltet sie ein halbes Jahr praktische Ausbildung dazwischen, um, wie sie sagt, «den Haushalt zu verstehen». Das Semester in Genf sei für sie aber auch theologisch bedeutsam gewesen. «Unter den wenigen Theologiestudenten pflegte man einen engen Umgang. In Genf hatte ich den ersten Kontakt mit Christen aus anderen Ländern», führt Elisabeth Böhme aus. 

Das Ausland war wegen des Krieges verschlossen
1941 kehrt sie für vier Semester an die Universität Basel zurück. Danach folgen zwei Semester in Zürich. Den Abschluss macht sie in Basel. «Das Ausland war aufgrund des Krieges zu jener Zeit ja leider verschlossen», ergänzt Böhme mit einer gewissen Wehmut. «Das Studium interessierte mich sehr. Ich konnte es nie verstehen, wenn ich Kameraden sah, die das Studium nur als notwendige Durchgangsstation zur praktischen Arbeit sahen und es deshalb so kurz als möglich absolvierten.» 

Im Studium trifft Böhme die theologischen Grössen des 20. Jahrhunderts. Viel Anregung bietet ihr in Zürich der Umgang mit Professor Emil Brunner und dessen Familie. In Basel fesselt sie der kleine Kreis der sogenannten Sozietät bei Professor Karl Barth. Nach dem Studium folgt das Praktikum bei Pfarrer Peter Thurneysen in Obfelden. 1946 wird Elisabeth Böhne von der Basler Kirche ordiniert. 

Nach der Heirat 1947 unterstützt sie ihren Mann Gottfried Gretler bei seiner Arbeit als Jugendpfarrer des CVJM, später als Leiter des Ferienheims Landegg bei Rorschach und als Gemeindepfarrer in Thayngen. Damals planen die beiden alles gemeinsam, oft vertritt sie ihren Mann bei den Predigten und der Seelsorge. 

Nach dem frühen Tod ihres Mannes kehrt Elisabeth Böhme 1951 nach Riehen zurück. Damals entstehen die Witwentagungen. Selbst Witwe mit theologischem Hintergrund engagiert sie sich intensiv in dieser Arbeit. 1952 liest sie eine Stellenanzeige, in der ein Pfarrhelfer für Liestal gesucht wird. Sie erkundigt sich, ob dafür vielleicht auch eine Frau infrage komme und erhält über einen Kollegen vom Liestaler Stadtpräsidenten die Antwort, dass dieser sich das gut vorstellen könne.

Dahinter vermutet Elisabeth Böhme gewisse Berechnung: «Als Pfarrhelfer schielten die Männer natürlich immer auf eine richtige Pfarrstelle. Da ich damals als Frau nicht Pfarrerin werden konnte, spekulierte man darauf, dass ich längere Zeit an dieser Stelle bleiben werde.» So ist es auch. Elisabeth Böhme bleibt über 14 Jahre lang Pfarrhelferin in Liestal. Auf die Frage, ob sie sich nie von den Männern herabgesetzt fühlte, antwortet sie: «Überhaupt nicht. In Liestal hatte ich zwei wunderbare Kollegen.»

Weg frei für die Pfarrerin
Im Herbst 1965 kommt der Kirchenrechtsexperte der Universität Basel, Professor Johann Georg Fuchs, zum Schluss, dass nach geltendem Kirchengesetz das volle weibliche Pfarramt möglich sei. Daraufhin beschliesst der Baselbieter Kirchenrat, das Pfarramt auch für Frauen einzuführen. Allerdings mit der Einschränkung, dass eine Pfarrerin nur dann gewählt werden kann, wenn mindestens schon ein Pfarrer in der Kirchgemeinde amtet. 

Nach diesem Beschluss wird Elisabeth Böhme 1966 offiziell als Liestaler Pfarrerin gewählt. «Besonders gefreut hat mich, dass ich ein gutes Wahlresultat erhielt», resümiert sie. «Die Leute hatten offenbar von mir noch nicht genug.» Elisabeth Böhme arbeitete bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 1982 weitere eineinhalb Jahrzehnte in Liestal, nun als richtige Pfarrerin. 

Toni Schürmann, 21. Februar 2019