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Kultur

«Zwingli hat mich nicht mehr losgelassen»

Was, wenn Zwingli nicht auf dem Schlachtfeld gestorben wäre? Ulrich Leutwyler verfolgt in seinem Roman «Zwingli – Das Buch des Ketzers» historische, kriminalistische und autobiografische Stränge um diese Frage.

Im Roman hat Huldrych Zwingli das Schlachtfeld überlebt und der Nachwelt eine Bibel mit persönlichen Notizen hinterlassen. In einem tödlichen Intrigenspiel um Macht, Geld und Weltherrschaft versuchen verschiedene Akteure, Zwinglis Bibel an sich zu reissen. Im Zentrum der Handlung stehen der refor- mierte Ortspfarrer Erasmus und sein Vikar Ueli. Als historische Grundlage für den «Kirchenkrimi», wie Ulrich Leutwyler seinen Roman bezeichnet, diente ihm die Sammlung des Zürcher Zunftmeisters Gustav Adolf Maag. «Darin fand ich Spekulationen darüber, dass Zwingli auf dem Schlachtfeld durch einen Schutztrupp geschützt und sein Bruder an seiner Stelle getötet worden sei. Das sind natürlich Mutmassungen. Aber es hätte so sein können», sagt der Autor.

Mit der Figur von Vikar Ueli hat Ulrich Leutwyler Teile seiner Lebensgeschichte in den Roman einfliessen lassen. Wie jener Ueli aus dem Roman hat auch Leutwyler Theologie studiert und ein Praktikum in Knonau absolviert: «Der Pfarrer dort hiess allerdings nicht Erasmus, sondern war mein Vater René Leutwyler», sagt er. Er habe es genossen, seinem jungen «Ich» im Buch zu begegnen: «Das war toll. Menschen von früher, wie meinen Vater und meinen Grossvater, konnte ich so wieder aufleben lassen.»

Lebendige Vorlagen

Auch die weiteren Romanfiguren sind nicht frei erfunden. Eine besonders prägnante Figur ist Pater Gregor, der im Buch als Geheimagent aus dem Vatikan seine Fäden zieht. «Pater Gregor habe ich an einer ökumenischen Tagung kennengelernt, ich beschreibe ihn so, wie er tatsächlich aussieht», erklärt Leutwyler, der im Roman auch seine starke Auseinandersetzung mit dem Katholizismus spiegelt. «Ich kam im reformierten Pfarrhaus im katholischen Ortsteil der Gemeinde Ingenbohl bei Brunnen zur Welt. In den Vierzigerjahren hatte mein Vater als reformierter Pfarrer dort nicht denselben Stellenwert wie die katholischen Kollegen. Das Leben in der reformierten Diaspora war auch für mich und meine Geschwister nicht einfach, deshalb habe ich mich später stark mit dem Katholizismus befasst», erläutert er.

Leutwyler blickt auf ein bewegtes Berufsleben zurück. Er hat das Zürcher Blindenwohnheim Mühlehalde mit aufgebaut, war Regionalsekretär Schaffhausen-Thurgau-Zürich bei Pro Juventute und amtete als Gefängnisseelsorger. In der Schaffhauser Gemeinde Merishausen ist er schliesslich heimisch geworden. Geschrieben hat er schon immer, Kindermusicals und Kurzgeschichten, doch erst seit der Pensionierung hat er genügend Zeit, um sich in seinem «Merishauser Holzhüsli» für längere Phasen an den Schreibtisch zu setzen.

Andenken Zwinglis

Leutwylers Bezug zu Zwingli begann bereits mit seinem Konfirmationsspruch: «Du bist Gottes Werkzeug. Er fordert Deine Tat, nicht Deine Ruhe!» «Dieser Spruch wird Zwingli zugeschrieben, aber er wurde auch mein Lebensmotto», sagt er.

1977 übernahm er die Leitung der Zwingliheimstätte in Wildhaus. «Die Grundlage für unsere Arbeit lautete: ‹Kommet her zu mir alle›», sagt Leutwyler und erzählt in einem Atemzug: «Wer ein Dach über dem Kopf brauchte, war willkommen. Wir führten eine Töpferei, eine Malwerkstatt, ein Fotolabor, einen Bühnensaal mit Flügel, einen Sport- und einen Kinderspielplatz und boten Platz für Singlager, Musikwochen, Atemkurse, Familienfeiern, Lehrlingslager und Weiterbildungskurse für kirchliche Mitarbeiter.» Im Gewölbekeller war Platz für einen Raum der Stille. «Wir machten ihn zur Zwinglikapelle, am Abend versammelten sich alle Personen, welche dies wollten, zum Abendsegen», erinnert sich der ehemalige Heimstätteleiter.

1983 wechselte Ulrich Leutwyler nach Zürich, um beim Aufbau des Blindenwohnheimes Mühlehalde mitzuhelfen. Ein Teil seines Herzens blieb in Wildhaus: «Zwingli hat mich nicht mehr losgelassen. Er hat mir vermittelt, dass die biblische Botschaft nicht kompliziert sein darf. Sie soll für alle Menschen verständ- lich sein.» Später wurde die Zwingliheimstätte verkauft. Ulrich Leutwyler ärgert sich bis heute, wie lieblos mit Zwinglis Andenken umgegangen wurde. Zwinglis Botschaft führt im Roman zur Schaffung von weltweiten Friedenskirchen.

Adriana Schneider

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«Zwingli – Das Buch des Ketzers» ist im Merishauser Verlag «Das kleine Haus der Musik» erschienen: daskleinehausdermusik@gmail.com

Buchvernissage mit Autorenlesung und Musik: Samstag, 27. April, 15 Uhr, Zwinglikirche Schaffhausen