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Gesellschaft

«Die unsichtbare Behinderung»

Vierzehn Jahre wirkte Pfarrer Daniel Müller als Seelsorger im Verein Gesellschaft der Gehörlosen Schaffhausen. Er blickt auf eindrückliche Erlebnisse zurück.

Der Verein Gesellschaft für Gehörlose Schaffhausen (GGS) entstand 1994 auf Initiative von Pfarrer Gerhard Blocher, der den Schaffhauser Fachverein für Gehörlosenhilfe und den Gehörlosenverein Schaffhausen zusammenführte. «Gerhard Blocher war damals mein Vorgänger im Vorstand und suchte einen Nachfolger. Als er mich anfragte, sagte ich spontan zu», erzählt Daniel Müller. Daraus wurden 14 Jahre Mitarbeit im Vorstand mit Schwerpunkt Seelsorge und Gottesdienste.

Die Musik spüren

Die GGS zählt derzeit 38 Mitglieder im Alter von 44 bis 97 Jahren aus Schaffhausen und den umliegenden Kantonen. «Die Gehörlosen hatten den Wunsch, an regulären Gottesdiensten teilzunehmen. Daraus entwickelten wir ein Modell für sechs ge- meinsame Gottesdienste pro Jahr mit Simultanübersetzung in Gebärdensprache an wechselnden Orten», sagt Müller, «es ist auch für Hörende spannend, die Gebärdensprache mitzuverfolgen. Die Dolmetscher übersetzen jeweils den gesamten Gottesdienst, auch die Liedtexte.» Die Musik sei auch für Gehörlose gut wahrnehmbar: «Wenn die Orgel schön braust, spürt man diese Vibration gut, insbesondere am Holz der Kirchenbänke.» Auch andere Instrumente seien gut geeignet: «Einmal haben drei Tubas gespielt, da hatte ich besonders gute Rückmeldungen von den Gehörlosen.»

Daniel Müller blickt auf viele eindrückliche Erlebnisse zurück. So erinnert er sich lebhaft an eine Mitgliederversammlung bei geöffneten Fenstern. Im Hof nebenan spielte eine laute Blasmusik. «Wir Hörenden verstanden unser eigenes Wort nicht mehr, während die Gehörlosen die Versammlung unbeeinträchtigt weiterführten», erzählt Müller.

Der Pfarrer berichtet von emotionalen und herzlichen Begegnungen, aber auch von der Frustration der Gehörlosen, nicht verstanden zu werden. «Gehörlos sein ist eine unsichtbare Behinderung, die in der Gesellschaft nur am Rand wahrgenommen wird.» Zu schwierigen Situationen komme es zum Beispiel im Spital, am Arbeitsplatz oder auf der Polizei. «Man ist in einer Belastungssituation und wird nicht verstanden. Das frustriert und macht wütend.»

Verbesserungen erwünscht

Zurzeit setzt sich die GGS für mehr Sensibilisierung bei den Schaffhauser Behörden ein. «Vielen Staatsangestellten ist nicht bewusst, dass ein Gehörloser das Recht auf einen Dolmetscher hat, den das Amt organisieren und bezahlen muss», sagte GGS-Mitglied Doris Hermann in den Schaffhauser Medien. Aber auch andere Verbesserungen sind erwünscht: So nütze Gehörlosen ein Notfallknopf mit Gegensprechanlage ohne Videokamera wenig. Ebenso wie Kinofilme ohne Untertitel und Vorträge oder Theateraufführungen ohne Übersetzung in die Gebärdensprache.

Dies bestätigt auch Daniel Müller: «Erst durch den Umgang mit Gehörlosen habe ich realisiert, wie stark wir Hörenden uns akustisch orientieren», sagt er und fügt an: «Gerade deshalb sind gemeinsame Gottesdienste wichtig, bei denen man sich akustisch und in der Gebärdensprache unterhalten kann.» Nach 14 Jahren ist für Daniel Müller die Zeit für einen Wechsel gekommen. Sein Amt wird Pfarrer Peter Vogelsanger aus Herblingen übernehmen, während Daniel Müller seine frei werdenden Kapazitäten in ein neues Engagement investiert: Die Einführung des Umweltmanagements in der Kirchgemeinde Schaffhausen-Buchthalen, die das Umweltzertifikat «Grüner Güggel» anstrebt.

Adriana Schneider