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Gesellschaft

Arbeitest du noch oder lebst du schon?

23.04.2019
Über das Modewort «Work-Life-Balance», das unser Verhältnis zur Arbeit im 21. Jahrhundert nicht ganz auf den Punkt bringt.

Eine gute Work-Life-Balance ist der Königsweg ins Glück – dies suggerieren diverse Zeitungsartikel, Seminare und Ratgeber. Der Ausdruck nimmt das verbreitete Gefühl auf, dass die Arbeitsbelastung im Alltag zunimmt. Aber können Arbeit und Leben so einfach getrennt und gegeneinander aufgewogen werden?

«So dringt der Beruf zunehmend in unsere gute Stube ein.»

In den Nachkriegsjahrzehnten schien das Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit trennscharf: Hier der Arbeitsort mit geregelten Arbeitszeiten, dort Haus und Familie als Ort der Entspannung. Erst die erstarkende Frauenbewegung zeigte auf: Auch in Haushalt und Erziehung steht (unbezahlte) Arbeit an, für erwerbstätige Frauen sind Beruf und Familie nicht ohne Weiteres vereinbar.

Weitere gesellschaftliche Entwicklungen prägen im neuen Jahrtausend das Bild der «Work-Life-Balance»: Eine Waage, auf der wir «Arbeit» einerseits und «Leben» andererseits im gesunden Gleichgewicht halten sollen. Die Sympathien scheinen klar verteilt.

Die schwere Arbeit versus …
Es gibt berechtigte Gründe, Arbeit als Belastung wahrzunehmen, die manche Waage in Schieflage bringt. So dringt der Beruf zunehmend in unsere gute Stube ein. Das SMS der Vorgesetzten oder die Gedanken an die morgige Sitzung: Sie machen weder vor dem Feierabend noch vor der Haustüre halt. Zudem steigen im Erwerbsleben unter dem Optimierungsdruck die körperlichen, mentalen und psychischen Herausforderungen – und bestehen nicht nur dort: Der Haushalt wartet, familiäre Erziehungsarbeit ist anspruchsvoll, viele Ratgeber fordern uns zur Beziehungsarbeit auf, zur Arbeit an uns oder unserer Gesundheit.

… das leichte Leben?
Bei so viel Arbeit haben wir einen gewichtigen, arbeitsfreien Ausgleich verdient und bitter nötig! Doch was bleibt für die andere Waagschale noch übrig? «Leben» klingt in der Gleichung mit Arbeit so vage wie verheissungsvoll, spricht die Sehnsucht nach Selbstverwirklichung, Entspannung oder Freiheit an. Und vor uns liegt ja ein unerschöpfliches Angebot an Aktivitäten, Konsumgütern etc. Aber durch diese Fülle fällt uns die ersehnte Erfüllung nicht leichter. Die vor uns ausgebreitete Vielfalt birgt die Gefahr, dass wir  unstet werden. Auch hier kann Druck aufkommen: Man muss doch möglichst viel aus diesem einen Leben machen! 

Eine Waage mit Konstruktionsfehler
Wir ahnen: Diese Waage kann unsere Existenz nicht angemessen austarieren – weil Arbeit und Leben nicht voneinander zu trennen sind. Das Bild blendet aus, dass Arbeit selbst ein sinnstiftender Teil des Lebens sein kann und sollte. Der Ausdruck «Work-Life-Balance» wird aber trotz seiner Unausgewogenheit in der Alltagssprache präsent bleiben. Womöglich sollten wir ihn als mahnende Erinnerung auffassen, dass viele damit leben müssen, keine sie erfüllende Arbeit auszuüben. Und als Warnung, wie viel auf dem Spiel steht, wenn wir selbst und die Gesellschaft kein rechtes Mass für Arbeit finden. Das Gleich- gewicht zwischen notwendigem Tun und erfüllendem Tun ist und bleibt fragil. Daran müssen wir arbeiten.

 

Text: Philipp Kamm | Foto: Katharina Meier   – Kirchenbote SG, Mai 2019

 


Von Jürg Hartmann erfasst am 06.01 2020 09:42

Fragen an...

Fragen an Buddha, Fragen an Allah, Fragen an Gott, Fragen an Manitou, Fragen an Mohammed, Fragen an das Göttliche im Menschen: Wenn ich mir vorstelle, das Göttliche würde mir gegenübersitzen, was wäre dann? So setze ich mich hin und bitte das Göttliche, mir gegenüber Platz zu nehmen. Die Stühle sind bequem, sehr geeignet, ganz hier zu sein. Ganz. Da sitzen wir zwei, schweigsam, nachdenklich aber ganz da. Mich sieht man gut, mich erkennt man gut, das Göttliche aber lässt weder Worte noch Bilder zu, denn in Worte und Bilder gefasst ist das Göttliche nicht mehr göttlich sondern menschlich. Für unsere Kinder sind die Bilder wichtig und notwendig, für erwachsene Menschen bezweifle ich das ernsthaft. Die Antworten aber, die kann ich hören, vielleicht auch wahrnehmen, das reicht, muss reichen. Und so komme ich zu meiner ersten Frage: «Ich weiss, ich könnte Dich jetzt fragen, warum Du all das Schreckliche, Böse und Teuflische auf dieser Welt zulässt, die Kriege, die Gewalt, Vernichtung und Tod. Doch genau diese Frage stelle ich jetzt nicht. Ich versuch’s also andersherum. Ich frage Dich und nur Dich: Wie kommt es denn, dass wir Dich immer wieder fragen, was ich fragen könnte wie oben erwähnt. Wie also kommt das?» Das Göttliche ist irgendwo im Raum, meine ich, seine Stimme aber kann ich klar und deutlich hören, das ist die Hauptsache, und damit höre ich auch seine Antwort. ES sagt: «Deine Frage ist gut, lieber Mensch, ich denke nach. Kannst Du Dir vorstellen, welcher Art meine Gedanken hier sind?» Ich bin überrascht. Da stelle ich ihm eine meiner ganz wichtigen Fragen und nun soll ich mir vorstellen, was ES meint, was ES denkt. Komisch, ungewohnt, ich weiss nicht recht und bin verwirrt. So antworte ich: «Du siehst, Deine Antwort macht mich wirr, die Worte in meinem Kopf fliegen kreuz und quer und suchen nach einer Ordnung. Das will nun heissen, ich denke nach, ich denke laut nach, dann kannst Du meine Gedanken gleich mithören. Also: Deine Antwort wirkt, ich beginne zu suchen, suche jedoch bei mir und in mir. So weit bin ich im Moment.» Das Göttliche antwortet sofort: «Ganz genau, Du hast es erkannt denn Du suchst bei Dir. Du suchst nicht in den Wolken, hinter denen Du mich vermutest, Du suchst nicht beim Papst, meinem angeblichen Stellvertreter auf Erden, Du suchst nicht aussen, sondern innen, das ist der Punkt!» Damit bin ich wieder allein im Raum, allein mit meinen Fragen, ganz auf mich zurückgeworfen, auf mich gestellt. Vielleicht ist das der Punkt, vielleicht ist das die Antwort des Göttlichen an mich: «Geh auf die Suche, immer wieder, und suche in Dir, mit Dir und natürlich auch zusammen mit anderen Menschen. Doch bleib auf der Suche, immer.»

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