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Politik

Frau Müller streikt

Ein Amen und ein pinker Punkt für die Gleichberechtigung. Wie Kirchenfrauen streiken.

Heute ist Frauenstreiktag. Überall violett. Die Farbe mag ich nicht, sie steht mir nicht. Und überhaupt – Frauenstreik? Ich gehöre zur Generation, die 1991, damals als Jung-Assistentin an der Uni Basel, voller Elan und jugendlichem Idealismus dabei war. Aber jetzt, 28 Jahre danach? Die Schweiz – eines der rückständigsten Länder Europas, wenn es um die Gleichberechtigung geht, wie das Magazin «Der Spiegel» schreibt! Muss ich wirklich nochmal auf die Strasse und um Grundlegendes kämpfen, weil wir immer noch nicht weiter sind? Das ist einfach nur deprimierend. Ein verlockender Gedanke taucht auf: Wäre ein Tag im Bett mit einem guten Buch und viel Schokolade nicht die bessere Streik-Option? «Weil ich es mir wert bin» – Punkt. Amen?

Kirchenfrauen auf der Strasse
An diesem Slogan ist etwas falsch. Das merke ich, bevor ich ihn zu Ende gedacht habe. «Gleichberechtigung. Punkt. Amen.», muss es heissen. Dies ist das Motto der streikenden Kirchenfrauen. Mit einigen von ihnen habe ich mich zum Streiken verabredet. Ich stänkere also noch etwas herum, mache mich dann aber doch auf nach Bern, wo ich am Nachmittag mit Gabriela Allemann, der frisch gewählten Präsidentin der Evangelischen Frauen Schweiz EFS, am Demonstrationszug teilnehme. Ebenfalls auf der Strasse: Barbara Fankhauser und Christine Volet vom EFS-Zentralvorstand. Wir kleben uns den gut sichtbaren pinken Punkt mit dem Streikmotto auf Brust und Rücken.

Das Stimmrecht reicht nicht
Auf dem Weg zum Bundesplatz schlies­sen sich uns weitere Frauen an, etwa aus der katholischen Kirchgemeinde Johannes. Auch sie tragen den pinken Punkt, violette Schals, T-Shirts und ein Transparent. Die Evangelischen Frauen haben im Vorfeld sieben Thesen zur Gleichberechtigung aufgestellt. Sie wollen, dass diese etwas bewirken und die Macht zwischen Frauen und Männern gerechter aufgeteilt wird. Und sie freuen sich, dass die katholischen Frauen diese Thesen ebenfalls diskutiert haben. Barbara Fankhauser hofft, dass der Streik möglichst vielen die Augen öffnet und sie die Anliegen der Frauen zur Kenntnis nehmen. «Mit dem Stimmrecht ist es nicht getan. Der Gleichstellungsartikel muss bis ins Detail gelebt werden», betont sie. Christine Volet ist es wichtig, dass die Kirche sich mit den Frauen solidarisiert. Solidarität mit den Geschlechtsgenossinnen – das sehen nicht alle so. «Ins Militär wollen sie dann doch nicht!», zischt eine Frau aus der Menge der Zaungäste am Stras­senrand. Wir lachen, können es kaum fassen. Warum bedeutet Gleichberechtigung für viele, dass die Männer die Richtung vorgeben? Militärdienst, Pensionierung mit 65, Chefposten nur zu 130 Prozent. Wäre es nicht vorstellbar, dass auch Männer keinen Militärdienst leisten müssen, früher in Pension gehen können und als Teilzeitbeschäftigte Karriere machen? Doch solche Überlegungen sind wohl Zukunftsmusik. Denn heute müssen Frauen immer noch für Grundlegendes wie gleichen Lohn für gleiche Arbeit kämpfen. Das müssen wir jetzt ändern.


Woher kommen plötzlich diese fordernden, ungeduldigen Gedanken? Hat mich der pinke Punkt verwandelt? Nach Bett und Schokolade verspüre ich jedenfalls keine Sehnsucht mehr. Die Streiklust hat mich gepackt. Ich habe gute Argumente. Spätestens auf dem Bundesplatz kann ich mich den Forderungen der 40 000 Anwesenden nicht mehr entziehen. So viele Frauen, junge und alte, aber auch erstaunlich viele Män-
ner und ganze Familien – überwältigend. Die Stimmung ist locker, die Forderungen jedoch lautstark. Von den Reden verstehen wir kein Wort, lassen uns aber gerne von Nationalrat Matthias Aebischer den pinken Streiksirup ausschenken. Und geraten kurz in Aufregung, als sich Bundesrätin Simonetta Sommaruga unter die Dem­onstrierenden mischt.
«Gleichberechtigung. Punkt. Amen», und ja, wir Frauen sind es uns wert.

27.6.19 / Karin Müller