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Wirtschaft

«Bei uns zeigen sich die tödlichen Konsequenzen des Klimawandels»

Die Taifune auf den Philippinen werden immer stärker, das Meer erwärmt sich und die küstennahen Böden versalzen. Bembet Madrid, langjährige Mitarbeiterin von «Fastenopfer» und Gast während der Ökumenischen Kampagne, erklärt, wie existentiell die Menschen auf den Philippinen vom Klimawandel betroffen sind.

Jugendliche protestieren in Europa, damit das Thema Klimawandel endlich auf die politische Agenda kommt. Eine gute Nachricht für die Philippinen?
Der Klimawandel ist für uns tatsächlich ein existenzielles Thema. Wir gehören zu den Weltregionen, wo sich schon heute in ganz einschneidender und todbringender Konsequenz die Folgen der Erderwärmung zeigen.

Wie wird das auf den Philippinen konkret sichtbar?
Bei uns wechselt sich in einem immer schnelleren Rhythmus extreme Trockenheit mit sturzflutartigen, zerstörerischen Taifunen ab. 2013 machte der Taifun «Haiyan» Millionen von Menschen obdachlos. Damals wurden noch nie gemessene Windgeschwindigkeiten registriert von 350 Kilometer in der Stunde. Solche Katastrophen treffen arme Länder wie die Philippinen besonders stark. Denn hier fehlen oft Notfallpläne, um die Bevölkerung zu evakuieren. Dies sehen wir aktuell auch in Mosambik. Die Partnerorganisationen von Fastenopfer sind deshalb auch dabei, mit lokalen Komitees zusammen Pläne auszuarbeiten, um im Falle einer erneuten Katastrophe Todesopfer zu vermeiden. Diese Risikominderung hat sich bewährt.

Mit der Nothilfe aus der Schweiz wurden auch zerstörte Häuser wiederaufgebaut. Wie aber erging es den Anbauflächen der Kleinbauern nach dieser Katastrophe?
Grundsätzlich ist die Landfrage eines der grössten Probleme auf den Philippinen. Wir haben von der spanischen Kolonialherrschaft das System der grossen Haciendas geerbt. Das meiste Land, und vor allem das beste Land, ist bis heute im Besitz der Grossgrundbesitzenden. Die Kleinbäuerinnen und Kleinbauern müssen sich mit küstennahen und damit den Katastrophen stärker ausgesetzten Landstücken begnügen.

Aber nach der grossen Flut lässt sich auf den salzigen Böden nichts mehr anbauen.
Versalzene Böden werden uns als Resultat der verstärkten Taifune dauerhaft beschäftigen. Wir unterstützen deshalb Bäuerinnen und Bauern, die versuchen, salztolerante Reispflanzen zu züchten. Einer unserer Bauern ist dabei ohne Universitätsstudium zum Agrarwissenschaftler geworden. Er experimentiert mit 350 neuen Sorten und scheint einen erfolgreichen Weg eingeschlagen zu haben.

Die Landbevölkerung wird also nicht nur beraten und mit neuem Saatgut versorgt, sondern züchtet selber neue Sorten?
Wir wollen, dass das Saatgut wieder in die Hand der Bauern kommt und ermuntern sie zu eigenen Züchtungen. Sie sollen die alten, widerstandsfähigeren Sorten wiederentdecken und sich damit unabhängig von den Hybridsorten der Saatgutkonzerne machen, die obendrein die giftigen Spritzmittel liefern. Hybridreis und Pestizide verursachen grosse Kosten, so dass viele Familien tief verschuldet sind. Der ökologische Landbau ist deshalb auch ein Weg aus der Armutsfalle.

Zurück zum Klimawandel: Viele Kleinbauernfamilien an der Küste leben gleichzeitig auch von der Fischerei. Wie wirkt sich der Klimawandel auf das Meer aus?
Viele Korallenriffe, die Heimat für die Fische sind, wurden durch die Erwärmung der Meere ausgebleicht und sind abgestorben. Immer stärker werden auch die Mangrovenwälder an der Küste abgeholzt. In unseren Projekten versuchen wir, die Mangroven wieder aufzuforsten.

Warum sind die Mangroven so wichtig?
Sie sind wie die Korallenriffe die Kinderstube für Fische, Krebse und Muscheln. Aber sie bieten auch einen natürlichen Schutz gegen die grossen Stürme. Zudem sind sie ein grosser CO2-Speicher. Wir versuchen den Fischern klar zu machen, welche Bedeutung die Mangroven für das Ökosystem haben. Und wir sensibilisieren sie, keine zerstörerische Fischerei mit Dynamit zu betreiben.

Ein smarter Ansatz. Werden solche Projekte auch von der Regierung unterstützt?
Die Regierung ist auf prestigereiche Megaprojekte konzentriert. So finanziert beispielsweise China neue Häfen im Zusammenhang mit dem Seidenstrassen-Projekt. Das zerstört das Land der Ureinwohner und der Staat gerät damit in eine immer grössere Abhängigkeit von China. Unklar ist, ob die Philippinen die eingegangenen Schulden jemals zurückzahlen können.

Delf Bucher, reformiert.info, 29. März 2019