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Kirche

Die Kirche bleibt im Dorf

Am Pfingstsonntag feiert die Kirchgemeinde Herblingen ihre 700-jährige Geschichte. Pfarrer Peter Vogelsanger erzählt, warum diese Geschichte etwas Besonderes ist.

Die Kirchgemeinde Herblingen wird samt Dorfkirche auf einer Urkunde aus dem Jahr 1319 zum ersten Mal erwähnt. Damals gehörte Herblingen zur Kirche Lohn, sämtliche Sonntagsandachten, Taufen und Bestattungen fanden in der Reiatgemeinde statt. 1649 teilte der Schaffhauser Rat die Herblinger der St. Johannskirche zu. Ab 1681 trugen sie Neugeborene in ein eigenes Taufbuch ein und hielten Abendmahl in der alten Dorfirche. 1750 begann der Bau einer neuen Kirche, die Pfarrer Alexander Baldunger im Jahr darauf ein- weihte. Die Vorgängerkirche steht heute noch und dient als privates Wohnhaus. «Es ist beeindruckend, dass schon vor so langer Zeit hier Menschen zusammenfanden, die zu ihrer christlichen Überzeugung standen und ihre Ideale beherzt lebten», sagt der Herblinger Gemeindepfarrer Peter Vogelsanger.

Dorf vor dem Stadttor

Herblingen stiess erst 1723 zur Eidgenossenschaft, 150 Jahre später als die Stadt Schaffhausen. Bis dahin gehörte die Landgemeinde zum Hause Habsburg. Während der Kriegszeiten belagerten Soldatentruppen das Herblingertal. «Die Bevölkerung musste die Soldaten aus eigenen Mitteln verpflegen», erzählt Peter Vogelsanger. Durch die Vertreibung der Hugenotten, die Pestzüge und den Dreissigjährigen Krieg sassen riesige Flüchtlingsströme vor der Stadt fest. «Herblingen hat eine so bewegte Geschichte, weil es geografisch vor dem Stadttor lag», sagt der Pfarrer und betont, dass die Geschichte Herblingens eben eine waschechte «Dorfgeschichte» sei.

Zwischen 1814 und 1850 verpasste die Schweiz die beginnende Industrialisierung. In der Folge führten Stagnation, Krise und soziale Not zu Massenauswanderungen. In Herblingen verkleinerte die grosse Auswanderungswelle unter anderem nach Brasilien das Dorf auf 351 Seelen. Erst im Jahr 1941 überstieg die Einwohnerzahl die Tausendergrenze und im Jahr 1964 wurde Herblingen mit seinen damals rund 2000 Einwohnern zum Stadtquartier. Heute leben rund 5000 Menschen in Herblingen. «Wir ticken anders als der Rest von Schaffhausen», sagt der Gemeindepfarrer, «Herblingen ist ein modernes, lebendiges Wohnquartier mit Infrastruktur, Arbeitsplätzen und einem grossen Freizeitangebot, wir wollen kein Schlafquartier sein.» Trotzdem sei die Entwicklung des Quartiers für die Kirchgemeinde nicht unproblematisch: «Aktuell haben wir wenig Kinder. Viele Familien siedelten sich in den 1980er-Jahren hier an, ihre Kinder sind heute erwachsen.» Vor 15 Jahren habe es noch Konfirmandenklassen mit 33 Kindern gegeben. «Heute gibt es hier Schulklassen ohne ein ein- ziges reformiertes Kind», so Vogelsanger.

Aktuell zählt die Kirchgemeinde 1400 Mitglieder, der Anteil an älteren Personen ist hoch. «Wir sind eine der letzten unabhängigen Gemeinden auf Stadtgebiet», sagt der Pfarrer. Dennoch wolle die Kirchgemeinde zukünftig vermehrt mit anderen Gemeinden zusammenarbeiten. «Der Kurs der letzten 50 Jahre würde in die Zukunft gesehen in die Isolation führen», schätzt der Pfarrer ein.

Einziger Taufwald

Trotzdem fühle sich die Kirchgemeinde gut gerüstet für den «Herblinger Drive der Moderne» und sei stolz auf die Besonderheit, den einzigen Taufwald in der Schweiz zu führen, in dem Eltern für ihre Kinder ein Bäumchen pflanzen können, das mit Namensplakette auf den Täufling hinweist.

Am Pfingstsonntag feiert die Kirchgemeinde ihre 700-jährige Geschichte mit einem Festgottesdienst, Apéro riche, Anspra- chen, einem Kinderprogramm und einem historischen Stationenrundgang im ehemaligen Dorf mit Stadtführer Peter Baumer.

 

Adriana Schneider

 

Orgelmusik durch die Epochen zum Festgottesdienst

Im Festgottesdienst am 9. Juni präsentiert die Organistin Rebekka Weber Orgelwerke aus verschiedenen Epochen zusammen mit Kornelia Bruggmann, Gesang, und Andreas Ehrismann, Violine, beginnend bei Werken der Rennaisance bis hin zu zeitgenössischen Komponisten. Das erste orgelartige Instrument wurde vor Christi Geburt in Alexandrien konstru- iert und bestand aus mehreren Pfeifenreihen. Die Römer übernahmen die Orgel später von den Griechen und untermalten Darbietungen in ihren Arenen mit Orgelmusik. Im 9. Jahrhundert wurde die Orgel in Westeuropa erstmals in Kirchen eingebaut, zunächst als Statussympol. Erst in der Gotik wurde sie zum Hauptinstrument des kirchlichen Gesangs. Ab dem 14. Jahrhundert besassen die meisten grossen Stadtkirchen eine Orgel, später folgten die Dorfirchen. Die alte pneumatische Herblinger Orgel aus dem Jahr 1926 verfügte fast nur über tiefere Register. Erst 1975 brachte die neue mechanische Orgel mit klaren und helleren Registern jenen klanglichen Glanz in den Kirchenraum, den die Herblinger heute kennen.