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Kirche

Quartierbevölkerung übernimmt Kirchgemeindehaus

Um Kosten zu senken, ziehen sich Stadtberner Kirchgemeinden aus Liegenschaften zurück. Für das frühere Kirchgemeindehaus Schosshalde in Bern Ost fand sich eine beispielhafte Umnutzung: Es wird jetzt von einem Trägerverein als Quartiertreff betrieben.

Fast drei Jahre ist es her, dass die Berner Nydegg-Kirchgemeinde auf ihr Kirchgemeindehaus im Schosshalden-Quartier verzichtet und kleinere Lokalitäten näher bei der Kirche in der unteren Altstadt bezogen hat. Wie alle zwölf reformierten Kirchgemeinden in der Stadt leistet damit auch Nydegg einen Beitrag zur beschlossenen Senkung der Liegenschaftskosten. Doch wer in diesen Tagen die schwere Türfalle am ehemaligen Kirchgemeindehaus im östlichen Teil der Stadt Bern niederdrückt, betritt keine verwaisten Räumlichkeiten, sondern einen bunten Kosmos aus verschiedenen Nutzerinnen und Nutzern.

Im hübsch aufgemöbelten Foyer lädt das Café Träffer zum Verweilen ein, samstags trifft man sich hier zum Brunch. Fotos an der Wand dokumentieren ein Treffen der Strickgruppe: gewiefte Ältere überliefern hippen Jüngeren ihre Strickmuster. Hoch und lichtvoll der Saal gleich nebenan, wo sonntags die Mennoniten (Alttäufer) ihre Gottesdienste abhalten. Die Woche hindurch erfüllen ihn Tango- und Hip-Hop-Tänzer, Theaterschaffende, ein inklusiver Chor und ein Orchester mit Leben. Auch Jassturniere, Konzerte und Vorträge finden statt. Kürzlich kam das halbe Quartier an die Flohmarkt-Première. In weiteren Räumen des Hauses wird Musik und Italienisch unterrichtet, Logopädie und Bewegungstherapie angeboten, an einem Webstuhl gewirkt. Im Untergeschoss besuchen Kinder eine Spielgruppe.

Engagierte Frauen

Die neue Nutzung des alten Kirchgemeindehauses startete Anfang 2019. Dass sie nach einer längeren Phase der Ungewissheit zustandekam, ist vor allem auf das Engagement der beiden langjährigen Quartierbewohnerinnen Reni Müller (57) und Karin Rüfenacht (56) zurückzuführen. Sie sind die Ko-Präsidentinnen der heutigen Trägerschaft, des eigens für diesen Zweck gegründeten Vereins Quartiertreff Schosshalde. Die beiden Frauen kennen im Kirchgemeindehaus jede Ecke. Sie waren schon darin aktiv, als es noch kirchlich genutzt wurde: Rüfenacht seit zwanzig Jahren als Leiterin der Spielgruppe, Müller seit elf Jahren als Mitorganisatorin eines tamilischen Mittagstisches.

Nach dem Rückzug der Kirchgemeinde begannen sie für den Erhalt des Kirchgemeindehauses als Quartiertreff zu kämpfen. Dabei ging es ihnen nicht nur um die Weiterführung ihrer stets gut besuchten Angebote. «Wir nahmen ein starkes Bedürfnis nach einem Begegnungsort für das Quartier wahr», sagt Reni Müller. «Unser Quartier hat sich zum Schlafquartier gewandelt», fügt Karin Rüfenacht an, «immer mehr Läden und Kleingewerbe verschwanden.» Eine Umfrage ergab, dass sich neben den Alteingesessenen auch Familien in der nahen Neuüberbauung Schönberg Ost einen Treffpunkt wünschten. Zudem zeigten sich mehrere Quartierbewohner bereit, sich persönlich zu engagieren.

Knacknuss Finanzierung

Trotzdem brauchte es noch viel Aufbauarbeit, bis im Sommer 2018 die Gesamtkirchgemeinde Bern und der Trägerverein aus dem Quartier den Mietvertrag unterzeichnen konnten. Hauptknacknuss war die Finanzierung. «Wir gingen immer von einer marktüblichen Miete aus», sagt Bruno Banholzer. Er ist Geschäftsführer jener Immobiliengesellschaft der reformierten Gesamtkirchgemeinde Bern, die sich um die nicht mehr benötigten Liegenschaften kümmert (siehe Infobox). Ein Spezialpreis sei nicht möglich gewesen. Die Lösung sieht nun so aus, dass der Quartierverein als Mieter die Räume untervermietet. Damit kann er 80 Prozent der Jahresmiete von rund 100'000 Franken erwirtschaften. Für den Rest gewährt die Gesamtkirchgemeinde Bern eine befristete Defizitgarantie. Der Betrieb des Quartiertreffs wird durch Freiwilligenarbeit sichergestellt.

Mit der erzielten Einigung sind vorerst beide Seiten zufrieden. Die Kirche spricht von einer beispielhaften Umnutzung: «Wir anerkennen die Initiative aus dem Quartier und wollen ihr eine Chance geben», sagt Bruno Banholzer. Der frühere stellvertretende Kirchmeier setzte sich laut den Ko-Präsidentinnen des Trägervereins sehr konstruktiv für die Nachfolgelösung ein. «Er zeigte Wertschätzung für unsere Arbeit und holte uns wenn nötig auf den Boden der Realität zurück», sagt Reni Müller lachend. Auch Vertretungen der städtischen Sozialdirektion und der Vereinigung für Gemeinwesenarbeit halfen den Weg bereiten.

Reger Betrieb

Der Trägerverein des «Träffer» zählt derzeit 160 Mitglieder. Er schloss inzwischen mit 15 Dauermieterinnen und -mietern Verträge für die diversen Räumlichkeiten ab. Dazu kommen zeitweise Mieter, die den grossen Saal für Veranstaltungen nutzen. Im Vordergrund stehen Anlässe aus dem Kultur- und Bildungsbereich. Auch Private können den Saal für Feiern mieten, inklusive Catering. Nach gut zwei Monaten Betrieb ziehen die Ko-Präsidentinnen eine positive erste Zwischenbilanz ihres ambitionierten Unterfangens. «Es läuft super», freut sich Reni Müller. Was ihr besonders auffällt: die jüngere Generation helfe mittragen. «Hier werden ganz neue Kontakte geknüpft», beobachtet Karin Rüfenacht. Nur bei der Vermietung des grossen Saales könnte man noch zulegen.

Der Kontrabassist und Musikpädagoge Béla Szedlàk ist einer der festen Mieter im früheren Kirchgemeindehaus. «Das sind Heldinnen», rühmt er mit Blick auf die beiden beharrlichen Initiantinnen. Der Quartiertreff sei ein einzigartiger Ort der Nachbarschaft geworden. Klar ist: ohne umfangreiche Gratisarbeit würde das Konzept nicht funktionieren. Neben den Ko-Präsidentinnen und dem Vorstand sind weitere Freiwillige aus dem Quartier beteiligt, unter anderem für das Café und die Mittagstische. Die Defizitgarantie der Gesamtkirchgemeinde bei der Jahresmiete besteht vorerst für drei Jahre. Doch Reni Müller und Karin Rüfenacht haben sich zum Ziel gesetzt, dass der grosse Quartiertreff auch längerfristig bestehen kann. Die Gemeinschaft, die darin gelebt werde, sei doch «sehr im Sinne der Kirche», finden sie.

Susanne Wenger/reformiert.info

www.traeffer.ch

 

 

 

 

 

 

 

 

Bei den Gebäudekosten sparen

Wegen sinkender Mitgliederzahlen und Steuereinnahmen müssen die Stadtberner Reformierten tiefgreifende Reformen umsetzen. Dazu gehört, die Liegenschaftskosten um die Hälfte auf rund fünf Millionen Franken jährlich zu reduzieren. Nutzen die einzelnen Kirchgemeinden Kirchen, Kirchgemeinde- und Pfarrhäuser nicht mehr selber, gehen diese an die 2017 gegründete RefBern Immo AG der Gesamtkirchgemeinde über. Die Immobiliengesellschaft hat den Auftrag, die Bauten marktkonform zu bewirtschaften, um Mittel für das kirchliche Leben sicherzustellen. Bisher wurden Liegenschaften im Wert von rund 25 Millionen Franken an die AG übertragen. «Wir bieten die Bauten in erster Linie der Stadt Bern an, wenn keine Entwicklung durch die AG möglich ist», sagt Geschäftsführer Bruno Banholzer. Das Gebäudeensemble der Matthäus-Kirchgemeinde beispielsweise erwarb die Stadt im Baurecht. Sie plant dort Betreuungs- und Schuleinrichtungen. Hat die Stadt keine Verwendung, kommen soziale Trägerschaften wie beim Kirchgemeindehaus Nydegg (siehe Haupttext) zum Zug. Erst wenn sich auch so keine Nachfolgelösung findet, steht ein Verkauf an Private zur Diskussion. Die Liegenschaftsstrategie löst in den Kirchgemeinden zum Teil schmerzhafte Einschnitte aus. Zudem beobachtet die betroffene Quartierbevölkerung die Veränderungen ganz genau. (swe)