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Gesellschaft

Hilfe für die Ärmsten der Armen

Marcus Pohl erhält das Bundesverdienstkreuz für sein Hilfswerk in Kalkutta: Eine Schule für die Kinder aus den Slums.

Marcus Pohl, Leiter Betreuung und Pfege im Kompetenzzentrum Schönbühl, redet mit leuchtenden Augen, wenn er von den Kindern der St.-Josef-Schule in Kalkutta erzählt. Er hat diese Schule vor 23 Jahren nach dem Vorbild von Mutter Teresa gegründet; zweieinhalb Jahre war er ehrenamtlich bei ihr im Sterbehaus auf der Leprastation in Kalkutta tätig. «Meine Mutter hat mir als Kind viel von Mutter Teresa erzählt. Es beeindruckte mich, wie sie das Christentum lebte und sich um die Menschen kümmerte, die durch alle Maschen gefallen waren. Für mich war schnell klar, dass ich dorthin wollte», erzählt er.

Bildung statt Armut

In der Zeit auf der Leprastation lernte Marcus Pohl die indische Schulleiterin Veronica Jose kennen und gründete 1996 mit ihr die St.-Josef-Schule mitten in den Slums von Kalkutta. An- fangs bestand das Projekt aus einer Nähschule. «In Indien lässt man für religiöse Feste oft massgeschneiderte Kleider nähen. Das Nähhandwerk ist deshalb sehr wichtig für junge Mädchen, die meistens Analphabetinnen sind», sagt der gelernte Sozialpädagoge und Krankenpfleger. 2006 kam eine Sekundarschule dazu, heute unterrichten 13 Lehrpersonen 205 Kinder, 7 weitere Angestellte arbeiten im Schulbetrieb mit. Die Schule finanziert sich durch Spendengelder und führt ein Jahresbudget von rund 90 000 Franken. «Unser Grundsatz lautet: Bildung ist der sicherste und kürzeste Weg aus der Armut», sagt Pohl. Ziel sei, dass die Schülerinnen und Schüler einen Sekundarabschluss machen und möglichst weiter zur Schule gehen können.

Der Leiter für Betreuung und Pflege im Schaffhauser Kompetenzzentrum Schönbühl verwendet jeweils die Hälfte seine Jahresferien, um nach Kalkutta zu reisen, in den letzten 23 Jahren war er 27Mal vor Ort. Am19.März hat Marcus Pohl für seinen humanitären Einsatz das Bundesverdienstkreuz und damit die höchste zivile Auszeichnung, die es in Deutschland gibt, erhalten. Diese Ehrung freut den fünfachen Familienvater aus Orsingen vor allem aus einem Grund: «Sie lenkt die Auf- merksamkeit auf die Armen. Es ist doch selbstverständlich, dass wir uns um die Ärmsten der Armen kümmern.» Er tue dies aus christlicher Überzeugung: «Für mich ist es eine grosse Freude und ein Privileg, das tun zu dürfen. Es ist erhebend, wenn ich weinende Kinderaugen trocknen kann.»

Elende Verhältnisse

Die Kinder leben in den Slums in elenden Verhältnissen. Im Slum der St.-Josef-Schule leben 200 000 Menschen in Hütten ohne Strom und fiessendem Wasser oder in schlecht belüftbaren Hochhäusern, in denen siebenköpfige Familien in einem Zimmer von sechs bis acht Quadratmetern hausen. «Auf 5 Stockwerken drängen sich ca. fünfhundert Menschen, und ein solches Gebäude verfügt nur über eine einzige Toilette. Man kann sich vorstellen, wie verheerend sich diese Bedingungen auswirken», sagt Marcus Pohl. Während der Monsunzeit von Mitte Juni bis Mitte September strömt die offene Kanalisation hüfthoch durch die Strassen und fliesst auch in die Hütten. Jedes zweite Kind stirbt vor seinem zehnten Altersjahr an der Amöbenruhr, eine Vielzahl hat Tuberkulose.

Ein Tropfen im Ozean

Die Menschen haben keine Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. «Sie arbeiten oft in Ziegelbrennereien 70 Stunden pro Woche für 30 Franken Lohn, damit kommen sie knapp vier Tage über die Runden», sagt Pohl. Für die restlichen drei Wochentage sei kein Geld da für Essen, Medikamente oder Schulgeld. Um den Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen, erhalten die Familien einmal pro Woche einen «Liebeskorb», mit Reis, Linsen, Eiern, Zwiebeln, Waschseife und Öl von der Schule. «Wir benötigen pro Jahr dafür über 22 Tonnen Reis», so Pohl.

Auf die Frage, ob so viel Elend nicht entmutige, antwortet er: «Mutter Teresa sagte: ‹Wir sind nur ein Tropfen im Ozean der Armut, wäre dieser aber nicht da, würde man ihn vermissen›», und erzählt das Beispiel eines Mädchens, das an der Schule den Sekundarschulabschluss machte, eine höhere Fachschule besuchte und heute bei der Bank of India arbeitet. «Sie ver- dient 200 Franken im Monat, lebt in einer würdigen kleinen Wohnung, kann zum Arzt gehen, sich kleiden und hat einen grossen Schritt gemacht in ein menschenwürdiges Leben», sagt Marcus Pohl.

Adriana Schneider