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Religionen

«Wir feiern jeden Abend ein kleines Fest»

Der muslimische Fastenmonat ist zu Ende. Die Muslimin Zeinab Ahmadi blickt auf den diesjährigen Ramadan zurück, erzählt von ihrer Motivation und der grössten Herausforderung, dem Schlafmangel, und erklärt, was das Zuckerfest mit Weihnachten zu tun hat.

Frau Ahmadi, muslimische Fastenmonat Ramadan neigt sich dem Ende zu. Wie fühlen Sie sich?
Mir geht es gut. Besonders mein Kopf fühlt sich klar und ruhig an. Ramadan bedeutet nicht nur tagsüber der Verzicht auf Nahrung und Genussmittel, sondern beinhaltet auch viel Kopfarbeit. Enthaltsamkeit und Höflichkeit stehen im Zentrum.

Was heisst das konkret?
Während dem Fastenmonat will ich niemanden anschreien. Versuche negative Gedanken nicht aufkommen zu lassen. Ich will mir meiner schlechten Gewohnheiten bewusst werden, die ich mir über das Jahr angeeignet habe, und versuchen, diese zu reduzieren – dazu zählen etwa der Konsum von Netflix oder der sozialen Medien. Die Fastenzeit soll auch das Mitgefühl für Menschen fördern, die weniger privilegiert sind. Das erlebte Hunger- und Durstgefühl soll helfen, sich in die Situation anderer Menschen hinein zu versetzen.

Sie arbeiten hundert Prozent. Wie sieht Ihr Alltag während dem Ramadan aus?
Ich stehe um drei Uhr morgens auf, esse, putze mir die Zähne und führe die rituelle Waschung und das Gebet durch. Danach fällt es mir schwer, wieder einzuschlafen. Um neun Uhr beginne ich im Büro. An meinem Arbeitsplatz im Haus der Religionen befindet sich eine Moschee. Das erleichtert es mir, die fünf Gebete pro Tag einzuhalten. Die Mittagspause arbeite ich meistens durch, damit ich früher Feierabend machen kann. Zu Hause lege ich mich bis kurz vor Sonnenuntergang schlafen. Das Fasten breche ich dann gemeinsam mit meiner Familie.

Was ist die grösste Herausforderung in dieser Zeit?
Eindeutig der Schlafmangel. Dieses Jahr war es für mich zudem schwierig, mich auf den spirituellen Aspekt, auf die Beziehung zu Gott zu konzentrieren. Ich war beruflich stark eingespannt.

In muslimisch geprägten Ländern geht ein Trommler vor Sonnenaufgang durch die Quartiere, um die Bewohner zu wecken. Abends ruft der Muezzin kurz vor dem Fastenbrechen zum Gebet. Wie organisieren Sie sich hierzulande?
Fast alles läuft über die App «Muslim Pro». Sie zeigt mir die Gebetszeiten an. Ich kann den Wecker mit dem Ton des Gebetrufes programmieren, tägliche Inspiration tanken und mich mit anderen Muslimen austauschen. Es gibt sogar eine digitale Gebetskette; das heisst, auch wenn ich meine Gebetskette nicht dabei habe, kann ich die Gebete, Bittgebete oder Lobpreisungen, mit Hilfe des Handys verrichten. Die App zeigt mir abends die genaue Zeit des Fastenbrechens an.

Was ist Ihre Motivation, den Ramadan einzuhalten?
Die soziale Bedeutung der Tradition ist für mich sehr wichtig. Ich geniesse es, jeden Abend mit meiner Familie das Fasten zu brechen – wir feiern jeden Abend ein kleines Fest. Ich faste aber auch aus religiöser Überzeugung:  Gott will, dass wir die Fastenzeit einhalten – sofern unsere Gesundheit dies zulässt. Ramadan ist für mich ein Stück religiöse Identität. In dieser Zeit nehme ich mir mehr Zeit für Gott und meine Beziehung zu ihm – in den übrigen Monaten kommt dies manchmal zu kurz.

Wie reagiert Ihr Umfeld, wenn Sie sagen, dass Sie fasten?
In der Schulzeit wurde ich immer auf den gesundheitlichen Aspekt angesprochen. Viele machten sich Sorgen. Die häufigste Frage ist wohl: Darf man gar nichts trinken? Und ich antworte dann, nein tagsüber trinken wir nichts. Dafür aber in der Nacht um so mehr. Ich finde es gut, wenn Fragen gestellt werden. Das eröffnet ein Gespräch und klärt Unklarheiten.

Sie haben auch schon in der christlichen Fastenzeit gefastet. Haben Sie einen Unterschied festgestellt?
Die Erfahrung war für mich eine ganz andere. In einer interreligiösen Fastengruppe bauten wir erst die Nahrungsmittel ab, tranken fünf Tage lang nur eine vorgegebene Menge an Fruchtsäften, und dann wurde wieder ein Tag nach dem anderen mehr gegessen. Ich konnte nicht fertig fasten. Mein Körper ertrug dies nicht. Während dem Ramadan fasten wir ja tagsüber, in der Nacht essen und trinken wir aber. Zudem realisierte ich, wie wichtig für mich der soziale Aspekt ist, in der eigenen Glaubensgemeinschaft eingebunden zu sein.

Der muslimische Fastenmonat endet mit dem dreitägigen Zuckerfest. Manche vergleichen dies mit Weihnachten. Stimmt der Vergleich?
Den Vergleich mit Weihnachten kann ich nachvollziehen. Zu Beginn des Zuckerfestes gehen viele Muslime in die Moschee, die dort sonst selten anzutreffen sind. Dasselbe Phänomen ist bei den Christen beim Weihnachtsgottesdienst zu beobachten. Eine weitere Parallele zu Weihnachten ist, dass die Kinder Geschenke erhalten und das Zuckerfest im Kreise der Familie gefeiert wird. Fällt das Zuckerfest auf Arbeitstage, verlegen wir die Feierlichkeiten auf das Wochenende. In unserer Familie ist es zudem ein Ritual, mit allen Verwandten zu telefonieren, die wir das ganze Jahr hindurch nicht gehört haben.

Nicola Mohler, reformiert.info, 5. Juni 2019

Zeinab Ahmadi
Die praktizierende Muslimin ist in der Schweiz als Tochter afghanischer Flüchtlinge aufgewachsen. Ahmadi studierte an der Pädagogischen Hochschule Bern und arbeitet heute als Bereichsleiterin Bildung im Haus der Religionen.

Ramadan
Das Fasten während dem Monat Ramadan gehört zu den Fünf Säulen (Grundpflichten) des Islams. Täglich zwischen dem ersten Morgenlicht und Sonnenuntergang nehmen die Gläubigen keinerlei Nahrung oder Genussmittel zu sich. Im Koran steht in Sure 2: 187 «Und esst und trinkt, bis sich für euch der weisse vom schwarzen Faden der Morgendämmerung klar unterscheidet!» Der spirituelle Wert besteht für Muslime und Musliminnen darin, Körper und Seele zu reinigen, und die Lust auf weltliche Dinge zu unterdrücken, welche der Unterwerfung unter Gott im Wege stehen. Ganz oder teilweise ausgenommen von der Fastenpflicht sind etwa Reisende, Kranke oder menstruierende Frauen. Der Fastenmonat wird mit einem dreitägigen Fest abgeschlossen – dem Zuckerfest. Kinder erhalten Geschenke und die Familien besuchen sich gegenseitig.