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Gesellschaft

Von Babel nach Damaskus und zurück

Die Theologin Brigitte Kahl ruft dazu auf, sich die Bibel neu anzueignen. Die in New York lehrende Theologin war in Biel zu Gast und arbeitete sich mit Teilnehmenden des Seminars an biblischen Erzählfäden entlang mitten in die Welt von heute.

Brigitte Kahl will Brücken schlagen. Und zwar in der Bibel, genauer im Lesen und Verstehen der Bibel. Sie ruft dazu auf, sich die Bibel neu anzueignen. Nicht nur für sich persönlich, sondern auch gegen den wachsenden Rechtspopulismus.

Die gebürtige Deutsche war in Biel für das Seminar «Reclaim the Bibel» zu Gast. Bei der Einführung erzählt die Professorin am New Yorker Union Theological Seminary von Donald Trump und wie er nach seinem Slogan «Make America Great Again» nun mit «Keep America Great» in die zweite Wahlphase starte. Dabei bediene sich Trump der schwarzen Magie des Geschichtenerzählens, die auf das Negative, auf den Feind, auf die Gefahren fokussiere. Nicht selten würden diese Geschichten auch biblisch begründet, so Kahl. Und genau hier gelte es Gegensteuer zu geben: «Die Hoffnungslosigkeit um uns wächst. Deshalb brauchen wir eine neue Ethik des Bibelerzählens», sagt Kahl.

Hoffnungsgeschichten
Die Professorin stösst in der Bibel immer wieder auf Hoffnungsgeschichten. Erzählungen, die sich während Katastrophen abspielen und von der Perspektive jener Menschen handeln, die unter die Räder der Imperien gekommen sind. «Das ist der rote Faden, der sich durch die Bibel zieht», sagt Kahl. Oft werde jedoch diese kritische Lesart gegen eine dominante Weltmacht ignoriert, sagt die Befreiungstheologin.

Wenn Kahl Bibelarbeit betreibt, tut sie das einerseits auf einer Mikroebene. Sie bleibt nahe am Text. Verliert aber nicht den grossen Erzählbogen der Bibel aus den Augen. So hat sie dann in Biel mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Seminars auch Grosses vor: Innerhalb eines Tages den Bogen von Abraham zu Paulus zu schlagen. Von Babel nach Damaskus – und zurück in die Gegenwart. Denn für Kahl ist klar: Die biblischen Geschichten haben uns auch heute noch viel zu sagen.

Kahl beginnt die Bibelarbeit mit Genesis 12, 1 auf der Mikroebene: «Und der Herr sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will.» Abraham geht aus Babylon weg. Lässt alles hinter sich, was ihn definiert hat: Vaterland, Verwandtschaft und Vaterhaus. «Fremderfahrung und Migration stehen am Anfang unserer Geschichte», sagt Kahl. «Abraham geht ins Nichtsein hinein, wo er auf Gastfreundschaft angewiesen ist.» 

Abraham als Migrant
Die Theologin fordert die einen Teilnehmenden auf, die Rolle Abrahams einzunehmen, eine andere Gruppe die Rolle einer heutigen Einwanderungsbehörde. Im Rollenspiel soll Abraham seine Argumente für eine Immigration im gelobten Land einnehmen. Schnell wird klar, Abraham hätte heute mit seinen Gründen zu emigrieren keine Chance.

Brigitte Kahls Wissen ist enorm. Sie macht Bezüge zu anderen Bibelstellen, bringt die Geschichten in einen historischen und geografischen Zusammenhang. Und immer wieder springt das Feuer für ihre Arbeit auf die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Seminarraum über. Kahl sucht nach Gegenpolen. Zeichnet Abrahams Weg in einem Schema auf, um die Gedanken und die Interpretation zu strukturieren. Für Kahl ist klar, Abraham folgte mit seinem Auszug aus Babylon einer Gegenlogik des damaligen Systems.

Politische Dimension
Abraham ist der Begründer des Monotheismus, den Glauben an den einen Gott, der andere Götter ausschliesst. Mit Hilfe einer jüdischen Auslegung der Bibelstellen, einem Midrasch, erklärt Kahl, wie sie die Fragen nach dem einen Gott interpretiert: «Die biblische Deutung hat eine viel politischere Dimension», sagt Kahl. «Es geht nicht um Religion und Vielgötterei, sondern die Götter versinnbildlichen die Macht der Staaten.» Und genau diese zerstöre Abraham. Abraham verhält sich ordnungswidrig, so Kahl. Wehrte sich gegen ein System, das die Menschlichkeit zerstöre.

Eine zweite Hoffnungsgeschichte findet Kahl bei Paulus. Im Schnelldurchlauf schlägt Kahl den Bogen vom Buch Genesis ins Neue Testament. Anhand des Galaterbriefes stellt die Theologin dar, dass sich auch Paulus gegen die vorherrschende Ordnungslogik verhält. Wie bei Abraham findet Kahl auch hier eine Geschichte des Aufbruchs, die Hoffnung vermittelt: Paulus gründete im damaligen Imperium überall Keimzellen einer neuen Ordnung. «Das ist nicht Mission, als was es oft bezeichnet wird, sondern ist als Gegenstrategie zum damaligen Imperium zu sehen», fasst Kahl Paulus Gründungen von Christgemeinden zusammen.

Nach mehreren Stunden intensiver Bibelarbeit ist das Notizheft voll mit etlichen Querbezügen in der Bibel. Kahl führte meisterhaft vor, wie in grossen Zusammenhängen, brückenschlagend nicht nur zwischen biblischen Figuren und verschiedenen Büchern der Bibel, sondern auch zwischen den biblischen Geschichten und unserer Gegenwart gedacht werden kann. «Nur wenn wir uns die Bibel wieder aneignen», so Kahl, «können wir uns gegen die Instrumentalisierung der Bibel durch gewisse Politiker wehren und verhindern, dass die Bibel zu ihren Zwecken instrumentalisiert wird.»

Nicola Mohler, reformiert.info, 25. Juni 2019