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Kultur

«Wir streben ein richtiges Leben im falschen Leben an»

Filmemacher Christian Labhart nimmt Zuschauerinnen und Zuschauer in seinem neuen Film «Passion» auf eine persönliche Reise. Eine Reise in die Welt, die der Filmemacher sich eigentlich doch so anders gewünscht hätte. Im Interview spricht er über die Bedeutung eines guten Lebens, Bachs Matthäuspassion und wieso die Klimademos Hoffnung in ihm wecken.

Herr Labhart, Ihr jüngstes Werk hat verschiedene biblische Bezüge: Der Film heisst Passion, die Matthäuspassion von Bach spielt eine bedeutende Rolle und am Gründonnerstag ist der Film in Schweizern Kinos angelaufen. Ist das Zufall?
Es ist tatsächlich ein Zufall. Der Kinostart war früher geplant. Als dann aber das internationale Film Festival Nyon meinen Film «Passion» als Weltpremiere ins Programm aufnahm, verschoben wir den Kinostart. Rückblickend ist der Kinostart während den Ostertagen ein schöner Zufall; Der Filmtitel «Passion» erinnert natürlich an die Leidensgeschichte Christi. Ich bringe ihn aber vor allem mit dem Leiden in Zusammenhang, das wir Menschen für andere Menschen auf dieser Welt schaffen.

Der Film erzählt parallel zum Weltgeschehen von 1968 bis 2016 ihre persönliche Geschichte: Wie sie als junger Mann für eine bessere Welt einst auf die Strasse gingen und mit fortgeschrittenem Alter realisierten, dass die Welt nicht so ist, wie Sie sich diese erhofften. Wecken die aktuellen Klimademos alte Hoffnungen in Ihnen?
Die Hoffnung auf eine bessere Welt keimt in mir immer dann auf, wenn Menschen auf der Strasse Veränderungen fordern: Das war 2011 so, als im Nahen Osten der arabische Frühling ausbrach und ist heute mit den Klimademos so. Mir steigen Freudetränen in die Augen, wenn Jugendliche auf der Strasse skandieren: «Wem sini Wält? Eusi Wält! Wem sini  Strasse? Eusi Strasse!» Mein ganzes Leben habe ich an die Macht der Veränderung geglaubt. Wenn heute junge Erwachsene nicht nur einen Klimawandel, sondern auch einen Systemwandel fordern, gibt mir das Hoffnung, dass sich unsere Welt doch noch verändert.

Ihre Kritik gilt dem Kapitalismus.
Die Fakten sind eindeutig: die Macht des Geldes ist abstossend, die Zerstörung der Natur schreitet voran, Millionen von Menschen sind auf der Flucht, die Welt ist aus den Fugen. Die globale Maschine rattert, die Logik des Marktes unterstützt die Gier des Menschen, die Erde leidet unter dem Gewicht des ökonomischen Diktats. Wir zerstören unseren Planeten, produzieren Unmengen von Gütern, Müll und massenhaftes Elend. Die Erde wird für einen endlos wachsenden Profit verbrannt. Wir streben ein richtiges Leben im falschen Leben an, um Theodor Adornos Worte zu verwenden. Das falsche Leben ist für mich der Kapitalismus, der auf Konsum, Selektion und Wachstum ausgerichtet ist. Solange sich dieses System nicht verändert, ändert sich auch sonst nichts.

Was soll Ihr Film bei Zuschauerinnen und Zuschauern bewegen?
Ich hoffe auf die Betroffenheit des Publikums. Dass sie nach dem Film denken, die Welt darf nicht so bleiben, wie sie ist.

Im Film bleiben viele Fragen unbeantwortet. Sie fragen, wie sie Ihren Kindern die Welt erklären sollen oder was zu tun sei, damit die Welt sich doch verändert. Wieso geben Sie keine Antworten?
Ich wollte keinen didaktischen Film machen, der dem Publikum sagt, was zu tun ist und wie die Lösungen für eine Veränderung aussehen. Vielmehr soll mein Film die Realität von Konsum, Vergnügen und Effizienz aufzeigen – die Misere, in der wir uns befinden.

Neben den bildstarken Sequenzen von abbrechenden Gletschern, Massentierhaltung, konsumgetriebener Gesellschaft schneiden Sie immer wieder Aufnahmen einer Chorprobe der Matthäuspassion dazwischen. Was wollen Sie damit bewirken?
Ich fügte Bachs Matthäuspassion als immer wieder kehrendes Trostelement in die Filmhandlung ein. Sie gibt ein Gegengewicht zu den niederschmetternden anderen Bildern, die aufzeigen, wie wir unsere Welt zugrunde richten. In der Matthäuspassion sehe ich eine Alternative zu Konsum und Wahn, Irrsinn und Kapitalismus. Die Aufnahmen der Chorprobe zeigt, wie Menschen gemeinsam etwas kreieren. Eine kleine Utopie. Die Geschichte, die die Matthäuspassion erzählt, ist traurig, aber tröstlich. Bachs Werk weckt in mir eine Melancholie, die mich den Zustand der Welt aushalten lässt.

Im Film werden als weiteres wiederkehrendes Element acht Autorinnen und Autoren zitiert. Neben Bertolt Brecht, Franz Kafka oder Philipp Blom kommt auch die evangelische Theologin Dorthee Sölle zu Wort. Wieso gerade sie?
Dorothee Sölle spielte für mich in den 70er- und 80er-Jahren eine wichtige Rolle. Ihr Engagement für Frauen und die dritte Welt haben mich sehr beeindruckt.

Nicola Mohler, reformiert.info, 25. April 2019

Anlass in Anwesenheit von Regisseur Christian Labhart: 27. April, 17.30 Uhr: Kino Rex, Biel, Premiere und Diskussion mit Christian Labhart und Dennis Bucher

Christian Labhart, 66. Der ehemalige Lehrer und Landwirt arbeitet seit 19 Jahren als freier Filmemacher. Zu seinen Filmen zählen «Ruin», «Ignaz Troxler: Philosoph Arzt Schweizer Macher», «Yasin will leben», «Appassionata» und «Giovanni Segantini – Magie des Lichts».