Logo
Kirche

«Veränderung dürfte die neue Stabilität sein»

Das Forschungsinstitut der Schweizer Katholiken wird 50 Jahre alt. Leiter Arnd Bünker sagt, wohin sich seine Kirche entwickeln könnte.

Die katholische Kirche in der Schweiz hat seit 50 Jahren ein eigenes wissenschaftliches Institut: das Schweizerische Pastoralsoziologische Institut SPI. Wie wirken Gesellschaft und kirchliches Leben aufeinander – und wie kann das die seelsorgerische Praxis beeinflussen? Diese Fragen standen zu Beginn im Zentrum. 1968 beschloss das Katholische Kollegium, das Parlament der Schweizer Katholikinnen und Katholiken, die Gründung des SPI. Die Verantwortlichen fanden, dass für eine Kirche in der modernen Welt fundierte Kenntnisse über diese moderne Welt notwendig sind.

Durch einen Sitz der Schweizer Bischofskonferenz SBK am SPI ist eine im deutschsprachigen Raum einzigartige enge Verbindung zwischen Forschung und Umsetzung der Forschungsergebnisse für die kirchlich-pastorale Entwicklung gewährleistet. Finanziell getragen wird das Institut vom Katholischen Konfessionsteil St. Gallen und von der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz RKZ.

Im Interview äussert sich der Institutsleiter Arnd Bünker über Sinn und Zweck und Erkenntnisse des SPI.

Herr Bünker, wozu braucht es das SPI heute?
Es dient zunächst der Forschung über die Situation von Religion und Kirche in der Schweiz. Auf der Grundlage der Forschungsarbeit leistet das SPI dann auch Beratungstätigkeiten für kirchliche Einrichtungen, für Bistümer, Landeskirchen, Kirchgemeinden/Pfarreien oder andere Institutionen. Und schliesslich unterstützt das SPI die strategische Planungsarbeit der katholischen Kirche in der Schweiz.

Warum ist das nötig?
In einer immer komplexer werdenden Welt ist ein wissenschaftlich geübter Aussenblick auf das Tun und Ergehen der Kirche und ihrer Umwelt notwendig, um das kirchliche Handeln besser, realistischer, einschätzen und gestalten zu können. Als «pastoralsoziologisch» ausgerichtetes Institut arbeitet es mit den klassischen sozialwissenschaftlichen Instrumenten. Es orientiert die Frage- und Problemstellungen aber so, dass sie für die pastoralen Herausforderungen der Kirche dienlich sind. Zudem kann es dazu beitragen, dass der Transfer der Forschungserkenntnisse in die kirchliche Praxis besser gelingt als rein soziologisch arbeitenden Einrichtungen.

Wie hat sich das Wirken des SPI verändert in seinen 50 Jahren?
Die Tätigkeiten des SPI verlaufen hinsichtlich der drei Schwerpunkte Forschung, Beratung und Planung seit 50 Jahren kontinuierlich. Allerdings haben sich die Gewichtungen immer wieder verschoben. In den 60er und 70er Jahren standen zahlreiche Planungsfragen im Vordergrund. Dies war die Zeit der Schaffung neuer Einrichtungen, etwa in den Bereichen Bildung, spezialisierter Pastoral und auch komplexerer Kirchenleitungsstrukturen.

In den folgenden Jahrzehnten nahm der Forschungsschwerpunkt zu. Im Hintergrund stand die zunehmende Einsicht in die innere Entfremdung von Kirche und Gesellschaft. Diese Entfremdung, vor allem die Individualisierung, hat man schon früh «geahnt», aber erst Ende der 1980er Jahre konnte man sie begrifflich und dann auch empirisch klar fassen.

Was heisst das konkreter?
Die sogenannte «Sonderfall-Forschung», eine in St. Gallen und Lausanne gemeinsam initiierte religionssoziologische Forschungstradition der Schweiz, wurde zum wissenschaftlichen Aushängeschild des SPI. Man konnte nun die Entfremdungsmechanismen zwischen Kirche und Gesellschaft besser begreifen und musste nach neuen pastoralen Wegen suchen.

Hier traten schliesslich wieder Beratung und Planung in den Fokus der Arbeit des SPI. Nun ging es jedoch weniger um den Aufbau neuer Institutionen und dafür mehr um die Entwicklung und Förderung eines neuen Grundverständnisses des Kirche-Seins. Mit welcher Grundhaltung, mit welchem Selbstverständnis könnte und müsste die Kirche den Menschen heute begegnen? Im Rückblick muss man feststellen, dass diese Arbeit im Kontext des inneren Wandels der Kirche schwieriger war als der Aufbau neuer Institutionen zu einer Zeit, in der man die Zukunft der Kirche noch weitaus optimistischer als heute gesehen hatte.

Und wo liegen die Schwerpunkte in naher Zukunft?
Als wissenschaftliches Institut muss das SPI Aussagen über die Zukunft verweigern. Diese ist offen und sie hängt zu einem Teil von den Handlungen und Entscheidungen der Gegenwart ab. Mit grosser Wahrscheinlichkeit wird die Frage der Entfremdung von Kirche und Gesellschaft relevant bleiben. Dazu kommt aber auch ein zunehmendes Bewusstsein vom bereits vollzogenen inneren Wandel, der sich in der katholischen Kirche längst ereignet hat, der aber weder abgeschlossen noch irgendwie «offiziell» anerkannt worden ist.

Sind die Missbrauchsfälle auch ein Thema?
Die massiven Probleme der katholischen Kirche im Umgang mit den Missbrauchsfällen zeigen aktuell, dass hier akuter Klärungsbedarf besteht. Es geht ja nicht nur um das richtige «Management» im Umgang damit, sondern um die Frage einer kirchlichen Kultur insgesamt, welche diese Fälle erst möglich gemacht hat. Je nach Lösungsweg dieser Herausforderung dürften die Arbeitsschwerpunkte des SPI stark unterschiedlich ausfallen.

Noch nie gab es so viele Katholikinnen und Katholiken in der Schweiz wie heute. Ist das vor allem dem grösseren Anteil an ausländischer Bevölkerung zuzuschreiben?
Dieser Anteil ist seit Jahrzehnten stabil: Seit 1960 machen Katholikinnen und Katholiken aus dem Ausland zwischen ca. 20 und 25% dieser Konfession aus. Der Anteil mit Migrationshintergrund erreicht heute ca. 38%. Obwohl das Phänomen der migrantischen Prägung der katholischen Kirche in der Schweiz also eigentlich alt ist, wird es erst in den letzten Jahren systematisch als Merkmal der katholischen Kirche in der Schweiz wahrgenommen. Viele Menschen leben in der katholischen Kirche kulturelle, spirituelle und kirchliche Mehrfach-Identitäten. Hybride Formen des Katholischen gehören zum Alltag. Das fordert heraus – ist aber auch eine Chance, die «Katholizität» als Weltkirche in der Schweiz neu zu entdecken und für die Menschen fruchtbar zu machen.

Zwar ist die Austrittsneigung der Katholiken gering, aber Sakramente werden deutlich weniger gefeiert. Warum?
Das ist ein Hinweis auf die Individualisierung der Gläubigen. Ihren Glauben und ihre Religionszugehörigkeit leben und gestalten sie immer weniger in traditionellen Bahnen. Die Sakramente dürften heute weniger als «Heilsmittel zum Eintritt in den Himmel» denn als Ausdrucksformen oder religiöse Symbole biografisch-gegenwärtiger Transzendenzerfahrung verstanden werden. Man kann es daher sowohl als Rückgang als auch als qualitative, als inhaltliche Veränderung beschreiben.

Ist das Ausdruck der Wandlung des «Beziehungsmodus» zur Kirche von kaum hinterfragter Selbstverständlichkeit zu neuen Formen von Zugehörigkeit, Nähe, Miteinander, die das SPI beobachtet?
Ja, die Sakramente sind ein Kernmerkmal der katholischen Kirche, das schon immer starke Veränderungen erfahren hat. In Zukunft könnte es auf eine fluidere Vielfalt der Formen, Zeichen und Praxen hinauslaufen. Gleichzeitig feiern aber auch eher als traditionell angesehene Formen des Kirchlichen fröhliche Urstände. Hier vermischen sich etwa Formen und Traditionen aus migrantischen Gemeinschaften mit neuen kirchlich-spirituellen Trends bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

Mir scheint es wichtig, diese Vielfalt und ihre permanente Veränderung zu sehen und nicht die eine oder andere Form herauszugreifen, um darin dann die Zukunft der Kirche festzumachen. Veränderung dürfte die neue Stabilität sein.

Wie soll sich die katholische Kirche künftig um ihre «Schäfchen» kümmern?
Die katholische Kirche sind die Schäfchen. Der binnenkirchliche Betreuungsblick von «Pastoren» auf die «Schafe» sollte deutlich relativiert werden – schon seit dem Zweiten Vatikanum. Die Kirche sollte also den Mut aufbringen – gerade nach der gottlob weitgehend verschwundenen auf das Jenseits verschobenen Höllenangst –, die Erfahrungen des Unheils im Leben von Menschen zu benennen und ihnen Möglichkeitsräume des Heils zu eröffnen. Allen kirchlich-selbstbezüglichen Motiven wie beispielsweise der Kirchenvorstellung einer allein seligmachenden Heilsanstalt sehe ich sehr kritisch entgegen.

Marius Schären, reformiert.info, 22. Februar 2019