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Kirche

«Verantwortungslos» und «Aufruf zur Entsolidarisierung»

Eine Gratiszeitung publizierte Tipps für junge Erwachsene zum Kirchenaustritt. Die grössten Landeskirchen kritisieren den Beitrag.

«Wie kann ich aus der Kirche austreten?» Unter diesem Titel hat die Zeitung «20 Minuten» am 2. Mai auf einer halben Seite Tipps publiziert. Sie richten sich in der Rubrik «Grow up» explizit an Personen zwischen 20 und 30 Jahren. Angepriesen wird der Beitrag als Geldspartipp, denn schliesslich bezahle man in der Schweiz bis zu 1000 Franken jährlich an Kirchensteuern.

In den Fragen des Hauptbeitrags geht es dann um die Kasualien: Hochzeit, Beerdigung, Taufe – und inwiefern man da auf die Kirche angewiesen ist oder sie beanspruchen kann. Die konkreten Tipps für den Austritt sind in einem kleinen Böxlein zu finden, anschliessend u.a. der Hinweis, man solle sich bewusst sein, «dass die Kirche auch eine soziale Einrichtung ist und du mit deinem finanziellen Beitrag indirekt Hilfswerke und soziale Projekte unterstützt».

Aufruf «gibt zu denken»
Die grössten reformierten Landeskirchen Bern und Zürich finden ähnliche Worte zum Beitrag der Zeitung. Hans Martin Schaer, Kommunikationschef der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn (Refbejuso), sieht es als «Aufruf zur Entsolidarisierung der Gesellschaft», wie er auf Anfrage sagt: «Es ist ein Aufruf, auf die Gesellschaft zu pfeifen, solange der eigene Spass nicht zu kurz kommt», hält Schaer fest. Das gebe zu denken.

In Zürich publizierte der Kirchenrat der Reformierten Kirche des Kantons eine öffentliche Stellungnahme. Darin nennt er die Aktion «verantwortungslos, da sie die Solidarität in der Gesellschaft untergräbt». Völlig verkürzt würden die Leistungen der Kirche auf Hochzeit, Beerdigung und Taufe beschränkt. «Gänzlich unterschlagen wird im Beitrag, wofür die Kirchensteuern zu grossen Teilen ebenfalls verwendet werden: nämlich für die vielen sozialen und seelsorglichen Angebote der Kirchen», teilt der Zürcher Kirchenrat mit.

Online-Kommentare unterstützen Kirchen
Wie Schaer sieht auch der Zürcher Kirchenrat die Entsolidarisierung der Gesellschaft gefördert. Man sehe das auch an vielen der weniger als einen Tag nach Publikation fast 1000 Online-Kommentare. «Was soll dieser Artikel? Die Kirchensteuer ist ein sozialer Beitrag, bei dem vieles dem Gemeinwohl zugute kommt. Der heutige Mensch will nur profitieren», heisst es im Kommentar mit den meisten Likes.

Die angebliche Höhe der Steuern relativiert Hans Martin Schaer erheblich. «Für den Kanton Bern gilt es klar festzuhalten, dass eine kleine Minderheit von Kirchensteuern in der Grössenordnung von 1000 Franken und mehr betroffen ist. Die Kirchensteuer beträgt etwa 4% des Totals von Staats- und Gemeindesteuern.» Eine alleinstehende Person mit steuerbarem Einkommen von 54‘200 Franken zahle rund 430 Franken an die Kirchgemeinde. «Welche Jugendlichen leben bereits in solch komfortablen finanziellen Verhältnissen?», fragt Schaer.

Sorge zur Kultur
Und er nennt neben dem sozialen Engagement der Kirchen – das vor allem auch von vielen Freiwilligen getragen wird – weitere Leistungen, die sie erbringen: Sie hülfen, den interreligiösen Dialog am Laufen zu halten, was für die Integration unabdingbar sei. Sie trügen Sorge zur abendländischen Kultur, auch indem sie in ihren Räumen Konzerte, Theater, Ausstellungen ermöglichen. «Und sie erfüllen in Partnerschaft mit dem Staat wertvolle Dienstleistungen für die Gesellschaft, etwa mit den Beratungsstellen für Ehe, Partnerschaft und Familie und in der Seelsorge in Spitälern, Heimen und Gefängnissen», gibt Hans Martin Schaer zu bedenken.

Der Zürcher Kirchenrat verweist zudem auf eine Studie der Uni Zürich von 2017, die zeige, wie die Kirche zum Wohl der ganzen Gesellschaft beitrage: www.zhref.ch/kirchenstudie

Marius Schären, reformiert.info, 3. Mai 2019