Logo
Wirtschaft

Kirchtürme als Funkmasten

Kirchtürme sind ideale Standorte für Handyantennen. Kein Wunder also, dass immer mehr Kirchgemeinden in ihren Gebäuden Mobilfunkanlagen beherbergen. Breit gestreut wird diese Tatsache nicht, mancherorts aber ruft es vehemente Kritiker auf den Plan.

In Bern verbreiten Sender in vier reformierten Kirchen Handysignale: im Münster, in der Nydeggkirche, der Heiliggeistkirche und der Friedenskirche. Auch in Zürich und in Luzern gibt es welche. In den städtischen Kirchen in Thun, Biel oder Basel gibt es jedoch keine. Und in der Berner Gemeinde Muri wurde vor einigen Jahren eine derartige Installation von besorgten Kirchgängerinnen und Kirchgängern aktiv verhindert.

Gutes Geschäft für Kirchgemeinden
Kirchen und ihre Türme sind hoch und liegen zudem oft an erhöhten Stellen. Deshalb eignen sie sich gut als Standorte für Mobilfunkanlagen. Auch lassen sich die Antennen meist in einem Innenraum platzieren, so dass sie kaum sichtbar sind und das Ortsbild nicht stören.

«Wenn wir alle unsere Smartphones und Tablets nutzen wollen, braucht es genügend Anlagen, werden sich Standortvermieter sagen – so auch die Kirchgemeinden. Und das Geschäft mit den Providern Swissom, Sunrise und Salt bringt natürlich auch einen willkommenen finanziellen Zustupf. Bei der reformierten Gesamtkirchgemeinde Bern belaufen sich die jährlichen Einnahmen pro Antenne je nach Standort immerhin auf 10'000 bis 30'000 Franken», sagt Andreas Hirschi, Präsident des Kleinen Kirchenrates.

Grosser Widerstand in Muri
Trotzdem war gerade der monetäre Aspekt in Muri bei Bern mit ein Grund, warum die Kirchgemeinde das Ansinnen der Internetanbieter abgelehnt hat. «Die Mieteinnahmen wären interessant gewesen», sagt Christoph Knoch, Pfarrer in Muri. «Doch die Leute hätten es nicht verstanden, wenn wir wegen des Geldes unsere Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt hätten. Handyantennen können auch religiöse Gefühle verletzen.»

Ausschlaggebend seien vor allem aber auch die gesundheitlichen Bedenken gewesen. «Einige Nachbarinnen und Nachbarn haben die geplante Installation als Belastung empfunden», begründet Knoch weiter.

Angst vor Strahlenbelastung
In der Schweiz stehen rund 18’800 Mobilfunkantennen an 6500 Standorten. Wie viele davon in einer Kirche stehen, geben weder das Bundesamt für Kommunikation noch das Bundesamt für Statistik bekannt, ebenso wenig kirchliche Stellen oder die Swisscom. Viele Leute wissen daher nicht, ob die Kirchen in ihrer Umgebung Antennen beherbergen.

Doch wer sich dafür interessiert, kann sich die Information auf Karten des Bundesamtes für Landestopographie (Swisstopo) einblenden lassen. Der Link ist am Ende des Artikels zu finden. Und wer informiert und deswegen besorgt ist, meldet sich mitunter umso lauter zu Wort. So zum Beispiel in der Solothurner Gemeinde Kriegstetten. Dort weht der Kirchgemeinde, seit sie die Planung einer Mobilfunk-Antenne auf der Kirche St. Mauritius bekannt gab, ein rauer Wind entgegen: Anwohner fürchten sich vor der intensiven Strahlenbelastung und beanstanden, dass weder ethische noch ästhetische Fragen genügend diskutiert worden seien.

Digitale Kontrolle im Vormarsch
Die Angst vor gesundheitlichen Folgen durch eine Dauerbestrahlung erfasse immer mehr Menschen, betont Hansueli Albonico, Arzt in Langnau i.E. Er befasst sich seit Jahren mit den Auswirkungen der Mobilfunkstrahlung und prognostiziert unabsehbare Gesundheitsschäden für Menschen, Tiere und die Umwelt.

«Zudem stellt sich mir die Frage, ob wir wirklich noch schnellere Kommunikation brauchen; die vielen Burn-Outs in unseren Arztpraxen stimmen mich nachdenklich», sagt der Hausarzt. Er beanstandet auch, Netzbetreiber und Behörden würden nicht oder zu wenig informieren. «Die digitale Kontrolle der Konsumenten soll weiter perfektioniert werden. Da verstehe ich Menschen, die sich dagegen wehren, dass jedes Gebäude zu einem Mobilfunkstandort wird.»

Katharina Kilchenmann, Marius Schären, reformiert.info, 26. April 2019

Karte Swisstopo mit Mobilfunkantennenstandorten